ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:32 Uhr

Unbegleitete Minderjährige
Wie das Jugendamt Elbe-Elster junge Flüchtlinge betreut

Unterliegen einer besonderen Fürsorge: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. So jung wie noch 2015 sind die Neuankömmlinge heute nicht mehr.
Unterliegen einer besonderen Fürsorge: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. So jung wie noch 2015 sind die Neuankömmlinge heute nicht mehr. FOTO: RomeoLu /Shutterstock.com
Elbe- Elster. Elbe-Elster hat seit 2015 insgesamt 136 Flüchtlinge als unbegleitete Minderjährige aufgenommen. Jugendamtschefin Marlis Elitz sagt, wie die Arbeit mit den jungen Ausländern läuft und was für Probleme es im Flüchtlingsheim gibt. Von Birgit Rudow

23 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden derzeit im Jugendwohnheim in Elsterwerda betreut, 13 sind es in der Clearing- und Wohngruppe des Paul-Gerhardt-Werkes in Finsterwalde. 136 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hat der Landkreis Elbe-Elster seit Ende 2015 aufgenommen. Bei nicht allen hätte die Altersangabe gestimmt, sagt Marlis Eilitz, Leiterin des Amtes für Jugend, Familie und Bildung beim Landkreis. In neun Fällen habe sich herausgestellt, dass die jungen Männer nicht mehr minderjährig waren.

Träger des Jugendwohnheims in Elsterwerda ist der Landkreis. Eröffnet wurde es im November 2015 zunächst als Clearingstelle, wo die familiäre und sozialkulturellen Hintergründe, der schulische Bildungsstand oder auch traumatische Belastungen der jungen Flüchtlinge geprüft werden.

Im Herbst 2015 waren dem Landkreis praktisch über Nacht 43 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zugewiesen worden. Ihre Betreuung bei verschiedenen freien Trägern habe sich als nicht sinnvoll erwiesen. Die Träger seien damit zum Teil überfordert gewesen, so die Amtsleiterin. So hat der Kreis im nicht mehr ausgelasteten Lehrlingswohnheim in Elsterwerda eine Etage frei gemacht.

Am 15. November 2015 sind die ersten jungen Flüchtlinge eingezogen. Der älteste war 17, der jüngste 10 Jahre alt, so Marlis Eilitz. Bis zum Jahresende 2015 sind 43 Jugendliche gekommen, 2016 waren es 58 Neuaufnahmen, 2017 kamen 17 und 2018 bisher 18 Neuzugänge. Seit dem Februar 2016 nimmt auch das Paul-Gerhardt-Werk in Finsterwalde unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf.

Die Clearingstelle in Elsterwerda  hat 2016 begonnen, ein Konzept zur Arbeit mit diesen Flüchtlingen zu entwickeln. Im Januar 2017 wurde sie als Jugendwohnheim zugelassen. Die Flüchtlinge durchlaufen erst die Clearingstelle, kommen dann in das betreute Wohnen und wenn sie bestimmte Voraussetzungen wie gute Sprachkenntnisse erfüllen, dürfen sie in die so genannte Wohngruppe zur Verselbstständigung. Gekocht, gegessen (und anschließend wieder sauber gemacht) wird in der großen Küche gemeinsam.

Auch wenn die Zuweisungen in den vergangenen beiden Jahren  zurückgegangen sind, ist die Einrichtung gut gefüllt, da die Jugendlichen in der Regel bleiben, bis sie 18 Jahre alt sind. Untergebracht sind sie in Wohngruppen jeweils zu zweit in freundlich eingerichteten Zimmern. Betreut werden die jungen Flüchtlinge von einem Team aus Sozialarbeiterinnen und Erziehern sowie einer Sprachmittlerin. Zum Erlernen der deutschen Sprache arbeitet das Wohnheim auch mit dem Grundbildungszentrum Elbe-Elster zusammen.

Wer die selbstständige Wohngruppe erreicht hat, so berichtet Sozialarbeiterin Steffi Schuster,  genießt bereits Privilegien, die ihn auf ein Leben nach dem Wohnheim vorbereiten sollen. Der bekommt zum Beispiel Fahrgeld und Verpflegungspauschale auf ein Konto überwiesen und muss lernen, mit dem Geld umzugehen.

