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| 16:52 Uhr

Kreative Ideen gegen drohenden Leerstand
Wie Herzberg seine Innenstadt lebendig hält

  Auf dem Herzberger Marktplatz ist wieder Leben – nicht vergleichbar mit Großstädten, aber für eine 9000 Einwohner-Stadt ganz ordenlich.. Die neuen Lokale locken mit Terrassen, von deren Tischen um die Mittagszeit etliche besetzt sind.
Auf dem Herzberger Marktplatz ist wieder Leben – nicht vergleichbar mit Großstädten, aber für eine 9000 Einwohner-Stadt ganz ordenlich.. Die neuen Lokale locken mit Terrassen, von deren Tischen um die Mittagszeit etliche besetzt sind. FOTO: Christine Keilholz
Cottbus/Herzberg. Tote Schaufenster sind kein schöner Anblick. Was Städte tun können, um in Zeiten von Online-Handel und Billig-Konkurrenz ihre Zentren lebendig zu halten, zeigt Herzberg. Von Christine Keilholz

Es ist wieder mehr los auf dem Marktplatz in Herzberg. Noch vor Jahren sei „tote Hose“ gewesen in der Innenstadt, berichten Ladenbesitzer. Aber jetzt, jetzt geht was.

Das Erwachen von Herzberg hat drei Gründe. Der erste ist das italienische Restaurant, das voriges Jahr im Ratskeller eröffnet hat. Der zweite ist das neue Café gleich gegenüber. Das dritte belebende Element ist das Medizinische Versorgungszentrum an der Ecke.

Ärztezentrum sorgt für Belebung

Vorher stand das alte Gebäude leer. Ein Monument der Traurigkeit an so exponierter Stelle im Stadtbild. Zum Glück fand sich eine neue Nutzung. Das Ärztezentrum zieht Patienten an – dadurch hat auch die Innenstadt mehr Begängnis bekommen. Die Läden drumherum freuen sich über mehr Kundschaft.

Kleine Städte haben landauf landab das gleiche Problem. Der Handel darbt, seit die Leute immer weitere Strecken zum Einkaufen fahren. Oder sie bestellen gleich im Internet. Für die Kommunen hat das fatale Folgen. Was sollen sie tun mit den Ladenlokalen, die sich nach und nach leeren? Tote Schaufenster sind kein schöner Anblick. Wo sich Tristesse breit macht, da bleiben auch Investitionen fern. Wie aber sollen Kommunen, die auf den Euro achten müssen, die „flexible Nutzbarkeit und gute Gestaltung öffentlicher Räume“ bieten, die der Städte- und Gemeindetag empfiehlt?

Weitere Lokalitäten sollen die City bereichern

Zwei neue Lokale in der Herzberger City sind ein guter Anfang. Der Italiener und das Café haben großzügige Freisitze, die in den Markt hinein ragen. Um die Mittagszeit sind etliche Tische besetzt, ein Duft von Klopsen umweht die Sonnenschirme.

Bürgermeister Karsten Eule-Prütz bestaunt aus seiner holzvertäfelten Amtsstube heraus das Treiben. „Wir fragen uns jeden Tag, wo die Leute vorher waren, die jetzt da sind“, sagt er. Eule-Prütz ist 50 und hat in seinem früheren Leben lange in einem Polizei-Verwaltungsbüro gesessen. Als Bürgermeister kann er endlich anpacken. Ein weiteres Lokal will er am Markt haben, man sei da schon in Verhandlungen.

Neue Gastronomie-Kultur in Herzberg

Acht Restaurants gibt es in Herzberg, was kein schlechter Schnitt ist für eine Stadt mit 9000 Einwohnern. Eule-Prütz sieht eine neue Gastronomie-Kultur in seinem Städtchen keimen. Die Leute gingen öfter essen als noch vor drei, vier Jahren, meint er. Das belebt die Szene. Und was die Qualität anbelangt: Man sei halt nicht Potsdam, aber in Herzberg ließe sich gut essen.

Karsten Eule-Prütz ist seit Anfang 2018 Bürgermeister. Er hat ein Auge für die zarten Pflänzchen, die in seiner Stadt das Klima langsam verändern. „Es fehlen Leute, die mal was probieren, was sie nicht kennen“, hat er festgestellt. Aber keine Bange, Herzberg hat auch Leute wie Mandy Berger.

