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| 01:34 Uhr

Winterschlaf für Yvonne Sehmisch tabu

Herzberg. Eigentlich befindet sich die international erfolgreiche Rollstuhl-Sprinterin Yvonne Sehmisch um diese Jahreszeit sportlich im Winterschlaf. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Im Januar finden in Christchurche in Neuseeland die Weltmeisterschaften der Behindertensportler in der Leichtathletik statt. Die Herzbergerin hat sich für die WM qualifiziert und ist deshalb gleich nach Weihnachten noch einmal für eine Woche nach Gran Canaria ins Trainingslager geflogen. Von Birgit Rudow

Ein Saisonhöhepunkt für Leichtathleten mitten im europäischen Winter, das ist auch für die 36-jährige Yvonne Sehmisch eine neue Erfahrung. Am 21. Januar beginnt in Neuseeland die Weltmeisterschaft. Yvonne geht in den Sprintdisziplinen 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter an den Start.

“Wir mussten unser Training komplett auf den ungewohnten WM-Termin umstellen„, sagt sie und meint, dass dies mit ihrem Trainer und Bruder Torsten Sehmisch gut gelungen sei.

Normalerweise trainiert die Rollstuhlfahrerin im Freien bei Temperaturen bis zu zehn Grad plus. Im vergangenen Herbst waren es auch schon mal nur fünf bis sieben Grad. Im November ging es für eine Woche ins Trainingslager nach Gran Canaria. “Vor zwei Jahren haben wir bei einer Reise neben unserem Hotel eine ziemlich verwitterte und harte Tartanbahn entdeckt. Für Läufer ist sie nichts, aber für Rollstuhlfahrer ist sie ausgezeichnet„, sagt Yvonne Sehmisch. Und so will die Sportlerin die guten Trainingsbedingungen in Gran Canaria bei fast sommerlichen Temperaturen vor der WM um den Jahreswechsel noch einmal nutzen. Während die Leichtathletiknationalmannschaft der Behindertensportler in Lanzarote trainiert, will die Herzbergerin ihrem eigenen Rhythmus und vor allem ihrem Heimtrainer vertrauen und ist mit ihm gleich nach Weihnachten noch einmal für eine Woche nach Gran Canaria geflogen, bevor es am 10. Januar nach Neuseeland geht.

Im heimischen Herzberg bleibt der Bundeswehrangehörigen bei dem anhaltenden Winterwetter nur die so genannte Rolle, auf der sie mit dem Rollstuhl in den vergangenen Wochen täglich an der Technik und am Feinschliff für die WM gearbeitet hat. “Ich habe noch nie eine große Meisterschaft im Winter bestritten, aber ich denke, wir haben gut trainiert. Eine kleine Trainingspause gab es diesmal eben im Sommer„, sagt sie.

Weltranglistenplatz sechs

Doch nicht nur der Zeitpunkt der WM ist für die deutschen Behindertenathleten ungewöhnlich, sondern auch der neue Qualifizierungsmodus. Für die Qualifikation war nicht eine festgelegte Zeit oder Weite ausschlaggebend, sondern der Platz auf der Weltrangliste. “Wer zum Stichtag am 29. September in seiner Disziplin mindestens Weltranglistensechster war, der darf mit zur WM„, erklärt Yvonne Sehmisch und verhehlt nicht, dass sie von diesem Modus wenig begeistert ist. Der übe einen wahnsinnigen Druck auf die Athleten aus und setze voraus, dass nur der zur WM fahren darf, der die Chance auf einen Platz unter den sechs Besten der Welt hat. Vor allem für die Nachwuchsförderung im Behindertensport sieht Yvonne Sehmisch diese Quali-Methode nicht als förderlich an.

Sie selbst hat sich den Weltranglistenplatz sechs im Sprint bei einem Wettkampf Mitte Juni im schweizerischen Arbon erkämpft, bei dem die Konkurrenz groß war. “Man kann als Behindertensportler schon aus finanziellen Gründen nicht an allzu vielen Wettkämpfen quer durch Europa teilnehmen, um ständig seine Weltranglistenposition aufzubessern. Deshalb war ich froh, im Juni diese Position errungen zu haben„, sagt Yvonne Sehmisch. Doch das Schlimmste kam erst noch. “Das Warten bis Ende September, ob mich nicht doch noch eine Sportlerin von diesem 6. Platz verdrängt, war ganz schlimm. Ich habe über Monate um meinen Rang gezittert. Das geht an die Psyche„, so die 36-Jährige. Aber die Leistung von Arbon hat gereicht.

Peking wiederholen

Yvonne Sehmisch ist somit die einzige deutsche Rollstuhlfahrerin, die in Neuseeland im Sprint an den Start geht. Den Schwerpunkt setzen sie und ihr Trainer, der nicht mit zur WM fliegt, auf die 100 und die 200 Meter. Als sportliches Ziel haben die Sehmischs die Wiederholung und vielleicht sogar Verbesserung der Platzierungen von den Paralympics in Peking ausgegeben. Dort belegte Yvonne über 200 Meter den 6. und über 100 Meter den 7. Platz. Medaillenträume hat sie für die WM nicht. “Die Konkurrenz wird immer stärker und vor allem jünger„, schätzt die erfahrene Athletin realistisch ein.

Wie es nach der WM weiter geht, dazu hat sich die Herzbergerin noch nicht festgelegt. Gern würde sie die Paralympics in London 2012 noch in Angriff nehmen. “Doch ich muss erstmal schauen, wie die Qualifikationsbedingungen dafür aussehen„, sagt sie. Zunächst konzentriert sie sich auf Christchurch. Sie wird bereits am 10. Januar nach Neuseeland fliegen, um noch einige Tage zur Akklimatisierung und Zeitumstellung zu haben, bevor die Wettkämpfe beginnen. Für die Weltmeisterschaft hat ihr Arbeitgeber, die Bundeswehr in Holzdorf, sie übrigens freigestellt. “Das war mein Nikolausgeschenk. Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut„, sagt sie.