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| 01:04 Uhr

Wenn die Seele in Not gerät

Elbe-Elster-Kreis.. Die halbe Nacht hat die Frau auf ihren Mann gewartet, doch er kommt nie mehr zur Küchentür herein. Er hat sich in der Scheune aufgehängt. Oder: Ein gemütlicher Grillabend mit Freunden – dann klingelt es an der Tür. Die Tochter hatte einen Unfall, heißt es. Sie sei tot. Oder – und das ist ganz frisch: Junge Leute schwimmen über den Teich. Plötzlich verlassen einen die Kräfte, er krampft, sein Freund versucht ihm zu helfen, doch es gelingt ihm nicht . . . Von Heidrun Seidel

Das sind keine Sensationsstories und keine aus einem schlechten Krimi. So oder ähnlich haben sie sich zugetragen im Elbe-Elster-Kreis. Bernd Alsdorf kennt sie. Er ist Notfallseelsorger.
„2001 kam ich mehr zufällig zu dem Thema“ , berichtet Alsdorf, für den sich seine berufliche Arbeit beim Arbeitersamariterbund (ASB) Elsterwerda mit der ehrenamtlichen als Notfallseelsorger gut verbinden lässt. „Damals gab es noch nichts, für Potsdam waren wir ein weißer Fleck“ , ehe er begann, ein fähiges Team von Notfallseelsorgern für den Landkreis Elbe-Elster aufzubauen.
Jetzt arbeiten 15 Frauen und Männer des Kreises ehrenamtlich in diesem Team. Sie haben sich qualifiziert, tauschen sich aus und diskutieren Fälle, die sie erlebt haben. Schließlich ist es oft auch für die Helfer gar nicht so leicht, das Erlebte zu verdauen. „Einmal kam es recht dicke, in kurzer Zeit drei Suizide, ein Mord“ , erinnert sich Alsdorf. „Da kam ich gar nicht zur Besinnung und wälzte mich selbst schlaflos im Bett.“ Erst Tage später fand er wieder den professionellen Abstand, den er braucht, um weiter Menschen helfen zu können.
Notfallseelsorger sollen in schwierigen Situationen den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr oder medizinischen Rettungskräften zur Seite und den vom jeweiligen Ereignis Betroffenen zur Verfügung stehen. „Wenn nach einem tödlichen Unfall den Angehörigen von der Polizei die Todesnachricht überbracht werden muss, müssen die Polizisten meist gleich weiter zum nächsten Einsatz. Wir gehen mit - und können bleiben.“ Dann sind die Notfallseelsorger, die meist Erfahrungen in sozialer Arbeit oder als Rettungskräfte haben oder gar Psychologen oder Pfarrer sind, in den schweren ersten Stunden bei den Menschen. Denn die können die furchtbare Nachricht nicht fassen, sind hilflos und setzen sich oft Schuldgefühlen aus. „Vor allem die Frage ,Warum' quält, gerade bei Suiziden Nahestehender“ , weiß Alsdorf. „In Gesprächen suchen wir dann mit ihnen das Unfassbare zu erklären und die Vorwürfe gegen sich selbst abzubauen.“ Auch bei ganz praktischen organisatorischen Dingen unterstützen die Seelsorger: Angehörige benachrichtigen, Papiere ordnen. „Sogar zu Beerdigungen wurden wir schon als Begleiter der Hinterbliebenen gerufen“ , so Alsdorf.
Großeinsatz hatten die Notfallseelsorger, denen der Kreis lediglich die Kurz-Ausbildung und die gefahrenen Kilometer bezahlt und die ansonsten ehrenamtlich arbeiten, beim Hochwasser 2002 in Mühlberg. „Die Menschen hatten Ängste, waren verzweifelt und hilflos, fürchteten, alles zu verlieren. Wir versuchten zu beruhigen, Zuwendung zu geben - und vor allem Hoffnungen.“ Ein lapidares „Wird schon wieder“ , weiß Alsdorf, nützt allerdings nichts. Damit fühlt sich ein Betroffener in seinem Leid nicht ernst genommen. Gemeinsam über mögliche Wege, notwendige Schritte sprechen, nach professioneller Hilfe suchen, ist schon eher etwas, was hilft. „Da sitzt einer auf dem Hochspannungsmast und droht hinunterzuspringen, weil er sich sozial am Ende glaubt. Wenn ich ihn heil wieder herunter bekomme, dann zeige ich ihm auch Wege aus der scheinbaren Ausweglosigkeit.“ Da werden beispielsweise Kontakte geknüpft zur Familienhilfe, zum Frauenhaus, zu verschiedenen Selbsthilfegruppen oder auch zu Psychologen. Erst allmählich kommt dann die leidende Seele wieder aus der Not.

ServiceService NotfallseelsorgeNotfallseelsorge
 Wer die Hilfe der Notfallseeelsorge in Anspruch nehmen möchte, sollte das im Notfall (Suizid, Suizidandrohung, Unfall, Todesnachricht und Ähnliches) dem Polizisten vor Ort oder anderen Einsatzkräften mitteilen. Die können dann über die Leitstelle oder die jeweilige Polizeiwache den diensthabenden Notfallseelsorger anfordern. Diese Hilfe ist konfessionell unabhängig und für den Betroffenen kostenlos.Wer die Hilfe der Notfallseeelsorge in Anspruch nehmen möchte, sollte das im Notfall (Suizid, Suizidandrohung, Unfall, Todesnachricht und Ähnliches) dem Polizisten vor Ort oder anderen Einsatzkräften mitteilen. Die können dann über die Leitstelle oder die jeweilige Polizeiwache den diensthabenden Notfallseelsorger anfordern. Diese Hilfe ist konfessionell unabhängig und für den Betroffenen kostenlos.