„Schnuckidu“ versorgt die Herzberg mit Stoff

Die hat ihr Stoffgeschäft „Schnuckidu“ in einer Seitenstraße. Da gibt es viele bunte Ballen mit Polkapunkten drauf, dazu Bündchen und Knöpfe, alles in pastelligen Tönen. „Ich dachte am Anfang, es gibt hier niemanden, der näht“, sagt die 32-Jährige. Sie lag falsch. Nähende, strickende und häkelnde Herzbergerinnen rennen ihr den Laden ein. „Schnuckidu“ versorgt die Stadt mit Stoff. Und als sie neulich ihren Kundenkreis ausweiten wollte und Näh-Challenges für Männer anbot, waren die Kurse schnell ausgebucht.

Berger hat eine ordentliche Einzelhandelslehre gemacht, war danach Filialleiterin einer Parfümerie in Hoyerswerda. Als ihr erstes Kind kam, kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt. Die Bewerbungen, die sie dort schrieb, führten zu nichts. Da machte sie sich lieber selbstständig. Jetzt besitzt Mandy Berger das einzige Stoffgeschäft im Umkreis von 80 Kilometern.

Monopolstellung im Ort ist Geschichte

„Wer reinkommt, kriegt Kaffee und Kuchen“, sagt sie, „die Männer kriegen auch einen Schnaps.“ Diese Verkaufsargumente schlagen. Sieben Mitarbeiterinnen beschäftigt die Geschäftsfrau inzwischen. Sie packen auch Stoffpakete, die „Schnuckidu“ an Internet-Besteller versendet. An manchen Tagen gehen 50 Pakete raus.

Der Online-Handel nimmt weiter zu. Wenn niemand mehr für den Einkauf vor die Tür geht, dann müssen sich die Städte ganz neu erfinden. Die Händler müssen das sowieso. Die Monopolstellung, die sie einst am Ort hatten, ist Geschichte. Heute stehen Ladenbesitzer in Konkurrenz mit Online-Anbietern, Billig-Ketten und den Shopping Malls in den großen Städten, für die sich die Kundschaft am Wochenende gern auf den Weg macht. Viel Kaufkraft wandert dadurch ab. Das, was am Ort bleibt, ernährt nur die Händler, die mit guten Ideen glänzen.

Händler müssen Ideen haben

Sortimente wie Mode, Bücher und Technik haben im kleinteiligen Einzelhandel immer schlechtere Chancen zu überleben. Wer ein Kleid oder eine Waschmaschine anschafft, kauft dort, wo er eine große Auswahl vorfindet. Schwer haben es auch Buchläden, wenn die Kunden dazu übergehen, das gewünschte Buch gezielt zu bestellen, statt im Laden zu stöbern. Punkten lässt sich hier mit Service und Qualität.

Manuela Gersdorf hat seit zwölf Jahren ein Modegeschäft am Herzberger Marktplatz. Die meisten ihrer Kunden kommen schon seit Jahren, neue kommen allerdings kaum dazu. Sie ist 55 und passt gerade ihr Sortiment den geänderten Kundenwünschen an. „Kindersachen gehen immer schwieriger“, sagt Gersdorf. Da ist die Konkurrenz der Discount-Ketten zu groß, die alle auch in Herzberg vertreten sind. Ihre Sachen auch online anzubieten, hat sie noch nicht versucht. Zu viel Aufwand, zu wenig Zeit.

Online vs. Geschäft: Preisunterschiede kaum zu rechtfertigen

Auch Kleinstadt-Händler können über den Internet-Versandhandel ihr Geschäft ankurbeln. Das tun aber noch zu wenige, sagt Erik Maier, Einzelhandels-Experte von der Handelshochschule Leipzig. „Am Ende müssen lokale Händler dann auch den Online-Preiskampf mitkämpfen, und der ist hart.“ Auch das hat sich für die kleinen Läden verändert. Früher konnten sie dank ihres Vor-Ort-Monopols höhere Preise verlangen. Jetzt ist über den Online-Handel alles vergleichbar, da lassen sich Preisunterschiede kaum noch rechtfertigen.

Besser haben es Lebensmittelgeschäfte. Beim Essen bricht sich ein Bewusstsein für Qualität und regionale Anbieter Bahn, von dem auch kleine Geschäfte profitieren können. Nur haben das in der Fläche noch zu wenige Einzelhändler versucht.

