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| 19:07 Uhr

Psychologische Abteilung im Thiem-Klinikum Cottbus
Wenn die Seele schmerzt

Die Maltherapie hilft den Patienten, sich über ihre Gefühle und mögliche Zusammenhänge mit körperlichen Beschwerden klar zu werden.
Die Maltherapie hilft den Patienten, sich über ihre Gefühle und mögliche Zusammenhänge mit körperlichen Beschwerden klar zu werden. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Am Carl-Thiem-Klinikum finden Patienten Hilfe, für deren Leiden bisher keine körperlichen Ursachen gefunden werden konnten. Seit zwei Jahren bietet eine psychosomatische Abteilung ihnen eine Chance auf Heilung. Die Erfolge sind groß.

Ein behagliches Sofa, ein antiker Sekretär, ein bisschen Plüsch und Mahagoni: Wer die Tür zum Arbeitszimmer von Dr. Dieter Sikorski öffnet, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Weg von kühler Krankenhausatmosphäre, weg von einer Welt der weißen Kittel, hin zu einem Ort, an dem Hektik keinen Platz hat.

Dieter Sikorski, seit zwei Jahren Leiter der psychosomatischen Abteilung, beugt sich mit seiner Kollegin Juliane Hübsch über Krankenakten und bespricht die aktuellen Fälle. Wer hierher kommt, hat zumeist einen langen Leidensweg hinter sich. Erfolglose Arztbesuche und Klinikaufenthalte, ergebnislose Untersuchungen. Menschen aus ganz Brandenburg, Berlin, Dresden oder Polen melden sich mit höchst unterschiedlichen Problemen: schwerste Magen-, Rücken- oder Kopfschmerzen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Panikattacken, Essstörungen.

20 Betten umfasst die Station, zusätzlich gibt es 15 Plätze in der Tagesklinik. Ein Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegern ist rund um die Uhr für die Patienten da. Die Liegezeiten sind überdurchschnittlich, viele Patienten brauchen mehrere Monate, bis sich die ersten Erfolge einstellen. Doch die Mühe lohnt sich. „Nirgendwo im Klinikum sind die Heilungserfolge so groß wie bei uns“, sagt Dieter Sikorski selbstbewusst. Ein Beispiel.

Der Mann mit Magenschmerzen.

Seit mehr als sieben Jahren quält sich Jürgen Hober* (30) mit schwersten Magenschmerzen. Unterschiedliche Fachärzte haben bei ihren Untersuchungen keine körperlichen Ursachen finden können. Die Schmerzen aber sind so heftig, dass der IT-Fachmann seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Job, Partnerin und Tochter überfordern ihn.

„Als er zu uns kam, haben wir ihn – wie alle unsere Patienten – zunächst von Kopf bis Fuß untersuchen lassen, um jede organische Ursache für seine Beschwerden ausschließen zu können“, erklärt die Psychologin Juliane Hübsch. Diese aufwendige Diagnostik sei teuer, aber unumgänglich. „Nur so kann der Patient langsam akzeptieren, dass der Körper nur Symptome von etwas zeigt, dss tief in seiner Psyche verborgen ist.“

Nach und nach bauen die Psychologen eine Beziehung zu Jürgen Hober auf. Bei Ergotherapie und freiem Malen nähert er sich seinen verborgenen Gefühlen an. Er lernt Entspannungstechniken, nimmt an tiefenpsychologisch orientierten Gruppen- und Einzeltherapien teil. Hober erzählt, dass seine Mutter, eine unsicher-vermeidende Frau, vor seiner Geburt eine Totgeburt erlitten hatte.

Der Junge wächst behütet auf, löst sich nicht aus dem Elternhaus, vermeidet Konflikte. Er heiratet seine erste Freundin, die beiden wohnen im Haus der Eltern. Als sie ein Kind bekommen, fühlt Hober wenig. Die Schmerzen bestimmen sein Leben. Erst in der Therapie lernt er, auf eigene Bedürfnisse zu hören. Nach zahlreichen Paargesprächen trennt er sich von seiner Frau, sucht sich zum ersten Mal im Leben eine eigene Wohnung und holt alles nach, was er als Teenager versäumt hat. Zu seiner Tochter entwickelt er eine enge Bindung. Nach einem dreiviertel Jahr kann er die Behandlung am CTK beenden. Es geht ihm gut.

