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| 10:05 Uhr

Geschichtsbildung
Um die große Verantwortung für die Zukunft wissen

Zur Vorbereitung auf einen Jugendaustausch, der Schüler des Beruflichen Gymnasiums im nächsten Jahr nach Israel führen wird, gehört auch ein Zeitzeugengespräch. Georg Shefi (l.) hat den Jugendlichen aus seinem Leben berichtet, seine Erinnerungen an die Naziherrschaft geteilt und erklärt, warum er nach Israel gegangen ist.
Zur Vorbereitung auf einen Jugendaustausch, der Schüler des Beruflichen Gymnasiums im nächsten Jahr nach Israel führen wird, gehört auch ein Zeitzeugengespräch. Georg Shefi (l.) hat den Jugendlichen aus seinem Leben berichtet, seine Erinnerungen an die Naziherrschaft geteilt und erklärt, warum er nach Israel gegangen ist. FOTO: LR / Sylvia Kunze
Falkenberg. Zeitzeuge des Holocaust in Falkenberg zu Gast.

Die Aula des Beruflichen Gymnasiums in Falkenberg ist gut gefüllt. An die 60 Jugendliche der 11. und 12. Klassen haben auf den Stühlen Platz genommen, um dem 87-jährigen Georg Shefi, einem der immer weniger werdenden noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust, zuzuhören. Eigentlich hätten die Mädchen und Jungen jetzt schon Schulschluss. Und eigentlich müssten sie gar nicht hier sitzen. Aber sie tun es dennoch.

„Ich freue mich über das große Interesse“, sagt Lehrerin Ute Wolf-Hensel. Sie ist die „Urheberin“ des Israel-Projekts, das im Falkenberger Beruflichen Gymnasium immer mehr Gestalt annimmt. „Wir streben als Schule schon seit Jahren eine Partnerschaft mit einer Schule in Israel an“, berichtet die Frau, die seit 2009 jährlich in das Heilige Land reist und nicht nur die Kollegen darauf neugierig macht.

„Gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung haben wir nun einen Weg gefunden, einen Jugendaustausch anzuschieben. 15 Schüler unseres Gymnasiums werden im kommenden April nach Tel Aviv in Israel reisen, dort in Gastfamilien untergebracht sein und Bekanntschaft mit Gleichaltrigen schließen. Die kommen wiederum nur einen Monat später zu uns nach Falkenberg“, erzählt die Lehrerin. In Vorbereitung des Austauschs gibt es ein zweitägiges Seminar, bei dem unter anderem dem jüdischen Berlin ein Besuch abgestattet wird. Man will sich mit dem „Verlorenen Transport“, der kurz vor Kriegsende in der Region stoppte, und den Schicksalen der jüdischen Häftlinge vertraut machen. Man will Israel-Nachmittag veranstalten. Und man hat sich einen Holocaust-Zeitzeugen nach Falkenberg geholt.

Georg Shefi, heute in Israel lebend, ist mit seiner Frau Yael auf Einladung vom Institut Neue Impulse e.V. nach Deutschland gekommen. Falkenberg gehört mit zu den ersten Stationen seines Besuchs. Er weiß selbst, dass man mit vielen Überlebenden des Holocaust bis zum heutigen Tag nicht über die Zeit damals reden kann. Also hat er es sich ein Stück weit zur Aufgabe gemacht, über seinen Schicksalsweg und damit auch über die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Greultaten der Nazis zu berichten.

„Sie sind nicht schuld an dem, was vor 80 Jahren passiert ist“, beginnt der betagte Mann seine Ausführungen vor den Jugendlichen. „Aber Sie sollen wissen, dass es Ihre Verantwortung ist, dass so etwas nie wieder passiert.“ Danach spricht er davon, wie er als Schulkind die Reichskristallnacht erlebte, wie er auf Kindertransport nach England geschickt wurde und dass er da nicht ahnen konnte, seine Familie nie wiederzusehen.

Shefi sucht immer wieder nach Worten. Das Deutsch ist ihm im Laufe der Jahre in England, Amerika und später Israel etwas abhanden gekommen. Nicht aber sein Wissen um die Geschehnisse, die seine Kindheit, Jugend und sein restliches Leben prägten. Er berichtet davon, dass er bei späteren Recherchen herausgefunden hat, dass seine Mutter und seine Tante nach ­Auschwitz gebracht worden waren und vom Todeszug direkt in die Gaskammer geschickt wurden. „Sie bekamen nicht mal mehr eine Nummer“, klagt er das Vernichtungssystem der Faschisten an.

„So ein Zeitzeugenbericht, das ist was Besonderes für unsere Schule“, bedankt sich Schulleiter Gunter Gesper später für die Mühe, die Yael und Georg Shefi mit der Reise nach Deutschland und dem Besuch in Falkenberg auf sich genommen haben.

(sk)