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| 14:09 Uhr

Historie
Tagebuch zum Sender in Herzberg aufgetaucht

 Sieben Jahrzehnte nach dem Abbau der Senderanlage gibt das Tagebuch von Fridolin Schmidl neue Erkenntnisse zu dessen Geschichte frei. Es gelangte erst jetzt nach Herzberg.
Sieben Jahrzehnte nach dem Abbau der Senderanlage gibt das Tagebuch von Fridolin Schmidl neue Erkenntnisse zu dessen Geschichte frei. Es gelangte erst jetzt nach Herzberg. FOTO: Sven Gückel
Der Ingenieur Friedolin Schmidl berichtet über den Aufstieg und das Ende des Bauwerks, das Herzberg einst bekannt gemacht hatte. Von Sven Gückel

In den Mittagsstunden des 19. April 1945 war es mit der bis dato vermeintlichen Ruhe am Herzberger Sender vorbei. Zweimotorige leichte Bomber hatten sich den zu der Zeit größten und modernsten Sender Europas als Ziel auserkoren und führten einen Angriff auf ihn aus. Damit leiteten sie das Ende eines Projektes ein, das den Nationalsozialisten Millionen Reichsmark (RM) wert war und Herzberg zeitweise zu einer Sonderstellung verhalf. Ein jetzt aufgetauchtes Tagebuch bringt neue Details von damals ans Licht.

Gigantische Betonblöcke, mehr ist von der einstigen Größe und Herrlichkeit des Herzberger Sender nicht mehr übrig. Alliierte Bomben und die Reparationsforderungen Russlands ließen innerhalb weniger Monate ein Bauwerk verschwinden, das seinerzeit mit modernster Technik bestückt war. Mit seinen 327 Metern Höhe war der Antennenmast des Senders während des Dritten Reiches sogar das höchste  Bauwerk Europas. Viel ist inzwischen über den Deutschlandsender III berichtet worden. Über seine Langwellen erreichten Hitler, Goebbels und andere Nazis die Radios deutscher Haushalte und konnten so ungehindert Millionen Zuhörer in ihren Bann ziehen.

Einer, der den Aufstieg und Fall des Deutschlandsenders III hautnah miterlebte, war Fridolin Schmidl. Als Ingenieur wurde er von seinem Arbeitgeber, dem Reichspostministerium, nach Herzberg beordert, um das gigantische Vorhaben zu unterstützen. Interessant für heutige Geschichtsforscher ist, dass Schmidl seine Erlebnisse und Erfahrungen in einem Tagebuch notierte. Erst jetzt gelangte es nach Herzberg. Barbara Stübiger, eine Bekannte von Schmidls Nichte, bekam das Schriftstück in die Hände und übergab „die wertvolle Dokumentation“ wenig später dem Herzberger Bürgermeister Karsten Eule-Prütz zur geschichtlichen Aufarbeitung und Verwahrung. Die Rundschau durfte schon einmal darin blättern:

 Einer der Dienstausweise des Ingenieurs Fridolin Schmidt.
Einer der Dienstausweise des Ingenieurs Fridolin Schmidt. FOTO: Sven Gückel

Detailliert und mit sauberer Schrift berichtet Schmidl in dem Heft über jede einzelne Phase des Aufbaus, erläutert technische Zusammenhänge und lässt dabei den Stolz nicht vermissen, hier arbeiten zu dürfen. Errichtet in den Jahren 1936 bis 1939, verschlang das Projekt 23 Millionen RM. Acht Millionen für sämtliche Gebäude, 13 Millionen für die technische Ausrüstung und zwei Millionen für den Antennenturm. Der, notierte Fridolin Schmidl begeistert, war nicht nur 750 Tonnen schwer, sondern wurde ausschließlich durch Schraubverbindungen zusammengehalten. „Keine Niete, keine Schweißnaht“, schrieb er in das Tagebuch. Allein in der Linse waren 45 000 Schrauben verarbeitet. „Zur Kontrolle der Schrauben war am Sendersaal extra ein Balkon montiert, auf dem ein Präzisionsfernrohr von Carl Zeiss Jena stand, mit dem jede einzelne Schraube kontrolliert werden konnte“, notierte er fasziniert. Ein Meisterwerk der Statik und deutscher Ingenieurskunst.

Ein Dieselhaus, bestückt mit drei 1500 PS-Generatoren, das Sendergebäude und der Antennenturm bildeten den Kern der Anlage. Doch nicht nur die installierte Technik lobte Schmidl immer wieder, auch die Kompetenz und den Ehrgeiz der hier tätigen Mitarbeiter. Einzelne, wie etwa den ersten Leiter Felix Rabe  oder den letzten Leiter Ernst Hammer, nannte er persönlich beim Namen und hob deren Fähigkeiten heraus. Hammer wurde durch die Russen im Mai 1945 verhaftet, nach Sachsenhausen gebracht und 1948 als kranker Mann wieder entlassen. Zwei Wochen später verstarb er an den Folgen der Haft im Herzberger Krankenhaus.

Besonders ausführlich schildert Fridolin Schmidl das Ende des Deutschlandsenders III. Schon Mitte April 1944 überflog erstmals ein Pulk alliierter Bomber die Anlage, ohne jedoch von ihr Kenntnis zu nehmen. Lediglich zwei Begleitjäger feuerten MG-Salven auf die Gebäude ab. In Folge dessen wurden aber wichtige Reserven aus dem Röhrenlager in umliegende Ortschaften in Sicherheit gebracht. Als die Rote Armee schließlich in Sichtweite war, kam an die Mitarbeiter der Auftrag, den „Sender zu lähmen“. Jedoch nur so, dass „er schnell wieder in Betrieb genommen werden kann“. Inzwischen nahmen auch die Luftangriffe auf das Objekt zu. Einige der abgeworfenen Bomben trafen ihr Ziel, viele andere blieben als Blindgänger liegen. Sie mussten im Auftrag der Russen später von festgesetzten Deutschen entschärft werden.

 Eine Aufnahme, die Schmidt unittelbar nach den Bombenangriffen machte.
Eine Aufnahme, die Schmidt unittelbar nach den Bombenangriffen machte. FOTO: Sven Gückel

Am 23. April 1945 wurden die Stadt Herzberg und der Sender von russischen Truppen besetzt. Nach und nach wurden einzelne Mitarbeiter von den Russen zum Verhör geholt, etliche hat man danach nicht wieder gesehen. Im Juli 1945 beorderte die Rote Armee schließlich 300 deutsche Zivilisten zum Sender, mit der Aufgabe, diesen zu demontieren. Verwertbare Teile wurden ebenso wie der Antennenturm sorgsam verpackt und in 60 Eisenbahnwagons nach Moskau gebracht, um im dortigen Radiosender verbaut zu werden. Mitte Oktober 1946 war der Abbau abgeschlossen. Den Rest sprengten die Russen.

Der mediale Krieg war damit aber nicht vorbei. Schon wenig später errichteten die Russen an gleicher Stelle einen Störsender, dessen 25 Kilometer Reichweite den Empfang von RIAS Berlin unterbinden sollte. „Eine neue Kriegswaffe“, konstatierte Fridolin Schmidl abschließend in seinem Tagebuch.