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500 Kilometer auf Grenzsteinsuche

Hans-Joachim Gawor mit einem Grenzstein des Königreiches Sachsen.
Hans-Joachim Gawor mit einem Grenzstein des Königreiches Sachsen. FOTO: rhf1
Königswartha. Der Königswarthaer Hans-Joachim Gawor hat mit Heimatfreunden eine mehr als 200 Jahre alte Grenze erforscht, die einen tragischen Abschnitt in der Geschichte Sachsens betrifft. Als 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig das Napoleonische Imperium zusammenbrach, wurde durch die Sieger im Mai 1815 in Wien ein Friedenstraktat zwischen den Königreichen Sachsen und Preußen diktiert. Reinhard Hoffmann / rhf1

In seiner Hauptkonvention wurden die neuen Grenzen festgeschrieben. Sachsen, als zeitweiliger Verbündeter Napoleons, verlor 58 Prozent seines Territoriums und 42 Prozent seiner Bevölkerung zumeist an Preußen. Die bis dahin einheitliche Oberlausitz wurde in eine Sächsische und eine Preußische geteilt, wovon auch das sorbische Siedlungsgebiet betroffen war. Die Grenze verlief entlang alter Kreis- und Flurgrenzen, mitten durch Kommunen Kirchenländereien, Rittergüter und manchmal durch Flüsse oder Fischteiche. Betroffen von der Grenzziehung waren in der Oberlausitz auch elf Kirchspiele und sieben Grundherrschaften.

In der hiesigen Region ging die neue Grenzlinie über Hermsdorf, Steinitz, Wartha, Trado, Liebegast, Dubring, Zeissholz, Bernsdorf, Neu Wiednitz und Kroppen. Bei Otterschütz wurde ein Grenzabschnitt der Standesherrschaft Hoyerswerda tangiert. Die sächsisch-preußische Grenze hat eine Länge von nahezu 500 Kilometern und verläuft vom östlichen Dreiländereck Sachsen-Preußen-Österreich, im Witka-Stausee in Polen liegend, bis zum westlichen Dreiländereck Sachsen-Preußen-Thüringen bei Lucka. In einem Ort ging die sächsisch-preußische Grenze von 1815 sogar durch ein Wohnhaus. Dort lebten die Menschen am Tag in Preußen und abends suchten sie das Schlafzimmer in Sachsen auf.

Wir wissen wenig, wie die Neu- und Musspreußen mit dem aufgezwungenen Herrschaftswechsel zurechtkamen. Bis 1933 blieb die Grenze die Trennlinie zwischen Sachsen und Preußen. Danach verlor sie zunächst ihre Bedeutung als Landesgrenze. Von 1945 bis 1952 trennte sie Brandenburg und Sachsen und von 1952 bis 1990 verlief hier die Grenze zwischen den Bezirken Cottbus und Dresden.

Im Jahr 1818 setzten Kommissionen die ersten Grenzpfähle aus Holz. Ab 1828 wurden diese durch große Grenzsteine, Pilare genannt, ersetzt. Die Steine trugen nach den Ländern zugewandt die Buchstaben KS für Königreich Sachsen und KP für Königreich Preußen und darunter die Grenzsteinnummer. Der Abstand der Grenzzeichen zueinander war uneinheitlich. Er richtete sich nach den territorialen Gegebenheiten und differierte von 200 Metern bis zu 4350 Metern. Je nach Gesteinsvorkommen wurde die Pilare aus Granit, Sandstein, Porphyr oder Quarzit hergestellt. Sie haben ein Gewicht von 400 bis 1000 Kilogramm.

Die Pilare in der Oberlausitz wurden aus Granit gefertigt und sind nach 190 Jahren noch gut erhalten. Westlich der Oberlausitz sind sie aufgrund des weicheren Materials stark verwittert und viele fehlen. Zwischen den Pilaren wurden kleinere Grenzzwischensteine, sogenannte Läufersteine, aufgestellt.

Gawor

Hat nahezu neun Jahre gebraucht, um die 500 Kilometer Grenzlinie zu finden, abzusuchen und die vorhandenen Grenzzeichen zu dokumentieren. Dem voraus gingen Genehmigungsanträge, Recherchen in Archiven und in Liegenschaftsämtern und viele Gespräche mit Ortskundigen. Von den ehemals vorhandenen 381 Grenzpilaren haben die Grenzsteinsucherfreunde 288 gefunden, teils ausgegraben und wieder aufgerichtet. Hinzu kamen noch 2151 Läufersteine, davon 1016 in der Oberlausitz. Gawor schätzt ihre ehemalige Anzahl auf bis zu 12000. Im Laufe der Jahre gingen durch Straßen- und Eisenbahnbau, Flussbegradigungen, Tagebaue, Truppenübungsplätze und Landwirtschaft, aber auch durch Diebstahl einige Grenzzeichen verloren. Dafür wurden auf der Grenzlinie in der Oberlausitz 28 Marksteine, fünf Grenzsteine der Standesherrschaft Hoyerswerda aus dem Jahr 1752 und mehr als 300 lokale Grenzsteine gefunden. Über Geschichte und Geschichten zur sächsisch-preußischen Grenze und die aufwendige und teilweise abenteuerliche Grenzsteinsuche berichtet Hans-Joachim Gawor in seinem kürzlich beim Oberlausitzer Verlag erschienenen Buch "Von der Witka bis zur Weißen Elster - Fünfhundert Kilometer auf Grenzsteinsuche."

Im Buch gibt es Farbfotos aller gefundenen 288 Grenzsteine mit entsprechenden Koordinaten und umfangreiches Bild- und Kartenmaterial. Gawor sagt, dass die Erfassung des Grenzverlaufes nicht abgeschlossen ist, denn immer wieder werden verloren geglaubte Grenzzeichen gefunden. Sein Wunsch ist, diese Geschichtszeugen für Nachfolgegenerationen zu bewahren. Das ist ein interessantes Betätigungsfeld für Heimatforscher und Hobbygrenzsteinsucher.