Dieter Sikorski hat in seiner langjährigen Praxis schon viele Patienten mit ähnlichen Krankheitsbildern behandelt. „Psychosomatiker sind in ihrer präverbalen Phase beeinträchtigt worden, in der Zeit also, in der sie sich noch nicht ausdrücken konnten.“ Dieses „sich nicht ausdrücken können“ nehmen sie mit hinüber ins Erwachsenenleben.

Depressionen, Ängste, Belastungsstörungen gehören zum Alltag auf Sikorskis Station. „Die Menschen leiden heute nicht mehr als früher unter psychischen Problemen – sie sprechen nur eher darüber.“ Das öffentliche Reden über die Depressionen und den Selbstmord des früheren Nationaltorhüters Robert Enke habe spürbar dazu beigetragen, dass Patienten sich ihres Leidens weniger schämen als früher. Generationen, die ihre seelischen Verletzungen verdrängt und verschwiegen haben, übertragen diese dagegen unbewusst oft auf Kinder und Kindeskinder.

Der Mann mit der Angst.

Ein polnischer Arbeiter stürzt vom Baugerüst. Vor dem sicheren Tod bewahrt den früheren Leistungssportler nur seine physische Kraft. Er überlebt den Sturz, wird jedoch seitdem immer wieder von Erinnerungsbildern gequält, die Todesangst auslösen und ihn lähmen.

Er ist nicht mehr in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Für seine Frau ist er längst kein „richtiger Mann“ mehr. Er kommt in die Klinik, braucht fast ein Jahr, um sich aus seiner Lähmung zu befreien und wieder ein autonomes Leben führen zu können. Eine Paartherapie klärt auch das Verhältnis zu seiner Frau. „Heute arbeitet der Mann als Dolmetscher für ein Projekt mit behinderten Kindern“, erzählt Juliane Hübsch. Die Folgen seines Sturzes hat er verarbeitet.

Nicht immer könnten die Ärzte eine komplette Heilung bewirken. Da ist die Frau, die nach einem Herzinfarkt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Nach kurzer Zeit auf Station sieht sie ein, dass sie noch nicht die Kraft hat, sich ihren Konflikten zu stellen. Sie bittet um Entlassung. Andere kommen nur, um durch Psychopharmaka geheilt zu werden. Auch sie werden enttäuscht.

„Dann wieder sehen wir Patienten, die sich eingerichtet haben in ihrer Situation“, erzählt Dieter Sikorski. Sie merken, dass ihnen beispielsweise ein Beziehungskonflikt auf der Seele liegt, haben aber zu große Angst vor einer Trennung.“ Sie brauchen Lösungen, die auf ihre Lebenssituation passen.

Niemand werde während der Therapie zu schweren Schritten gezwungen, ohnehin raten die Therapeuten davon ab, während der Behandlung lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. „Trennen sollte man sich in dieser Zeit möglichst nicht, manche Paare finden hier auch ganz neu zueinander“, so Juliane Hübsch.

Sie und ihre Kollegen sind überzeugt von der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. „Aber es wäre schön, wenn es auch bei den Fachärzten anderer Disziplinen mehr Verständnis für die Psyche der Patienten gäbe“, klagt Dieter Sikorski. Selbst im eigenen Haus gibt es offenbar kaum Unterstützung. „Die wenigsten Patienten werden uns von den Kollegen überwiesen, die meisten Leute kommen durch Tipps von außerhalb.“

⇥*Name von der Redaktion
⇥geändert.

Dr. Dieter Sikorski leitet die Abteilung für Psychosomatik, Juliane Hübsch arbeitet dort als Psychologin.
Dr. Dieter Sikorski leitet die Abteilung für Psychosomatik, Juliane Hübsch arbeitet dort als Psychologin. FOTO: LR / Hilscher Andrea