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Verkehrswachten stets im Dienst der Sicherheit

Rainer Genilke hat selbst schon Sicherheitstrainings absolviert und kann sie jedem Kraftfahrer nur empfehlen.
Rainer Genilke hat selbst schon Sicherheitstrainings absolviert und kann sie jedem Kraftfahrer nur empfehlen. FOTO: Birgit Rudow
Das Spezialgebiet des Finsterwalder CDU-Landtagsabgeordneten Rainer Genilke (48) sind Verkehrsfragen und Infrastruktur. Er ist infrastrukturpolitischer Sprecher seiner Fraktion, Vorsitzender der Landesverkehrswacht Brandenburg und seit wenigen Wochen auch Mitglied des Präsidiums der Deutschen Verkehrswacht.

Herr Genilke, Sie sind der oberste Verkehrswächter im Land Brandenburg. Sind sie auch ein guter Autofahrer?
Ich denke ja. Sicher bin ich auch mal zu schnell gefahren. Das gebe ich zu. Ich fahre seit 30 Jahren Auto. Groß passiert ist aber noch nichts, und auch von Schrecksekunden oder kritischen Situationen bin ich bisher weitgehend verschont geblieben.

Anfang Mai sind Sie in Erfurt bei der Jahreshauptversammlung der Deutschen Verkehrswacht zum Mitglied des Präsidiums gewählt worden. Wie kam es dazu?
Als Vorsitzender einer Landesverkehrswacht ist man automatisch auch im Vorstand der Deutschen Verkehrswacht. Dort habe ich mit dem Präsidenten, dem ehemaligen Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig, gut zusammengearbeitet. Im vergangenen Jahr haben wir in Brandenburg einen Bundeswettbewerb "Bester Schülerlotse" ausgerichtet. Danach hat mich Kurt Bodewig gefragt, ob ich für das Präsidium kandidieren würde. Ich habe zugesagt.

Wie ist die Verkehrswacht in Brandenburg, speziell im Süden des Landes, aufgestellt?
Wir haben im Land flächendeckend 18 Kreis- und Ortsverkehrswachten, die allesamt im Ehrenamt arbeiten. Sehr aktiv sind im Süden Brandenburgs zum Beispiel die Verkehrswachten Cottbus und OSL. Auch Elbe-Elster braucht sich mit der Kreisverkehrswacht Finsterwalde und der Ortsverkehrswacht Herzberg nicht zu verstecken. Aber im Spree-Neiße-Kreis gibt es zum Beispiel nur die Ortswacht in Forst. Ich habe schon mit dem Landrat geredet. Er hatte mich zur Amtsleiterkonferenz eingeladen. Wir wollen hier gemeinsam etwas aufbauen.

Es sind aber hauptsächlich Ältere, die in den Verkehrswachten mitarbeiten.
Darüber können wir froh sein, denn sie haben die Zeit und können schon vormittags in die Schulen oder Kindereinrichtungen gehen. Wir brauchen aber auch die Jüngeren. Insgesamt haben wir im Land 530 Verkehrshelfer, die sich besonders verdient machen um die Schulwegsicherung. In Teltow-Fläming gibt es zum Beispiel auch Verkehrskadetten. Sie sichern gemeinsam mit Polizei und Feuerwehr Veranstaltungen ab. Das sind vor allem jüngere Leute. Davon haben wir aber noch viel zu wenig. Es ist nicht einfach, junge Menschen bei der Verkehrswacht bei der Stange zu halten.

