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Tiefgreifenden Wandel oftmals gut gemeistert

Nach dem Festakt gab es die Möglichkeit zu vielen Gesprächen. Bürgermeister Michael Oecknigk hier mit der Chefin der WBG Sabine Endemann, Schönewaldes Bürgermeister Michael Stawski und dem 1. Beigeordneten des Landrates Peter Hans (v.r.).
Nach dem Festakt gab es die Möglichkeit zu vielen Gesprächen. Bürgermeister Michael Oecknigk hier mit der Chefin der WBG Sabine Endemann, Schönewaldes Bürgermeister Michael Stawski und dem 1. Beigeordneten des Landrates Peter Hans (v.r.). FOTO: Rudow
Herzberg. Am 1. Oktober 1816 wurde Herzberg zur Kreisstadt des Kreises Schweinitz benannt. Seitdem trägt die Stadt diesen Titel. Das Jubiläum wurde am Samstag, auf den Tag genau 200 Jahre später, mit einer Festveranstaltung im Bürgerzentrum begangen. Birgit Rudow

Wie feiert man ein solches Jubiläum? Mit viel Pathos? Mit sachlicher Analyse? Vor allem mit historischen Rückblicken? Am Samstag war von allem etwas dabei. In erster Linie aber hat die Stadt das Jubiläum mit Freunden und Weggefährten des letzten Vierteljahrhunderts begangen. Und so blieb der eine oder andere Schlenker zum Tag der Deutschen Einheit nicht aus.

Im Vorfeld hatte man dem Umgang mit dem Jubiläum in der Stadt durchaus angemerkt, dass die unsichere Zukunft von Herzberg als Kreisstadt einen kleinen Schatten wirft. Michael Oecknigk, seit 22 Jahren Stadtoberhaupt, wollte sich damit am Samstag aber nicht belasten. Er stelle keine Mutmaßungen zur aktuellen Entwicklung an. Dazu sei ihm das Jubiläum zu einmalig, sagte er. Der Bürgermeister hatte viele Beschreibungen für das, womit eine Kreisstadt fertig werden muss - Bürde, Last, Herausforderung und Chance im Gemenge von Freud und Neid. Sie bewege sich zwischen Akzeptanz und Ignoranz, so der Bürgermeister. Herzberg trage den Titel Kreisstadt mit Würde und Stolz und sei sich seiner Verantwortung gegenüber den benachbarten Kommunen bewusst, sagte er und dankte seinen Amtskollegen ausdrücklich. Oecknigks Rede endete mit dem Wunsch nach einem Miteinander in Eintracht und Frieden.

Als uneingeschränkt einträchtig konnte man das Verhältnis der Stadt zur Kreisverwaltung in den vergangenen Monaten nicht immer bezeichnen. Vor allem am Gymnasium rieben sich die Geister. Aber dieses Thema ließ Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) in seinem Grußwort außen vor. Vielmehr würdigte er Herzbergs Stellung als Mittelzentrum im Kreisgefüge neben Finsterwalde und Bad Liebenwerda/Elsterwerda und bescheinigte den Herzbergern, in ihrer Stadtgeschichte oftmals einen tiefgreifenden Wandel gemeistert zu haben. Und dann gab es vom Landrat doch noch eine Aussage zu dem besonderen Verhältnis von Stadt und Kreis. Konstruktiv und streitbar sei es, sagte er. Im Gegensatz zum Bürgermeister äußerte sich Jaschinski zur Kreisstadt-Zukunft. Seiner Meinung nach solle Herzberg auch nach der Kreisreform 2019 Kreisstadt bleiben. Er verwies auf 700 Mitarbeiter, die in der Kernverwaltung in Herzberg arbeiten. Die Landesregierung täte gut daran, so der Landrat, die Kreissitze in die strukturschwachen Regionen zu geben und die Verwaltungsarbeitsplätze nicht auch noch in die Oberzentren zuverlagern. Auch Landes-CDU-Chef Ingo Senftleben brachte in Herzberg seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Landesregierung ihre Pläne noch ein wenig korrigiere.

Von der Landesspitze hat dies am Samstag niemand gehört. Der Ministerpräsident habe seine Teilnahme an der Festveranstaltung erst zu-, dann aber wieder abgesagt, sagte Michael Oecknigk. Und so hielt ein alter Freund der Stadt, der ehemalige Bundespostminister Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling aus der Partnerstadt Büdingen die Festrede. Er sei vor 26 Jahren nach den Einheitsfeierlichkeiten in Berlin gleich nach Herzberg gekommen, erinnerte sich der heute 85-Jährige, um mit den Freunden die Einheit zu feiern. Die Städtepartnerschaft sei nachhaltig, sagte er. Sie überlebe selbst schwere Zeiten und Katastrophen. Auch die beiden Ehrenbürger der Stadt Jules August Schröder aus Büdingen und Paul Sellmann aus Höxter traten kurz ans Pult. Herzberg habe Büdingen mittlerweile einiges voraus, meinte Jule August Schröder. Und Paul Sellmann bescheinigte der Kreisstadt, dass sie mehrmals in die demokratische Waschanlage geschickt worden und immer sauber herausgekommen sei.

Für die historische Tiefe des Nachmittags war Prof. Dr. Klaus Neitmann, Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, zuständig. "Herzberg im Spiegel seiner historischen Urkunden" war sein Vortrag überschrieben. Klaus Neitmann hatte mit seinen Mitarbeitern 81 historische Urkunden der Stadt wissenschaftlich bearbeitet. Für den Vortrag hatte er sich auf politische Grundstrukturen in der Stadt im 15. Jahrhundert konzentriert. Aus den Urkunden ginge hervor, so Heitmann, dass die Stadt immer einem Landesherren und nicht einem Adelsgeschlecht unterstellt war. Sie beinhalteten Kernstücke des Verfassungsgefüges, die die Stadt mit den Landesfürsten ausgehandelt hat. Sie belegten, wie die Stadt das Monopol der Kaufleute und Händler im Rat aufgebrochen und Gewerken und Bürgern eine Stimme gegeben hat. Die Urkunden, so Neitmann, zeugen von dem Willen der Stadt und ihrer Bürgerschaft, ihre politische Selbstständigkeit mit eigenen gewählten Organen zu behaupten.