Die Familie hatte am Sonntag zum "Tag des offenen Gartens", eingeladen - nicht zum ersten Mal, aber diesmal mit ungewohnt großem Andrang. Gemeinsam mit den Gastgebern begrüßt Clara Yoshitake aus Japan mehr als 60 Besucher.

Die 24-Jährige ist Wwooferin, wohnt seit sieben Tagen bei Schulzes und spricht ein beachtlich gutes Deutsch. Insgesamt drei Wochen hilft sie bei Arbeiten in Hof und Garten und bekommt dafür gratis Kost und Logis. Sie ist der 78. Gast, den die Familie seit 2011 über das Wwoofer-Projekt beherbergt. Durch Claras Anwesenheit wird der "Offene Garten" in doppelter Hinsicht zu einem Ort der Begegnung: Die Gäste kommen aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt und möchten schauen, wie Familie Schulz gärtnert. Gleichzeitig aber erleben sie eine sympathische junge Frau vom anderen Ende der Welt, die sich freundlich kümmert, Kaffee und Kuchen serviert und offen für jedes Gespräch ist. An der Tohoku-Universität ihrer Heimatstadt Sendai hat Clara ihren Bachelor erworben. Jetzt studiert sie seit einem Jahr an der TU Berlin Umweltplanung, um nach einem weiteren Jahr nach Japan zurückzukehren. Zwischendurch ist kein Heimflug möglich.

"Warum arbeitest du hier auf dem Hof?", möchte Helga Wolff aus Falkenberg wissen. "In Sendai wohnen etwa eine Million Menschen. Ich will sehen, wie man auf dem Land lebt und meine Deutschkenntnisse verbessern. Wir haben zu Hause auch einen Garten, aber der ist nur sehr klein", erzählt sie und schreitet dabei eine Fläche von etwa 1,5 mal 1,5 Metern ab.

"Und gefällt es dir hier? Was beeindruckt dich am meisten?", fragt Annekathrin Riethdorf aus Mönchenhöfe. Clara, die gerade zwischen zwei Blumenbeeten steht, antwortet lächelnd: "Es ist so, wie ich es mir gewünscht habe. Für mich ist neu zu spüren, wie viel Mühe es macht, Unkraut zu jäten, damit eine Pflanze gut wachsen kann." Auch über das, was sie in Deutschland vermisst, spricht sie: "Meine Eltern und Geschwister, meinen Freund und ein wenig das japanische Essen."

Schulz, der den kleinen Pensionsbetrieb "Radlerklause" betreut, hat bisher nur gute Erfahrung mit Wwoofern gemacht: "Die ganze Familie muss allerdings bereit sein, ständig mit anderen Menschen zusammenzuleben. Die Hilfe, die wir auf unserem Selbstversorgerhof dadurch bekommen, war einer der Beweggründe. Aber wir lernen auch von unseren Gästen, unternehmen gemeinsame Ausflüge, nehmen sie mit zu Familienfeiern. Hier waren schon Studenten aus Texas, Ungarn, Polen und vielen anderen Ländern. Vor wenigen Tagen sind zwei Israelis abgereist."

Ehefrau Anita, Lehrerin für Russisch, Französisch und Geografie am OSZ in Falkenberg, fügt hinzu: "Für uns ist das ein Beitrag zur Völkerverständigung." Tochter Kathleen (24), Landmaschinentechnikerin, verrät: "Ich habe selbst schon gewwooft, unter anderem in Kanada, bei der Familie eines Studenten, der zuvor bei uns war. Dort half ich auf der Farm, Traktoren zu reparieren." Schwester Karola (21) studiert in Potsdam Physik: "Vielleicht packe ich danach für eine Weile auch mein Siebensachen."

Den ersten Kontakt mit den jungen Leuten nimmt Andreas Schulz über eine Internet-Plattform auf, dann folgen persönliche Nachrichten. Wenn es zeitlich passt und beide Seiten das Gefühl haben, miteinander auszukommen, dauert es nicht lange, bis er wieder ein Familienmitglied auf Zeit vom Bahnhof abholt. "Wir hatten auch schon bis zu vier Studenten auf einmal hier - jeder aus einem anderen Land. Mit vielen halten wir weiterhin Kontakt übers Internet", lässt er wissen.

Edelgard Müller aus Werchau hat dem Gespräch gelauscht. Die Seniorin bekundet: "Ich denke, dass sich die jungen Leute hier wohlfühlen und viel lernen. Vielleicht hätten wir solche Möglichkeiten früher auch genutzt."