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Hoyerswerda
110 Mitwirkende für einmal „Carmen“

Opernsängerin Silke Richter in der Maske: Eine knappe halbe Stunde braucht Maskenbildnerin Astrid Mohr, um aus ihr eine temperamentvolle „Carmen“ zu machen.
Opernsängerin Silke Richter in der Maske: Eine knappe halbe Stunde braucht Maskenbildnerin Astrid Mohr, um aus ihr eine temperamentvolle „Carmen“ zu machen. FOTO: Rainer Könen / Könen, Rainer
Hoyerswerda. Oper in der Lausitzhalle: Die RUNDSCHAU hat den riesigen logistischen Aufwand verfolgt, um solch ein Stück aufzuführen. Von Rainer Könen

Silke Richter schließt die Augen. Es bleibt ihr auch nichts anderes übrig. Maskenbildnerin Astrid Mohr beginnt damit, das helle Antlitz der Hauptdarstellerin in ein südeuropäisches zu verwandeln. Binnen einer halben Stunde wird aus der Mezzosopranistin die Namensgeberin dieses Abends: die Zigeunerin Carmen.

Am Mittwoch war wieder Opernzeit in der Lausitzhalle, gastierten dort die Landesbühnen Sachsen mit einer Carmen-Inszenierung. Bereits am Vormittag beginnt der Aufbau des Bühnenbildes, am Nachmittag steht die Szenerie, in der sich am Abend Sänger und Tänzer tummeln werden. Zwei Stunden vor Aufführungsbeginn herrscht noch Ruhe im Bühnenvorraum. Es werden 125 Kostüme für diese Inszenierung benötigt. Vier Maskenbilderinnen richten sich ihren Arbeitsplatz im hinteren Bereich der Bühne ein. Spiegel, Stühle, Kosmetika. Dort werden die Mitwirkenden im Minutentakt – es gibt einen Schminkplan – in Soldaten, Zigeunerinnen und Schmuggler verwandelt.

Um kurz vor 18 Uhr tritt die Frau ein, bei der an diesem Abend alle Fäden dieser Vorstellung zusammenlaufen. Es ist Beate Aps. Die Inspizientin dieser Inszenierung kennt sich in der Lausitzhalle gut aus. Schließlich gastieren die Landesbühnen regelmäßig in Hoyerswerda.

Tenor Michael König schlendert umher, lässt seine Stimme „warmlaufen“, wie einer der Bühnenarbeiter scherzt. Mit einem tiefen rollenden „Uaaääähh“, das irgendwie an einen Bär erinnert, wandelt er durch den Garderobengang. König spielt den Leutnant Zuniga, er kommt schon vor der Aufführung in einer soldatenhaften Haltung daher.

Während sich Beate Aps an ihrem Arbeitsplatz einrichtet, sitzt Gisela Zürner im Bühnenvorraum, blättert in ihren Unterlagen. Sie ist für die Stück­einführung verantwortlich, wird den Besuchern im Foyer der Lausitzhalle vor Aufführungsbeginn etwas über Bizets Oper erzählen. „Hier in Hoyerswerda schätzt man das auch sehr“, erzählt sie. Verbunden mit einem historischen Exkurs: Sie wird erläutern, warum diese Oper bei der Uraufführung 1875 in Paris als „problematisch“ galt, weil sie seinerzeit als zu vulgär, zu exotisch daherkam. Silke Richter ist inzwischen zur Carmen geworden.

Der logistische Aufwand für diese Inszenierung ist beträchtlich. Da sind die Kulissen, die per Lastwagen transportiert werden. Drei Busse benötigt man für das gesamte Personal. Das sind 50 Musiker der Elblandphilharmonie, 16 Solisten, 37 Chormitglieder, Maskenbildner- und fünf Ankleiderinnen, Bühnen- und Tontechniker sowie Beleuchter. Rund 110 Mitwirkende sind es, die hinter und auf der Bühne agieren. Der Bus mit den Sängern ist um kurz vor 18 Uhr gekommen, der zweite steht um halb sieben auf dem Parkplatz, spuckt vor der Halle die Chormitglieder aus.

Nun wird es hinter den Kulissen zunehmend lauter, unruhiger. Unbeeindruckt von der Hektik konzentriert sich Beate Aps auf andere Dinge, auf die Knöpfe am Inspizientenpult, auf den Monitor vor ihr, der die leere Bühne zeigt. Ein verantwortungsvoller Posten. „Meine Damen und Herren, noch eine halbe Stunde bis Vorstellungsbeginn“, hört man im hinteren Bühnenbereich ihre Stimme aus den Lautsprechern. Mit einem Stift bewaffnet, blättert sie im Textbuch. Dort ist einiges farblich markiert: wer ins rechte Licht gesetzt werden muss, wann das Orchester seinen Einsatz hat, der Vorhang geöffnet, geschlossen werden muss.

Für einen ist dieser Abend ein ganz besonderer. Das ist Sebastjan Podbregar. Der Tenor gibt den Sergeanten Don José, ebenfalls eine tragende Rolle. Er ist erst seit wenigen Wochen Ensemblemitglied, muss an diesem Abend für einen erkrankten Kollegen einspringen. Für ihn ist es ein Sprung ins kalte Wasser. Er hatte noch nicht mit den Kollegen proben können.

Im Saal warten die Besucher auf den Beginn. Eine Regieassistentin probt auf der Bühne noch kurz einige Schrittfolgen mit dem Kinderchor. Die Musiker der Elblandphilharmonie haben den Orchestergraben besetzt, einige spielen sich im Keller, auf der Treppe zum Orchestergraben, kurz warm.

Als die Aufführung beginnt, herrscht hinter der Bühne, an den Seiteneingängen großes Gewusel. Hier drängen sich Tänzer, Sänger, warten gespannt auf ihren Auftritt. Immer wieder beugt sich Beate Aps zum Mikro, „jetzt die 42“ und „ab“, dann ist das Orchester zu hören, wechselt das Licht, betreten Akteure die Bühne. Alle Tänzerinnen tragen schwarzes Haar. Spanierinnen sind nun mal nicht blond. Sänger Podbregar schlägt sich gut. „Der macht das toll, der macht das richtig gut“, freut man sich rings ums Inspizientenpult.

Das Finale naht, im dritten Akt geht es Silke Richter alias Carmen an den Kragen, sprich, das Eifersuchtsdrama zwischen ihrem neuen Lover, dem Torero Escamillo und ihrem Verflossenen, Don José, spitzt sich in dieser Szene zu.  Zielstrebig spielen und singen alle nach rund drei Stunden Aufführungszeit dem Feierabend entgegen.

Den rund 320 Besuchern hat der Abend gefallen, das ist deutlich zu hören. Und Tenor Pod­bregar ist einfach glücklich, seine Carmen-Premiere bestanden zu haben.