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Wenn man wissen will, wer seine Ahnen sind

Jürgen Wagner bei seinen Ausführungen zur Familienforschung. Einige Zuhörer mussten wegen des Besucherandrangs gar auf der Treppe Platz nehmen.
Jürgen Wagner bei seinen Ausführungen zur Familienforschung. Einige Zuhörer mussten wegen des Besucherandrangs gar auf der Treppe Platz nehmen. FOTO: B. Rudow
Herzberg.. Wie kommt jemand dazu, seine Familiengeschichte bis in das 16. Jahrhundert zurück zu verfolgen„ Wo muss man überall stöbern, um an die nötigen Informationen zu kommen“ Hilft mitunter auch der Zufall? Der Familienforscher Jürgen Wagner versuchte, diese Fragen am Dienstagabend in der BücherKammer anhand seiner eigenen Forschertätigkeit zu beantworten. Am Ende der Veranstaltung stand die Erkenntnis, Interessantes gehört und jede Menge dazu gelernt zu haben. Von Birgit Rudow

Trotz der noch abendlichen Hitze drängten sich die Zuhörer am Dienstag in der BücherKammer. Einige mussten sogar auf der Treppe Platz nehmen. Ahnenforschung, oder besser gesagt Familienforschung, ist schließlich eine spannende Sache. Und wenn man selbst schon nicht über die Urgroßmutter hinausgekommen ist, so wollten doch viele der Gäste wissen, was ein professioneller Familienforscher wie Jürgen Wagner zu seinem Hobby zu sagen hatte. Und schließlich ging es ja auch noch um eine gewisse Katharina von Bora, deren Geschichte sich Wagner, auch aus der Vergangenheit der eigenen Familie heraus, seit einigen Jahren widmet.

Urlaub in der DDR
Jürgen Wagner lebt seit 1949 in Düsseldorf. Nachweislich, so hat er herausgefunden, war seine Familie seit 1510 in Löben bei Annaburg ansässig. Was seine Beziehung zum „Sächsischen Kurkreis“ , also zum Raum Torgau, Herzberg und Wittenberg, und seine zahlreichen Aufenthalte in der Region erklärt. So hat die Herzberger Buchhändlerin und Verlegerin Stefanie Kammer Jürgen Wagner auch beim hiesigen Heimatforscher Horst Gutsche kennen gelernt, als er dem Herzberger Heimatverein Regionalliteratur übergab. Sie hat seinen Geschichten und Anekdoten gelauscht und angefangen, sich für Familienforschung zu interessieren.
Seit je her spielte die eigene Geschichte eine große Rolle im Haus der Familie Wagner. „Wir saßen dann im gemütlichen Kreis beieinander und holten die Ahnentafel aus den 30er Jahren hervor und unsere Großmutter erzählte Familiengeschichten“ , so Jürgen Wagner. Für Bewerbungen den eigenen Lebenslauf nicht nur einmal aufschreibend, kam ihm in den 70er Jahren der Gedanke, doch auch mal den Lebenslauf des Vaters und Großvaters tabellarisch nachzuvollziehen. „Und ohne, dass ich es merkte, war ich in die Familienforschung reingeraten“ , erzählte er. Von 1973 bis 1988 hat er dann die klassische Familienforschung betrieben, die ihn immer wieder in das Gebiet des sächsischen Kurkreises führte. Der Westdeutsche hat 180 so genannte Aufenthaltstage in der DDR verbracht und in Kirchenbüchern und Archiven gestöbert. Jeder Urlaub wurde dafür geopfert. „Die Kirchenämter in Schweinitz, Annaburg und Herzberg haben mich dabei über Jahre hinweg immer hervorragend unterstützt“ , bedankte sich Jürgen Wagner.
Den Zuhörern gibt er den Rat, bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte zu versuchen, bis 1900 auf familiäre Überlieferungen zurück zu greifen. „Die Standesämter fallen aus Datenschutzgründen als Quellen aus“ , sagte er. „Nach wie vor sind wir auf die Kirchenbücher angewiesen. Im Kurkreis haben wir eine gute Situation. Denn die Kirchenbücher in Löben, Prettin oder Jessen gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Einige, wie in Kaxdorf, beginnen durch Kriegsverluste erst später“ , erklärte Jürgen Wagner. Wenn man dann in den Kirchenbüchern nicht mehr weiter kommt, gebe es noch die Möglichkeit, in den Staatsarchiven zu suchen. Familienforschung entspreche längst nicht mehr dem Bild vom ewig Gestrigen mit Blut und Boden. „Wer einmal damit angefangen hat, kommt nicht davon los. Das ist Handwerk und Technik, gepaart mit einer massenhaften Datenverarbeitung.“
Vor allem junge Leute nutzten heute dafür schon den Computer als Hilfsmittel. Bei www.genealogienetz.de finde sich alles. Bei der herkömmlichen Such-Methode hätten die jungen Menschen allerdings den Nachteil, dass sie nur selten noch die deutsche Schrift lesen könnten, so Wagner.

Lesen, lesen, lesen
Von 1988 bis 2000 hat sich Wagner dann mit der Höfegeschichte von Mockritz im Kreis Torgau befasst, und seit 1990 widmet er sich der Orts- und Höfegeschichte von Löben. 1999 hat er mit der intensiven Beschäftigung mit der Geschichte von Katharina von Bora begonnen, „die stark mit der Geschichte von Löben in Zusammenhang steht.“ 25 Jahre lang hat er alles notiert, was er über ihre Herkunft herausbekommen konnte. Und die führte ihn auch nach Löben, wo sich allerdings niemand jemals mit der Verwandtschaft zu der berühmten Frau Luthers gerühmt habe. Jürgen Wagner ist davon überzeugt, dass die Spur zu einem Ort im Amt Weißenfels führt. „Der Wissenschaftsstreit zu diesem Thema ist ungelöst“ , sagte er seinen Zuhörern in der BücherKammer. Er meine, dass Katharina von Bora, wie es die evangelische Kirche meint, in Lippendorf geboren ist, eine Beziehung über Borna und Löben über das Wei-ßenfelser Amt in Richtung Meißen aber nicht zu verhehlen sei. Allerdings sei auch dies eine vage Annahme.
Gespannt lauschte das Publikum rund eine Stunde lang den Ausführungen des Düsseldorfers. Fazit: Wer forschen will, muss lesen, lesen, lesen. Und dagegen hatte natürlich auch Stefanie Kammer nichts einzuwenden. Ein interessanter Abend.