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| 14:28 Uhr

Lauta
120 Seiten lebendiges Lautawerk

Dr. Gabriele Schluttig aus Lauta zeigt eine Zeichnung des Lautawerk-Architekten Clemens Simon. Laut der Planungen sollte die Gartenstadt Lauta noch wesentlich größer werden als sie heute ist.
Dr. Gabriele Schluttig aus Lauta zeigt eine Zeichnung des Lautawerk-Architekten Clemens Simon. Laut der Planungen sollte die Gartenstadt Lauta noch wesentlich größer werden als sie heute ist. FOTO: Sascha Klein / LR
Lauta. Dr. Gabriele Schluttig aus Lauta wird die wechselvolle Historie des Lautawerks und der Gartenstadt Lauta-Nord in einem Buch beschreiben. Dies wird die lebendigste Beschreibung der 101-jährigen Lautawerkschen Geschichte. Von Sascha Klein

Clemens Simon: Nie gehört? Friedrich Constantin: Unbekannt? Beide Männer haben die Stadt Lauta in den vergangenen 101 Jahren tief geprägt. Sie sind Teil eines großen Puzzles, einer Vielzahl von Informationen, die jeder kennen sollte, um die Entstehung und Geschichte von Lautawerk zu verstehen.

Eine Frau versucht zurzeit, diese Puzzlestücke zusammenzusetzen. Gabriele Schluttig. Die promovierte Chemikerin wohnt selbst in einem Teil dieser Geschichte, die mit Clemens Simon zu tun hat. Simon ist der Architekt gewesen, der Lauta-Nord als Werkssiedlung auf dem Reißbrett entworfen hat. Mittendrin in diesem Stück Historie wohnt Gabriele Schluttig mit ihrem Mann, im alten Pfarrhaus. Sie ist in Lauta aufgewachsen und die Tochter von Helmut Winkler, einem der einstigen Betriebsleiter des Chemiewerks.

Inzwischen kennt sie sich in der Lautawerkschen Geschichte so gut aus wie nur ganz wenige andere. Sie forscht zu alten Straßennamen, zu historischen Fakten und zu Persönlichkeiten. Eine davon ist Friedrich, genannt Fritz, Constantin. Er hatte Maschinenbau studiert und arbeitete als Ingenieur im „Technischen Büro“ des Aluminiumwerkes.. Constantin war gläubiger Christ. Weil er die Situation der Zwangsarbeiter im Werk während des Zweiten Weltkrieges angeprangert hatte, wurde er denunziert, mehrfach verhaftet und eingesperrt. Seine letzte Reise führte ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort starb Friedrich Constantin 1944 in Folge einer schweren Krankheit. Seit Juli 1945 gibt es in Lauta den Constantinplatz. Auch ein Gebäude im Aluminiumwerk ist nach Constantin benannt worden, das Constantinhaus. Es steht heute nicht mehr.

Das Lautawerk wenige Wochen vor seiner Inbetriebnahme. Die Schornsteine gehören zum Kraftwerk.
Das Lautawerk wenige Wochen vor seiner Inbetriebnahme. Die Schornsteine gehören zum Kraftwerk. FOTO: Senak Lauta

All diese historischen Fakten sind 100 Jahre nach der ersten Aluminiumschmelze im Lautawerk nur Insidern bekannt. „Eigentlich feiern wir in diesem Jahr 101 Jahre Lautawerk“, sagt Gabriele Schluttig. Denn die Werksgeschichte beginnt schon 1917. Die 67-Jährige, die zwischen 1989 und 2011 in Hamburg, Basel und Frankfurt am Main gelebt hat, will diese Episoden für die Nachwelt festhalten. Denn außer ihr, einigen engagierten Geschichts-Enthusiasten und der Lautaer Seniorenakademie um ihren Vorsitzenden Siegfried Erler, plätschert das Jubiläum des einst größten Aluminiumwerkes Europas fast lautlos an Lauta vorbei. Das ärgert nicht nur Gabriele Schluttig. Immerhin ist Lautawerk einer der großen Arbeitgeber der Region gewesen. Viele Lautaer haben eine Werksgeschichte. Es gab enge Verbindungen zur Kohle nach Laubusch.

Seit Gabriele Schluttig wieder in Lauta zu Hause ist, interessiert sie sich immer tiefgründiger für die Geschichte ihrer Heimat. Im Internet-Blog Zeitenleser hat sie bereits einige Beiträge zur Lautawerkschen Historie veröffentlicht. Seit vergangenem Herbst recherchiert sie intensiv zum Auf und Ab des Lautawerks, ist zu Gast im Landesarchiv in Potsdam, wo viele Unterlagen gelandet sind. Sie sammelt Geschichten über Ereignisse und Menschen, die vom und mit dem Werk gelebt haben. Recherchieren war einst ein Hauptbestandteil ihrer Arbeit als Geschäftsführerin eines Pharmaunternehmens. Sie braucht Kopfarbeit. Die findet sie nun auch in der Recherche rund um das Thema Lautawerk. Sie hat noch viele Kontakte zu Zeitzeugen, kennt aus DDR-Zeiten viele Hintergründe und Ansprechpartner

Manche dieser Episoden setzt Gabriele Schluttig jetzt wie ein großes Puzzle zusammen. Die einzelnen Teile sollen in einem Buch münden. Es soll rund 120 Seiten haben und das Leben im Werk, der Werkssiedlung und der daraus wachsenden Stadt zeigen. Es soll am 9. Juni erscheinen. Für diesen Tag ist ein Symposium mit mehreren Experten geplant, bei dem es im Lausitzer Technologiezentrum um die Historie und Bedeutung von Lautawerk gehen wird.

Siegfried Erler, Vorsitzender des Vereins Seniorenakademie Lauta, verwaltet das Traditionskabinett des Lautawerks im Technologiezentrum Lauta. Das Lautawerk war von 1918 bis 1945 das größte Aluminiumwerk Europas und hat bis 1990 Aluminium hergestellt. Im Jahr 2018 feiert Lauta 100 Jahre Aluwerk. Die Senak will in diesem Jahr ein Denkmal für das Aluwerk in Lauta-Nord errichten lassen.
Siegfried Erler, Vorsitzender des Vereins Seniorenakademie Lauta, verwaltet das Traditionskabinett des Lautawerks im Technologiezentrum Lauta. Das Lautawerk war von 1918 bis 1945 das größte Aluminiumwerk Europas und hat bis 1990 Aluminium hergestellt. Im Jahr 2018 feiert Lauta 100 Jahre Aluwerk. Die Senak will in diesem Jahr ein Denkmal für das Aluwerk in Lauta-Nord errichten lassen. FOTO: Sascha Klein / LR

Dass auch vor 100 Jahren bei der Bauplanung nicht alles glatt gelaufen ist, hat Gabriele Schluttig auch herausgefunden. Nicht nur, dass das Werk mehrere Hundert Millionen Reichsmark gekostet hat. Manche Vorhaben waren überdimensioniert, unter anderem die zunächst geplante evangelische Kirche. „Da wurde anhand der späteren Beschäftigten hochgerechnet, wie viele Sitzplätze die Kirche haben muss. Zunächst wurde mit 2400 geplant“, sagt Gabriele Schluttig. „Das war natürlich viel zu groß.“ Zum Vergleich: Der Kölner Dom hat 1200 Sitzplätze.