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| 12:02 Uhr

Umstrittenes Thema
Was bringt der Stadt Herzberg ein Lärmaktionsplan?

Lkw an Lkw in der Leipziger Straße mitten in Herzberg. Der Verkehr bringt nicht nur Belastungen für die Umwelt mit sich, sondern macht auch sehr viel Lärm. Das wirksamste Mittel dagegen wäre eine Ortsumfahrung.
Lkw an Lkw in der Leipziger Straße mitten in Herzberg. Der Verkehr bringt nicht nur Belastungen für die Umwelt mit sich, sondern macht auch sehr viel Lärm. Das wirksamste Mittel dagegen wäre eine Ortsumfahrung. FOTO: Dieter Müller
Herzberg. Nichts, sagen die einen, wenigstens einen Handlungsrahmen, sagen die anderen. Seit Monaten wird sehr kontrovers diskutiert. Von Birgit Rudow

Die Herzberger Stadtverordneten tun sich schwer mit dem Lärmaktionsplan, den das Landesministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft seit Jahren von ihr fordert. Mitte vergangenen Jahres hat die Stadt sich dem Thema nun zugewandt und eine Ingenieurgesellschaft mit einer umfangreichen Bestandsanalyse  beauftragt. Im  August 2017 hatte es dazu eine öffentliche Bürgerinformation gegeben. Hinweise wurden in den Plan eingearbeitet. Seitdem ging es aber vor allem in den politischen Gremien der Stadt hin und her. In der jüngsten Stadtverordnetenversammlung wurde die Planung wieder in den Bauauschuss zurück verwiesen. Der hat in der vergangenen Woche nun mehrheitlich sein O.K. dazu gegeben, ganz wohl ist so manchem Abgeordneten dabei aber nicht.

Worum geht es? Zugrunde liegt der ganzen Sache eine Umgebungslärmkartierung aus dem Jahr 2012. Aus der geht hervor, dass Teile der Leipziger Straße (B87) – genau zwischen Grochwitzer Straße und Anhalter Straße – täglich von mehr als 8000 Fahrzeugen passiert werden. Damit ist dieser Bereich als so genannte „Pflichtstraße“ eingruppiert, für die nach EU-Forderung ein Lärm­aktionsplan erstellt werden muss. Der soll herausarbeiten, wie Lärmprobleme minimiert und reguliert werden können. Da die Stadt auch andere Bereiche mit hoher Lärmbelastung durch Straßenverkehr aufweist, wie in der Anhalter Straße, der Falkenberger Straße, der Grochwitzer Straße, der Berliner Straße und der Dresdener Straße, hat sie diese in die Bestandsanalyse und Planung mit einbezogen, was durchaus nahvollziehbar ist.

Das Ingenieurbüro, so hat es die RUNDSCHAU im vergangenen Jahr schon berichtet, hat allgemein als Maßnahmen zur Lärmverminderung eine Ortsumfahrung, die Lenkung des Lkw-Verkehrs, die Beschränkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, eine „grüne Welle“ oder die Nachtabschaltung von Ampeln, einen lärmmindernden Fahrbahnbelag, eine veränderte Aufteilung von Straßenquerschnitten oder Lärmschutzwände und Lärmschutzwälle angeführt. Solche Maßnahmen werden  in Herzberg zum Teil schon umgesetzt, wie die Nachtschaltung von Ampeln. Mit der anstehenden Sanierung der Dresdener Straße dürfte ein weiterer Lärmschwerpunkt demnächst entschärft werden. Gleiches gilt für den Bereich Grochwitzer/Anhalter/Falkenberger  Straße, wo der neue Busbahnhof gebaut wird.

Ansonsten, so sehen es die städtischen Experten, bliebe nur, die Geschwindigkeit an einigen Stellen auf 30 km/h zu begrenzen. Das müsste die Stadt beim Straßenverkehrsamt des Landkreises beantragen. Das aber lege andere Grenzwerte zu Grunde als die Lärmaktionsplanung, so Herzbergs Stadtplanerin Janett Lehmann. Einige Abgeordnete befürchten auch, dass Tempo-30-Abschnitte mitten in der Stadt auf viel befahrenen Bundesstraßen zu Stausituationen und damit zu weiteren Umweltbelastungen  führen. Mal ganz davon abgesehen, dass sich, wie derzeit in der Dresdener Straße, bei weitem nicht alle Kraftfahrer daran halten.

Einen Lärmaktionsplan, wie vom Land gefordert, lehnen einige Abgeordnete grundsätzlich ab. Allen voran Gerd Rothaug und Dirk Ebenroth. Sie sind der Meinung, dass Lärmschutzmaßnahmen, die aus dieser Planung resultieren, die Infrastrukturprobleme in der Stadt nicht lösen, sondern vertuschen. Die einzig akzeptable Lösung sei eine Ortsumfahrung, um die Herzberg schon seit fast zwei Jahrzehnten kämpft, sagt Gerd Rothaug. Was ihm besonders aufstößt ist, dass bei dem Lärmaktionsplan von mehr als 8000 Fahrzeugen pro Tag ausgegangen wird, das Land aber bei Untersuchungen für einen möglichen  Ausbau der B 87 von etwa  4000 Fahrzeugen (für 2025) ausgeht.

Die meisten Stadtverordneten teilen die Meinung, dass für Herzberg nur eine Ortsumfahrung (mittlerweile ist sie im Bundesverkehrswegeplan in den erweiterten Bedarf mit Planungsrecht hochgestuft worden) eine wirkliche Fahrzeug- und Lärmentlastung bringen würde. Die Priorität der Umfahrung wurde deshalb explizit in die Begründung für den Beschluss zum Lärmplan eingefügt. Man solle aber die Lärmaktionsplanung auch als Grundlage für weiteres Handeln betrachten, so Helmut Boche. Denn immerhin gehe es jetzt um die Belange der Bürger, die in den lärmbelasteten Stadtgebieten wohnen und die von der Stadt erwarten, dass sie handelt, meinte er

Somit wird der Beschluss zum Lärmaktionsplan den Stadtverordneten im November erneut vorgelegt. Auf die Frage, was passiert, wenn sie ihn ablehnen sollten, hatte Janett Lehmann keine Antwort. Wahrscheinlich erst mal nichts.