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| 15:27 Uhr

Schule
Warum Ernst Becker den Stundenplan für 600 Schüler im Kopf hatte

Zwölf Jahre lang war Ernst Becker Schulleiter der Grund- und Oberschule „Johennes-Clajus“ in Herzberg und nicht nur dort.
Zwölf Jahre lang war Ernst Becker Schulleiter der Grund- und Oberschule „Johennes-Clajus“ in Herzberg und nicht nur dort. FOTO: LR / Rudow
Herzberg. Der Schulleiter der Grund- und Oberschule „Johannes Clajus“ in Herzberg geht in den Ruhestand. In seinem Berufsleben hat er drei Schulen geleitet. Von Birgit Rudow

Auch der Leiter der Grund- und Oberschule „Johannes Clajus“ in Herzberg Ernst Becker geht mit dem Schuljahresende nach 39 Jahren Schuldienst in den Ruhestand. Der 20. Juli ist sein letzter Arbeitstag. Bis dahin will er in Ruhe sein Büro ausräumen. Ernst Becker und Konstanze Mailick kennen sich übrigens schon aus ihrer eigenen Schulzeit an der „Penne“ in Herzberg

Eigentlich hatte Ernst Becker den Lehrerberuf für sich gar nicht im Blick. „Ich wollte Elektrotechnik studieren. Aber ich hatte nur das ‚normale’ Abitur, also ohne Berufsausbildung. Da hätte ich ein praktisches Jahr machen müssen, und darauf hatte ich keine Lust“, gibt er zu. Sein Lehrer für Elektrotechnik an der Schule hat ihm dann geraten, Physiklehrer zu werden. Da sei er ein Leben lang mit jungen Leuten zusammen. Das halte jung. Und so hat sich Ernst Becker damals bei einem Tag der offenen Tür an der Pädagogischen Hochschule Potsdam umgesehen und den Vorschlag seines Lehrers für gut befunden.

Nach dem Abschluss des Studiums zum Mathematik- und Physiklehrer hatte er Glück. Er wurde in Herzberg gebraucht, und seine Frau, ebenfalls Lehrerin, gleich mit. Becker wurde 1979 an der POS I in der Stadt eingesetzt, genau an der Schule, in der er jetzt seinen Dienst beendet. Dort blieb er aber nur zwei Jahre und wechselte dann zur POS III als stellvertretender Direktor für Organisation und Planung. Überredet hat ihn dazu damals Gustav Ullrich, der an der von Evelyn Schmidt geleiteten Schule ebenfalls stellvertretender Direktor war.

Bei gut 600 Schülern und 65 Lehrern und Erziehern brauchte es Organisationstalent, den Unterricht im Griff zu haben. „Zu dieser Zeit kannte ich den Stundenplan der gesamten Schule auswendig. Ich habe ja täglich davor gesessen. Aber es hat Spaß gemacht“, erzählt er. Unterrichtet hat er natürlich auch. Und als seine Chefin 1985 ins pädagogische Kreiskabinett wechselte, ist Becker selbst Direktor geworden. Er blieb es bis 1991.

Während andere Direktoren aus DDR-Zeiten die Wende in ihrer Funktion politisch nicht „überstanden“ haben, durfte Becker Schulleiter bleiben. „Ich war in der DDR nicht immer linientreu und habe deshalb manchmal auch Ärger bekommen“, sagt er. Die ersten Jahre nach der Wende bezeichnet er als die interessantesten und schönsten in seinem Lehrerleben. Der damalige Schulrat hatte ihn 1991 nach Uebigau geschickt, um dort die Gesamtschule aufzubauen. „Erstmal für ein Jahr, doch daraus wurden 15, bis die Schule wegen zu weniger Schüler 2006 geschlossen wurde“, sagt Becker.

Die Nachwendezeit etwa bis 1995 sei eine irre Zeit gewesen, erinnert er sich. „Es gab kaum Einschränkungen. Wir konnten selbst entscheiden, was gut für unsere Schule und die Schüler ist. Danach kamen immer mehr Gesetze, Vorschriften. und Papierkrieg dazu. Ich habe 13 Schulräte und elf Minister erlebt“, so Ernst Becker.

2005 wurden in Brandenburg die Realschulen und Gesamtschulen zu Oberschulen zusammengefasst. Becker übernahm 2006 die Grund- und Oberschule „Johannes Clajus“ in Herzberg, damals noch in der Lugstraße. Er löste Gustav Ullrich ab, den Kollegen, der ihn 1981 überredet hatte, stellvertretender Direktor zu werden. 2008 ist die Schule in den schmucken modernisiertem Komplex am Kaxdorfer Weg gezogen.

Zwölf Jahre hat Becker die Einrichtung mit konstant etwa 300 Schülerinnen und Schülern geleitet.  „Ich bin wirklich gern Lehrer. Die Entscheidung damals war richtig. Mein Elektrotechnik-Lehrer hatte recht. Ich habe es nie bereut. Vielleicht auch, weil ich Fächer unterrichtet habe, in denen ich den Kindern erklären konnte, wie die Welt funktioniert“, sagt er. Es sei aber ein Unterschied zwischen dem Lehrersein vor 30 Jahren und heute, so Becker. An den Oberschulen gebe es immer mehr Schüler mit emotionalen und sozialen Problemen. Mitverantwortlich macht er dafür auch die neuen Medien. Computer und Handys sieht er in Bezug auf die kindliche Entwicklung sehr skeptisch. „Die Kinder sind einfach zu wenig draußen an der frischen Luft“, fasst er das vielfältige Problem bildlich zusammen.

Er selbst wird demnächst mehr Zeit für die „frische Luft“ haben. Haus, Garten und Werkstatt warten. Er ist bei den Sternfreunden und den Schützen aktiv und hat sich jetzt einen Motorrad-Oldtimer gekauft, eine ETZ 250, Baujahr 83. „Ich falle nicht ins Loch“, sagt er. Und wenn an der Schule mal Not am Mann ist, dann würde er auch mal aushelfen. Aber höchstens ein paar Stunden, so Becker. Einen Nachfolger für ihn gibt es noch nicht, Die Schulleiterfunktion wird wohl erst einmal kommissarisch besetzt werden.