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Ich kaufe Regional
Das leidige Treppenproblem

Treppe an Treppe in der Schliebener Straße.
Treppe an Treppe in der Schliebener Straße. FOTO: ru
Herzberg. Die meisten Geschäfte in der Herzberger Innen- stadt sind nur über Treppen zu erreichen. Barrierefreiheit bleibt hier weiter ein Wunsch. Birgit Rudow

Wie kommen die Kunden über die Schwelle in den Herzberger Geschäften? In den neu gebauten kleineren und größeren Einkaufszentren ganz gut. Hier gehen die Türen von selbst auf, Stufen gibt es nicht. Rollstuhlfahrer kommen ungehindert in die Geschäfte. Ob ihnen drinnen etwas im Weg steht, sei hier jetzt einmal nicht betrachtet. Doch wie sieht es in der Innenstadt aus? Zu fast jeder Ladentür führt erstmal eine Treppe. Am Willen für barrierefreie Zugänge fehlt es den Geschäftsinhabern nicht. Vielmehr sind sie bautechnisch und aus denkmaltechnischer Sicht nicht möglich.

Doch der Reihe nach. Ob Schliebener Straße, Torgauer Straße, Mönchstraße, Kirchstraße oder Rosa-Luxemburg-Straße - zwei, drei oder gar vier Stufen muss man bei (fast) jedem Geschäft, jeder Praxis oder jedem Büro überwinden, ehe man eintreten kann. Für Kunden im Rollstuhl, mit Rollator oder Kinderwagen und auch für Gehbehinderte sind die Treppen kaum zu nehmende Hürden. "Aber wir können es nicht ändern", sagt Kirsten Jachalke, die seit einigen Monaten ihren Buchladen im ehemaligen Schreibwarengeschäft in der Schliebener Straße hat. "Die Geschäftsinhaber können nichts dafür. Es gibt in der engen Straße mit den schmalen Bürgersteigen keine bauliche Lösung", fügt sie an. Kirsten Jachalke kennt ihre Stammkunden. Sie weiß, wann Rollstuhlfahrer oder Kunden mit Rollator kommen, um sich ihre Zeitschriften zu holen. "Dann bringe ich sie ihnen raus. Und auch wenn sich sonst jemand bemerkbar macht, bediene ich draußen oder helfe ihm rein", sagt sie. Den Geschäftsinhabern bleibt gar nichts weiter übrig. Auch die Verkäuferinnen der Fleischerei Neumann verfahren so. Sie helfen rein oder bringen die Ware raus.

Fast alle Geschäfte haben einen Handlauf neben der Treppe angebracht. Auch Jutta Globig von der Boutique Fashion & Style hat gerade einen Handlauf anbringen lassen. Und wie sieht das beim Friseur aus? Frisieren auf der Straße geht schlecht. Die Mitarbeiterinnen im Salon von Birgit Schiwietz in der Schliebener Straße helfen allen Kunden rein, die es allein nicht schaffen, auch denen im Rollstuhl. "Das klappt bei uns. Schließlich wollen diese Kunden auch schön sein und die Haare ordentlich frisiert haben", sagen sie.

Bei der Stadtverwaltung ist das Problem mit den Treppen vor den Geschäften natürlich bekannt. "Das ist ein generelles Manko", sagt Bauamtsleiter Rüdiger Bader. Die Herzberger Innenstadt ist ein Sanierungsgebiet, in dem das Bauen durch eine Sanierungssatzung geregelt ist. Und die sieht Veränderungen an der Gestaltung nicht vor. "Dort wo es möglich ist, sind auch Ausnahmen gemacht worden", sagt Rüdiger Bader. Zum Beispiel in der Ludwig-Jahn-Straße, an dem Gebäude, in dem sich die Barmer-Krankenkasse befunden hat. Aber selbst wenn die Stadt es wollte, unabhängig vom Denkmalschutz, könnten die Zugänge zu den Geschäften nicht barrierefrei gestaltet werden, so der Bauamtsleiter. "Der Verkehrsraum gibt das nicht her", sagt er. Eine Rampe mit einer sechs prozentigen Steigung müsse 30 Zentimeter Höhenunterschied überwinden. Damit müsste sie etwa fünf Meter lag sein. Dieser Platz sei nicht da, erläutert Bader.

Es gibt in der Schliebener Straße aber ein Geschäft, das ebenerdig ist. Es ist das Uhren- und Schmuckgeschäft von Heinz Ikert. Er hat 1993/94 umgebaut und die Treppe zum Eingang weggenommen. Unter dem Laden befand sich ein Gewölbe, erzählt er. Das wurde zugeschüttet und der Boden tiefer gelegt. "Das damals durchzubekommen, dabei hat uns Bürgermeister Michael Oecknigk sehr geholfen", sagt Heinz Ikert. Heute wäre das aus denkmaltechnischer Sicht kaum noch möglich. Denn die Keller unter den Häusern müssen bestehen bleiben. Somit können auch die Geschäfte nicht ebenerdig gelegt werden.

Mit diesem Problem kämpft auch die Adler-Apotheke in der Torgauer Straße. "Wir sind eine Rentner-Apotheke und bräuchten den barrierefreien Zugang dringend", sagt Apothekerin Nadin Krause. Ein Antrag wurde längst gestellt, aus denkmaltechnischen Gründen aber nicht genehmigt. So müssen Kunden, die die Treppe nicht bewältigen können, die Klingel am Eingang nutzen und werden draußen bedient. Nadin Krause findet das diskriminierend. Und auch die Apotheke hat Nachteile. Die Kassen würden das Anpassen von Bandagen nicht bezahlen, weil die Apotheke keinen barrierefreien Zugang hat, erläutert die Apothekerin.

Besser als in den historischen Altbauten geht es in Gebäuden, die nach der Wende neu gebaut wurden. So zum Beispiel bei der Sparkasse, beim Café Konrad oder bei Augenoptik Arnold. "Wir haben die Lücke in der Rosa-Luxemburg-Straße 1994 bebaut und gleich darauf geachtet, dass der Zugang zum Geschäft barrierefrei ist. Für unser Geschäft ist das sehr wichtig", sagt Doreen Arnold.

Bei einigen Geschäften und Einrichtungen war es möglich, im Hinter- oder Hofbereich barrierefreie Zugänge zu schaffen. Zum Beispiel am Rathaus, beim Haupthaus der Kreisverwaltung oder in der Torgauer Straße 7. Wer heutzutage neu- oder umbaut, der muss auch die Barrierefreiheit im Blick haben. Wie schwierig das sein kann, hat gerade erst der Umbau der alten Bibliothek zum Medizinischen Versorgungszentrum in der Schliebener Straße gezeigt. Auch hier war es nicht möglich, eine Rampe anzubauen. Deswegen mussten die Handwerker zirkeln und den Fußboden absenken. Und weil die Tür nicht nach außen aufgehen darf, konnte nur ein kleiner Fahrstuhl eingebaut werden. "Die Lösung im MVZ ist nicht großzügig, aber sie funktioniert", so Bauherrin WBG-Chefin Sabine Endemann.

Zum Thema:
Am kommenden Sonnabend lesen Sie in der RUNDSCHAU-Serie "Ich kaufe regional", was in Herzberg und dem Elbe-Elster-Kreis gegen den Laden-Leerstand getan wird.