Nachwuchssorgen auch in Herzberg

Herzbergs Bürgermeister weiß, dass die Lage nicht leichter wird.Viele Ladenbesitzer in seiner Innenstadt werden sich in den nächsten Jahren zur Ruhe setzen. Nachfolger sind kaum in Sicht. Damit dann nicht gähnende Leere droht, muss umgedacht werden. Das gern auch kühn: Eule-Prütz wäre begeistert, „wenn man zehn Leute zusammen bringen könnte, die Läden aufmachen und bereit wären, etwas Neues zu probieren“. Zum Beispiel könnte man eine Reihe von Manufakturen oder Werkstätten einrichten und gemeinsam vermarkten. „Dann hätte man ein Motto, um das herum man etwas gestalten kann.“ Schöne Vorstellung, fehlen nur noch zehn Mutige.

Viele der Herzberger Innenstadtläden sind im Besitz der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. So kann die Stadt günstige Lokale anbieten. „Wenn einer was Außergewöhnliches probieren will, dann zahlt er für ein halbes Jahr keine Miete – und uns tut das nicht weh.“

Solche Projekte sind auch mit Risiko verbunden. Aber nur so wird es für die Herzberger City weitergehen, ist Eule-Prütz überzeugt. Denn eins sei ja wohl klar: „Wegen NKD kommt keiner.“

  Mandy Berger verkauft in ihrem Laden alles, was so fürs Nähen, Stricken, Häkeln gebraucht wird.
Mandy Berger verkauft in ihrem Laden alles, was so fürs Nähen, Stricken, Häkeln gebraucht wird. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
 Die Herzbergerin Mandy Berger hat mit ihrem Stoff- und Kurzwarenladen „Schnuckidu“ einen Volltreffer gelandet. ru
Die Herzbergerin Mandy Berger hat mit ihrem Stoff- und Kurzwarenladen „Schnuckidu“ einen Volltreffer gelandet. ru FOTO: Rudow
  Bürgermeister Karsten Eule-Prütz vermisst „Leute, die mal was probieren, was sie nicht kennen“.
Bürgermeister Karsten Eule-Prütz vermisst „Leute, die mal was probieren, was sie nicht kennen“. FOTO: LR / Sylvia Kunze
 HOCHGERECHNET. Karsten Eule-Prütz, Bürgermeisterkandidat
HOCHGERECHNET. Karsten Eule-Prütz, Bürgermeisterkandidat FOTO: privat
 Voll war der Marktplatz in den vergangenen Jahren, wenn dort Autohäuser aus der Stadt ihre neuen Modelle vorstellten.
Voll war der Marktplatz in den vergangenen Jahren, wenn dort Autohäuser aus der Stadt ihre neuen Modelle vorstellten. FOTO: Rico Meianer
  Bürgermeister Karsten Eule-Prütz vermisst „Leute, die mal was probieren, was sie nicht kennen“.
Bürgermeister Karsten Eule-Prütz vermisst „Leute, die mal was probieren, was sie nicht kennen“. FOTO: LR / Sylvia Kunze
     Voll war der Marktplatz in den vergangenen Jahren, wenn dort Autohäuser aus der Stadt ihre neuen Modelle vorstellten.
Voll war der Marktplatz in den vergangenen Jahren, wenn dort Autohäuser aus der Stadt ihre neuen Modelle vorstellten. FOTO: Rico Meianer
  Auf dem Herzberger Marktplatz ist wieder Leben – nicht vergleichbar mit Großstädten, aber für eine 9000 Einwohner-Stadt ganz ordenlich.. Die neuen Lokale locken mit Terrassen, von deren Tischen um die Mittagszeit etliche besetzt sind.
Auf dem Herzberger Marktplatz ist wieder Leben – nicht vergleichbar mit Großstädten, aber für eine 9000 Einwohner-Stadt ganz ordenlich.. Die neuen Lokale locken mit Terrassen, von deren Tischen um die Mittagszeit etliche besetzt sind. FOTO: Christine Keilholz
  Mandy Berger verkauft in ihrem Laden alles, was so fürs Nähen, Stricken, Häkeln gebraucht wird.
Mandy Berger verkauft in ihrem Laden alles, was so fürs Nähen, Stricken, Häkeln gebraucht wird. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau