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| 01:04 Uhr

Zeugnisse aus „wilden Zeiten“ der Wildenauer Kirche gefunden

Wildenau.. 50 Jahre trotzte sie Wind und Sturm, ließ Sonne und Regen aufs Haupt prallen, hielt die Fahne dem eisigen Winter entgegen. Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Indienststellung wurde gestern die alte Wetterfahne mit der Kugel der evangelischen Kirche Wildenau vom maroden Kirchturm genommen. Dabei gab sie wie erhofft auch Zeitdokumente preis, die von schwierigen Zeiten zu berichten hatten. Von Sven Gückel

Doch auch ihren gegenwärtigen Besitzern stehen die Sorgenfalten ins Gesicht geschrieben.
Wunder, genau diese erwartet man beim Betreten einer Kirche. An ein solches Wunder grenzt es derweil, dass im Umfeld des kleinen Gotteshauses von Wildenau bisher kein Unglück geschah. „Der Schaden am Kirchturm ist weitaus größer als zunächst angenommen“ , verdeutlicht Erwin Karl. Der Architekt verweist zudem deutlich darauf, dass die Sanierungsarbeiten keine Schönheitsreparatur sind. Nur wenige Woche später und ein Einsturz wäre nicht auszuschließen gewesen.
Um 1250 errichtet, erlebte das Gotteshaus schon wilde Zeiten. Im 30-jährigen Krieg (1618-1648) massiv zerstört, dauerte der vollständige Wiederaufbau viele Jahrzehnte. Auch in jüngster Zeit versuchten die Kirchenbesitzer immer wieder, mittels einfacher Wege optimale Lösungen zu erzielen. So wurden vor etwa 100 Jahren mehrere Gussträger unter die Empore gestellt, die den Kirchturm und die Orgel zugleich mittragen mussten. Allerdings standen die Träger einfach frei im Raum. Ohne ein sicherndes Fundament. „Das darunter befindliche Pflaster gab im Laufe der Jahre dem Druck natürlich nach“ , erläutert Hobbyforscher und Gemeindekirchenratsmitglied Klaus-Dieter Wollschläger die Brisanz. In schlechtem Zustand war auch das Mauerwerk, das durchnässt und am Fachwerk vom Holzwurm zerfressen war.
Viel Arbeit also für die bauausführende Firma Heinze Bau. Allerdings bereitet vor allem das Beschaffen der finanziellen Mittel Pfarrer Dirk Lehner große Sorgen. Bereits 1997 hatte die Kirche erste Förderanträge gestellt. In wie weit diese den Schaden abdecken, bleibt abzuwarten. Doch eines steht für Lehner bereits heute fest. Streicht der Bund wie geplant die Fördergelder des so genannten Dach- und Fachprogramms, sieht es schlecht aus. Nicht nur für Wildenau, sondern für alle Kirchen. „Dann können wir uns Sanierungen nicht mehr leisten. Die Firmen erhalten weniger Arbeit, Touristen bleiben aus“ , so seine Prognose. Der Bau in Wildenau wird unterdessen zum größten Teil durch die Kirchgemeinde und GFG-Mittel des Kreises mitfinanziert. Kostendeckend sind diese Summen jedoch bei weitem nicht.
Ganz andere Sorgen hatten die damals etwa 400 Dorfbewohner (heute 200) 1952. Ein Kugelblitz zerstörte im September jenen Jahres den Kirchturm, den es noch vor dem Winter wieder zu errichten galt. Jedoch wurde das Holz vom Staat vorübergehend beschlagnahmt, der Baumeister eingesperrt, sein Betrieb konfisziert. So zumindest war es in den Dokumenten zu lesen, welche der damalige Pfarrer Joachim von Hanstein der im Oktober 1953 aufgesetzten Kuppel beilegte. Eine Liste der Erbauer, ein altes Foto sowie eine Gegenüberstellung der Verdienste und Preise jener Tage ergänzten die Beigabe. 16 D-Mark kostete ein Kilogramm Butter, bei einem Durchschnittsverdienst von 250 D-Mark. Harte Zeiten. Unterdessen strahlte gestern so manches ältere Gesicht beim Verlesen der Erbauerliste. Nach nur 50 Jahren konnte man sich schon noch an den einen oder anderen Handwerker persönlich erinnern.
Spätestens im September soll eine neue Wetterfahne das Haupt der Kirche wieder krönen. Bis dahin gilt es, den Turm instand zu setzen, das Dach neu zu decken. Die Sanierung der Kirche selbst wird wohl bis in das kommende Jahr reichen. „Schön wäre es, wenn wir ab Sommer 2004 wieder Gottesdienste hier feiern könnten“ , gibt Pfarrer Lehner seiner Hoffnung Ausdruck. Dazu bedarf es vielleicht eines Wunders. Aber davon scheint es in Wildenau ja reichlich zu geben.