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Unterwegs, um Antworten zu geben

Schönewalde. Die Hemmschwelle, einen Antrag auf Einsicht in die Stasi-Akte zu stellen, ist oft hoch, doch die Fragen quälen: Hat mich jemand bespitzelt? Warum und vor allem wer? Am 11. September sind Mitarbeiter der Außenstelle für Stasi-Unterlagen in Schönewalde und bieten persönliche Beratungen zur Antragstellung an. Gabi Zahn

Auch aus der Region Elbe-Elster kommen immer neue Anträge in die zuständige Außenstelle nach Frankfurt/Oder. Die Flut nimmt 21 Jahre nach Inkrafttreten des Stasi-Unterlagengesetzes nicht ab. Doch die Behörde wartet nicht nur, bis Bürger kommen, sondern macht sich selbst auf den Weg. Von heute an gibt es die Möglichkeit, zwei Ausstellungen über den Staatssicherheitsdienst der DDR im Schönewalder Heimatmuseum anzuschauen. Am 11. September sind Mitarbeiter vor Ort und bieten persönliche Beratungen an. "Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er einen Antrag auf Akteneinsicht stellen möchte. Viele sagen: Ich will es gar nicht wissen. Das ist legitim. Doch die Fragen bleiben trotzdem. Unwissenheit schafft auch Verdächtigungen, und nur Fakten bringen Klarheit", sagt Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff. Speziell für den Altkreis Herzberg und Schönewalde sammelt er Fakten, die er während seines Vortrages den Zuhörern vermitteln möchte.

Vorab lässt er wissen: "In der Kreisdienststelle Herzberg des MfS gab es 32 hauptamtliche Mitarbeiter und drei hauptamtliche Inoffizielle Mitarbeiter (IM) mit den Decknamen "Karin", "Christine" und "Günter Schmidt" sowie viele andere IM's, Ende 1989 waren es etwa 400. Einige ihrer Decknamen: Rex, Linde, Apollo, Telefon.

"Sabotage" in der LPG

Bedeutsam für "Erkundungen" waren Wirtschaftsbetriebe in Schlieben, die Schuhfabrik Falkenberg, das Kraftfuttermischwerk, LPGen, militärische Anlagen, Kirchen und speziell auch das Rüstzeitheim Beyern. "In Schönewalde geriet die LPG "Am Fließ" ins Visier der Stasi. "Ausfall von Erntetechnik, deutlicher Rückgang der Abferkelung, Probleme in der Futterversorgung - dahinter wurde Sabotage vermutet", zeigt Rüdiger Sielaff auf. In Stechau wurden sogar ausgebrochene Jungkühe dokumentiert, ebenso ein Konzert der Gruppe "Karussell" am 8. Oktober 1981 in Herzberg.

Brisant war stets die Versorgung der Bevölkerung: "1981 hatte Schönewalde Probleme mit Back- und Fleischwaren. Ärger gab es auch, weil 1883 kein Geld für die Renovierung der Sportlerklause zur Verfügung stand und die Schönewalder sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlten."

Die Stasi habe dem Mielkeschen Motto folgend alles wissen müssen. Sielaff "Erstaunlich ist, es ging gar nicht immer um sofortigen Nutzen, sondern um den Slogan: Wer weiß, wozu dieses Wissen mal gut ist." Und: Natürlich wurde das Umfeld von "Regimekritikern", so auch von Wehrdienstverweigerern, doch ebenso das von Reisekadern abgegrast: "Eheprobleme, gesundheitliche und finanzielle Dinge galt es zu checken, um etwaige Ausreise-Anträge zu unterbinden oder um Druck auszuüben.

Das Ziel: Alles wissen

Das Ziel allen Wirkens: Keiner und nichts darf außer Kontrolle geraten. "Diese Aufgabenstellung wurde glücklicherweise nicht erreicht, wie wir alle wissen", bekundet Sielaff und will am 11. September dazu und zu anderen Vorfällen weitere Informationen geben.

Zum Thema:
Unter dem Titel: "Postgeheimnis? - Die Stasi und die Cottbuser Briefe" und "Die Arbeit am Feind - Arbeitsweisen und Wirken der Stasi", gibt es von heute an bis zum 30. September Ausstellungen im Schönewalder Heimatmuseum. Geöffnet: samstags und sonntags, 14 bis 17 Uhr; wochentags: vorherige Anmeldung bei Museumsleiter Herbert Stein unter Tel. 015 227593186.Am 11. September bieten zwei Mitarbeiterinnen der Außenstelle Frankfurt/Oder von 15 bis 19 Uhr persönliche Beratungen zur Akteneinsicht im Heimatmuseum an. Ab 18 Uhr hält an diesem Tag Rüdiger Sielaff im Rathaus einen Vortrag zum Wirken der Staatssicherheit in der Region. gzn1