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Wo am effektivsten ansetzen?

Holm ist nicht gleich Holm, und nicht jede Feuerwehrtechnik ist heute noch den Anforderungen vor Ort gewachsen. Die Automobilindustrie mit ihren stetigen Neuerungen – auch unter dem Aspekt mehr Sicherheit – stellt die Retter am Unfallort vor immer neue Herausforderungen.
Holm ist nicht gleich Holm, und nicht jede Feuerwehrtechnik ist heute noch den Anforderungen vor Ort gewachsen. Die Automobilindustrie mit ihren stetigen Neuerungen – auch unter dem Aspekt mehr Sicherheit – stellt die Retter am Unfallort vor immer neue Herausforderungen. FOTO: Fotolia/Benjamin Nolte
Uebigau-Wahrenbrück. Die Automobilindustrie und auch zahlreiche andere technische Neuerungen stellen die Kameraden in den Einsätzen vor immer neue Herausforderungen. Sylvia Kunze

Schon bei der nächsten technischen Hilfeleistung könnten die zum Einsatz gerufenen Kameraden vor einem Rätsel stehen. Man stelle sich einen Unfall vor, wie er immer wieder passiert. Zwei Fahrzeuge krachen ineinander. Schlimmstenfalls sind Personen eingeklemmt und müssen befreit werden. Flüssigkeiten laufen aus einem der Autos. Die Feuerwehrleute wollen sicherheitshalber die Batterie des Wagens abklemmen. Doch wo ist diese platziert? Aus dem anderen Fahrzeug muss die eingeklemmte Person herausgeschnitten werden. Ab wo setzt man Schere und Spreizer am effektivsten an?

Fragen, die sich noch vor ein paar Jahren gar nicht so stellten, aber mit zahlreichen Neuerungen der Automobilindustrie und mit jedem neuen Modell, das auf dem Markt kommt, neu beantwortet werden müssen. "Batterien werden längst nicht mehr nur im Vorderraum des Fahrzeugs oder im Heckbereich verbaut, sondern da, wo gerade Platz ist und wo sie beim Unfall bestenfalls auch nicht gleich kaputtgehen", weiß Marco Hollmig, Stadtbrandmeister in Uebigau-Wahrenbrück. "Zum Glück haben wir ein paar Kameraden in unseren Reihen, die in Sachen Kfz Ahnung haben, aber die wenigsten sind Sachverständige, die das alles drauf haben. Also heißt es ständig dazulernen", berichtet Hollmig.

Im schlimmsten Fall sehe man am Unfallort nicht einmal, um welchen Fahrzeugtyp es sich handele. Ist Benzin getankt? Diesel? Oder ist ein Gastank verbaut? "Und selbst wenn, die Kameraden können unmöglich alle Hersteller und alle Modelle so genau kennen", bricht der Stadtbrandmeister eine Lanze für die ehrenamtlichen Helfer. "Einige Hersteller haben uns schon zu speziellen Schulungen eingeladen, aber es ist schwierig, in der Ausbildung so detailliert auf alle Eventualitäten einzugehen."

Hollmig und die anderen Feuerwehrleute bauen deshalb immer mehr auf die Hinweise, die die Autobauer an verschiedenen Stellen der Fahrzeuge platzieren, zum Beispiel unter der Motorhaube, an der Seite in der Tür oder auch einfach hinter eine Sonnenschutzblende gesteckt. Diesen Mini-Anleitungen ist beispielsweise zu entnehmen, wo sich die Batterie befindet, wo welche wichtigen (Zu)Leitungen verbaut sind, an welchen Stellen des Rahmens am ehesten Schere und Spreizer anzusetzen sind, weil diese Partien nicht besonders verstärkt sind ... "Auch da sind Erfahrungen Gold wert. Manchmal kann man gar nicht überall schneiden. Dafür gibt es aber für jene, die mit Schere und Spreizer arbeiten, bei der Ausbildung in technischer Hilfeleistung spezielle Hinweise", so Hollmig.

Mal abgesehen vom nächsten Problem, das sich da gleich auftut: Ältere Technik ist den neuen, verstärkten Karossen gar nicht mehr oder nur bedingt gewachsen. Die Hydraulik der Scheren arbeitet mit zu geringen Drücken, um beispielsweise Holme "wie Butter" durchtrennen zu können. Die Feuerwehren, oder in diesem Fall die Kommunen als Träger des Brandschutzes müssen nachlegen und in deutlich stärkere Hilfsmittel investieren - wenn denn das Geld dafür vorhanden ist.

Bei zunehmenden Einsätzen in technischer Hilfeleistung werden diese Problemfelder immer größer. Da ist noch gar nicht die Rede davon, dass Kameraden auch wissen müssen, wie zum Beispiel im Falle eines Brandes in einer Biogasanlage oder an Photovoltaikanlagen, die in einer Vielzahl inzwischen im Stadtgebiet vorhanden sind, zu handeln ist. "Wir können da oft nur noch sichern, auf einzuhaltende Abstände achten und dann Spezialkräfte anfordern", beschreibt Hollmig das Handlungsfeld.

Leitfäden der Unfallkasse seien oft nützliche Ratgeber, wie man sich den neuen technischen Herausforderungen stellen könne, dazu zählen unter anderem auch Brennstoffzellen, Windgeneratoren und alternative Heizsysteme. Der Stadtbrandmeister von Uebigau-Wahrenbrück bilanziert: "Auf jeden Fall haben die Kameraden eine Menge im Blick zu haben. Ohne regelmäßige fachlich fundierte Ausbildung geht das nicht."