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100 Jahre Schienenfahrzeugbau

Diese Triebwagen wurden in Niesky für die Leipziger Sraßenbahn gebaut. Hier ein Modell auf einer Straßenbahnanlage.
Diese Triebwagen wurden in Niesky für die Leipziger Sraßenbahn gebaut. Hier ein Modell auf einer Straßenbahnanlage. FOTO: Pohl/cpl1
Niesky. Als im Jahr 1917 in Niesky die Schienenfahrzeugherstellung begann, waren es geradezu ideale Voraussetzungen, die Firmenwurzeln sowohl im Metall- als auch im Holzbau zu haben. Im Jahre 1835 hatte Johann Ehregott Christoph eine Kupferschmiede gegründet. Christoph Pohl / cpl1

Nach Betriebserweiterungen konnte er ab 1863 auch Dampfmaschinen und Brücken bauen. Andererseits gründeten der aus Dänemark stammende Tischler Christoph und der Architekt Unmack 1882 eine Holzbaufirma und stellten zunächst Baracken und Holzhäuser her. 1922 fusionierten die beiden Unternehmen zur Christoph & Unmack AG. Beide Christophs waren weitläufig miteinander verwandt. Holzbau, Waggonbau, Stahlbau und Motorenbau waren ihre Betriebsteile.

Damals wurde im Schienenfahrzeugbau noch weit mehr Holz verbaut, als heute. Im Eisenbahnbau war die AG eher an der Herstellung größerer Serien von Güter-, Post- und Reisezugwagen für die Deutsche Reichsbahn beteiligt, im Straßenbahnbau waren es kleinere Stückzahlen. Oftmals wurden Modelle mit anderen Herstellern gemeinsam entwickelt und produziert. Eine enge Zusammenarbeit bestand mit den Waggonbaubetrieben in Bautzen und in Görlitz. Für die elektrische Ausrüstung der Triebwagen war vielfach das Sachsenwerk in Dresden mit im Boot. In der Regel bestellten Straßenbahnbetriebe "eigene” Serien oder Probefahrzeuge. Trotzdem war die Entwicklungsarbeit nie umsonst, denn alle Erfahrungen konnten weiter verwendet werden.

In den Auftragsbüchern der Waggonbauer in Niesky standen unter anderem die Straßenbahnen in Berlin, Frankfurt/Oder, Chemnitz, Zwickau, Leipzig, Magdeburg und Dresden.

Nicht alle produzierten Modelle waren rundherum erfolgreich. So bewährten sich die für die Berliner Straßenbahn 1924/ 25 gebauten Trieb- und Beiwagen der Serie T24/ B24 zunächst nicht und mussten nachgebessert werden. Es handelte sich um zweiachsige Fahrzeuge mit Mitteleinstieg in absolut eckiger beziehungsweise rechtwinkliger Form.

Ebenfalls über einen Mitteleinstieg verfügten die vierachsigen Triebwagen, welche für die Überlandstrecken der Leipziger Straßenbahn bestimmt waren, ein Modell ist auf dem Foto abgebildet. Erste Konstruktionsberatungen fanden 1929 bei Christoph & Unmack in Niesky statt, die 56 Serienfahrzeuge wurden dann 1930/31 von drei Waggonbaubetrieben ausgeliefert. Die Fahrzeuge bewährten sich gut und ein Teil von ihnen konnte nach der Stilllegung in Leipzig sogar noch nach Strausberg bei Berlin weitergegeben werden. Sie waren dort bis 1983 eingesetzt und erreichten damit ein für Straßenbahnen absolut himmlisches Alter! Normalerweise wird mit einer Einsatzzeit von maximal 25 bis 40 Jahren gerechnet.

Im Jahre 1929 verließen auch vier verschiedene, auf den erwähnten Berliner Typen basierende Gelenkwagen die Werkshallen in Niesky. Sie waren in der Praxis unterschiedlich erfolgreich, zu einem Serienbau kam es bei keiner der Varianten.

Als zwei Schritte mit Meilenstiefeln können Entwicklung und Produktion der Großen und Kleinen Hechtwagen ab dem Ende der 1920er-Jahre betrachtet werden. Mit diesen Fahrzeugen wurden viele Neuerungen im Straßenbahnbau verwirklicht. Sie waren in Dresden und in Magdeburg eingesetzt, eine Weiterentwicklung wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhindert. Die Hechte waren immerhin etwa 40 Jahre im Einsatz und wurden um 1970 in erster Linie aus dem Verkehr genommen, weil sie durch ihre spitz zulaufende Form nicht für den schaffnerlosen Betrieb geeignet waren. Nach Kriegsende wurden in Niesky keine Straßenbahnen mehr hergestellt.

Während des Zweiten Weltkrieges waren noch verstärkt Baracken gebaut worden. Die sowjetische Besatzungsmacht ließ 1945 alle noch vorhandenen Anlagen der Holzverarbeitung demontieren, womit die Geschichte des Holzbauunternehmens in Niesky ebenfalls endete. Der 1939 ausgliederte Stahl- und Brückenbau firmierte zunächst als Stahlbau Niesky GmbH. Nach seiner Verstaatlichung 1946 spezialisierte sich der Betrieb unter dem Namen VEB Waggonbau Niesky auf die Produktion von Güterwagen und Güterwagen-Drehgestellen. Nach Besitzverhältnissen zur Deutschen Waggonbau AG (DWA), zum Bombardier-Konzern und zur Deutschen Bahn AG sowie einer Insolvenz gehört die Firma seit 2014 der Münchner Unternehmensholding Quantum an, verbunden mit einer fünfjährigen Standortgarantie.

Die derzeitige Betriebsexistenz lässt sich kaum besser vorstellen, denn immer wieder werden Interessenten für spezielle Wagenserien gefunden. So wurden im vorigen Jahr die Ersten von 111 Transportwagen für den Eurotunnel übergeben und zwei Verträge in China mit einem Volumen von zehn Millionen Euro abgeschlossen. Darüber hinaus konnte in Peking sogar eine Firmenvertretung gegründet werden, weitere Aufträge kamen auch aus Norwegen. Das Unternehmen trägt jetzt auf den Namen WBN Waggonbau Niesky GmbH.