Verändert hat sich in den knapp vier Jahren nicht nur die Zahl der Zuweisungen sondern auch das Alter der minderjährigen Flüchtlinge und ihre Herkunftsländer. Zehnjährige Kinder kommen heute nicht mehr, sagt Marlis Eilitz. Das Durchschnittsalter der Bewohner im Jugendwohnheim liege derzeit bei 17 Jahren. Und seien es vor drei, vier Jahren hauptsächlich Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien gewesen, so kämen sie heute vorrangig aus dem afrikanischen Raum und sprechen verschiedene Sprachen. Das, so Marlis Eilitz, habe auch einen Vorteil, weil ihnen nichts anderes übrig bleibe, als sich zunehmend auf deutsch zu verständigen.

Seit 2017 kann mit der Einführung der Berufsfachschule plus für die Flüchtlinge auch die Schulpflicht abgesichert werden. Alle müssen für zwei Jahre das Oberstufenzentrum in Elsterwerda besuchen. Wenn die Jugendlichen volljährig, also 18 Jahre alt, sind, müssen sie das Jugendwohnheim verlassen, wenn sie keinen Antrag auf Anschlusshilfe stellen und dieser genehmigt wird. Sie bekommen eine eigene Wohnung oder ziehen in Gemeinschaftsunterkünfte. „Entweder müssen sie noch weiter das OSZ besuchen oder sie werden vermittelt. Unser Ziel ist es, möglichst viele in eine Ausbildung oder eine Stelle, zumeist erstmal als Ungelernter, zu bringen. Bei etwa 65 Prozent ist uns das bisher gelungen“, so Marlis Eilitz.

Für die jungen Flüchtlinge, die noch nicht 18 Jahre alt sind, ist Gloria Schönitz als Amtsvormund im Elbe-Elster-Kreis zuständig. Sie betreut alle Minderjährigen, die sich in der Obhut des Jugendamtes befinden, auch die deutschen Minderjährigen. Für die jungen Flüchtlinge ist sie eine Art „Ersatzmutter“. Gloria Schönitz kümmert sich um alles, von den Gesundheitsuntersuchungen bis zur Beratung im Asylverfahren. Sie arbeitet eng mit einem großen Netzwerk zusammen, zu dem auch Dolmetscher und Kollegen des Sozialamtes und der Ausländerbehörde gehören.

Die Schwierigkeiten der ersten Jahre in dem Jugendwohnheim sind überwunden. In dem Gebäude befindet sich auch das Lehrlingswohnheim des Landkreises. Dessen Belegung sei wegen der Flüchtlinge übrigens nicht zurückgegangen, so Marlis Eilitz.

Anfangs habe es Probleme vor allem mit der Lautstärke der Flüchtlinge in den Abendstunden gegeben. Das habe sich gelegt, weil die Flüchtlinge jetzt auch früh ins OSZ müssten, so die Amtsleiterin.

Es sei vor ein paar Jahren auch vorgekommen, dass Flüchtlinge drei Lehrlinge gejagt hätten. Aber der Streit sei damals begelegt worden, sagt sie. Die dicksten Freunde seien die Lehrlinge und die Flüchtlinge nicht, aber es komme nicht mehr zu schwerwiegenden Anfeindungen, sagt Marlis Eilitz. Überhaupt müsse der Kreis als Träger der Einrichtung jeden „Vorfall von Bedeutung“ an das Land melden.

2015 sei ein Flüchtling einer Erzieherin gegenüber anzüglich und rabiat geworden. Er sei nicht in der Einrichtung geblieben, erzählt sie. Andere Vorfälle seien zum Beispiel der Genuss von Alkohol oder das unerlaubte Verlassen des Heimes gewesen. Auch Kopfläuse müssten gemeldet werden, so die Amtsleiterin.

Seit 2015 habe es insgesamt 31 meldepflichtige Vorfälle gegeben. „Für solch ein Heim sind das wenige. Und das spricht für die Einrichtung. Es ist nicht so, dass die jungen Flüchtlinge alle sehnsüchtig darauf warten, endlich 18 zu werden“, sagt Marlis Eilitz.