Dabei sind die Aufgaben der Verkehrswachten sehr vielfältig.
Das kann man wohl sagen. Unsere Arbeit zielt auf alle Altersgruppen. Ein Kernstück ist die Radfahrausbildung für die Kinder der 4. Klassen, die die Verkehrswachten gemeinsam mit der Polizei koordinieren. Für Kinder ist es etwas Besonderes, wenn bei der Prüfung ein richtiger Polizist vor ihnen steht, und nicht die Lehrerin oder die Eltern. Ich war vor einigen Tagen in Großkmehlen beim Wettbewerb "Sicherer Schulweg". Elf OSL-Teams haben daran teilgenommen. Die Grundschule Guteborn hat gewonnen. Hinter diesem Wettbewerb steht aber, dass die Kinder aller vierten Klassen solch eine Ausbildung durchlaufen haben. Sie kennen zum Beispiel die Gefahren des toten Winkels. Das praktische Üben ist mehr, als Verkehrserziehungsunterricht im Klassenzimmer erreichen kann und trägt hoffentlich dazu bei, die Unfallzahlen zu senken.

Diese praktischen Übungen vermitteln den Kindern auch Selbstständigkeit im Straßenverkehr.
Genau. Das ist auch das Ziel. Es ist Mode geworden, dass Eltern ihre Sprösslinge mit dem Auto bis vor die Schultür fahren. Nicht nur, dass sie den Schulweg allgemein damit unsicherer machen, sie helfen ihren Kindern auch nicht, selbstbewusste Verkehrsteilnehmer zu werden. Die Verkehrswachten versuchen, mit den Eltern und Lehrern ins Gespräch zu kommen. Aber das ist leider oft ein Ruf in den Wald.

Kommen wir zu den Jugendlichen und Erwachsenen. Welchen Stellenwert haben Verkehrsteilnehmerschulungen oder Verkehrssicherheitstrainings?
Die Ehrenamtlichen in den Verkehrswachten bieten unheimlich viele Schulungen und Sicherheitstrainings an, die auch gut genutzt werden. Bei den Schulungen sind es aber leider oft dieselben Leute, die sie wahrnehmen. Dabei gibt es ständig Neuerungen oder Urteile, über die man reden kann und muss. Allein, wenn man bedenkt, wie vielen Ablenkungen Kraftfahrer durch Technik im Fahrzeug heute ausgesetzt sein können. Das trifft aber nicht nur auf die Autofahrer zu. Auch Radfahrer und Fußgänger sind gefährdet. Mit Kopfhörern im Ohr zum Beispiel nehmen sie viel weniger wahr, was um sie herum geschieht. Oder nehmen wir die Fußgänger, die unentwegt mit ihrem Smartphone zugange sind und gar nicht mehr hochschauen. Es gibt bereits erste Städte, die Ampeln am Boden anbringen, damit diese Smombies (Wortkombination aus Smartphone und Zombie d. Red.) nicht blindlings in die Straßenbahn laufen. Auf diese Dinge müssen wir uns auch als Verkehrswacht einstellen. Diese Gruppe jüngerer Verkehrsteilnehmer kommt aber nicht in die Schulungen. Wir müssen sie anders erreichen. Bei den Schülern können wir noch zur Präventionsarbeit in die Klassen gehen. Bei den anderen ist es schwer.

Die Verkehrssicherheitstrainings werden für verschiedene Altersgruppen und verschiedene Fahrzeugtypen angeboten, wie Pkw oder Motorrad. Bei jungen Fahrern übernimmt das Land einen Teil der Kosten. Ich habe kürzlich ein Reaktionstraining mitgemacht - Bremsen bei Wildwechsel. Ich kann diese Trainings jedem Kraftfahrer nur empfehlen. Bei den Verkehrswachten kann man sich zu den Terminen schlaumachen.

Viel diskutiert wird derzeit über ältere Kraftfahrer. Sollten sie ab einem bestimmten Alter zu einer Fahrtauglichkeitsuntersuchung verpflichtet werden oder nicht?
Das ist ein ganz heißes Thema. 70 Prozent der Unfälle, an denen Senioren beteiligt sind, werden auch von ihnen verursacht. Die Unfallzahlen steigen. Die Gruppe der älteren Fahrer wird immer größer. Alle wollen möglichst lange mobil bleiben. Ich sehe die Probleme, bin aber persönlich gegen eine Stigmatisierung der älteren Kraftfahrer. Wenn schon eine Tauglichkeitsüberprüfung, dann für alle. Alle fünf Jahre zum Beispiel. Ältere Menschen gehen erfahrungsgemäß öfter zum Arzt. Hier müssen wir in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen die Hausärzte stärken. Sie müssen wissen, ob ihr Patient Radfahrer oder Autofahrer ist. Gerade, wenn Ältere mehrere Medikamente einnehmen, müssen die Hausärzte das im Blick haben. Das setzt auch ein großes Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient voraus. Wir planen zu diesem Thema demnächst eine Veranstaltung in Potsdam.

Bei den Aktivitäten der Verkehrswacht spielen die älteren Verkehrsteilnehmer neben den Kindern aber eine zentrale Rolle.
Sicher. Vor allem bei den Verkehrsteilnehmerschulungen und bei den Sicherheits- oder Mobilitätstrainings. Diese Gruppe dürfen die Verkehrswachten auf keinen Fall vernachlässigen. Bei älteren Menschen lassen kognitive und körperliche Eigenschaften nach. Das fängt schon mit dem Schulterblick an, der nicht mehr so gut funktioniert, aber unablässig ist. Die eigenen Kinder äußern sich oft aus Respekt nicht negativ über den etwas veränderten Fahrstil der Eltern. Da wäre es gut, vielleicht mal einen Fahrlehrer mitfahren zu lassen. Besonders müssen wir uns auch zunehmend um ältere Frauen kümmern, die de facto wieder Fahranfänger sind. Wenn immer der Mann das Auto gefahren hat, und das jetzt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kann, fahren die Frauen wieder. Sie haben zwar einen Führerschein, sind aber lange nicht gefahren. Sie kommen dann auf den Verkehrssicherheitsplatz und üben. Uns ist es lieber, die älteren Verkehrsteilnehmer kommen zum Sicherheitstraining oder in die Schulungen, als dass sie sagen: Ich kann alles.

Herr Genilke, wie viel kann die Verkehrswacht dazu beitragen, unseren Straßenverkehr sicherer zu machen oder gar Unfälle zu vermeiden?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. 2014 gab es in Brandenburg 139 Verkehrstote. Eine so geringe Zahl hatten wir noch nie. Und wir hatten gehofft, es würden noch weniger werden. Das war aber leider nicht so. 2015 starben 179 Menschen auf Brandenburgs Straßen. In dem Bemühen, schwere und tödliche Unfälle zu vermeiden, müssen viele Partner mitspielen. Von der Politik, die für die Infrastruktur zuständig ist, bis zu den Verkehrswachten. Wir versuchen, unseren Beitrag zu leisten. Unsere Arbeit setzt auf Freiwilligkeit. Wenn jemand seine Defizite erkennt und bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, dann ist das schon viel wert. Für ihren Einsatz kann man den Ehrenamtlichen bei den Verkehrswachten, ihren Partnern und den Sponsoren nur dankbar sein.

Mit Rainer Genilke sprach

Birgit Rudow

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die Landesverkehrswacht Brandenburg e.V. ist Dachverband für die selbstständigen Verkehrswachten in den Kreisen und Städten. In ihr arbeiten mehr als 670 Ehrenamtliche. Sie erreicht etwa 250 000 Menschen pro Jahr. www.landesverkehrs-wacht-brandenburg.de

Zum Thema:
Rainer Genilke ist 48 Jahre alt und wohnt in Finsterwalde. Seit 2009 ist der CDU-Politiker Mitglied des Landtages Brandenburg. Er ist infrastrukturpolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitglied des Sonderausschusses BER des Landtages. Er gehört dem Kreistag Elbe-Elster und der Stadtverordnetenversammlung Finsterwalde an. Seit 2014 ist er Vorsitzender der Landesverkehrswacht und seit Mai 2016 Mitglied des Präsidiums der Deutschen Verkehrswacht. Ebenso ist Genilke Vorstand im Diözesanverband Görlitz.

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