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| 02:40 Uhr

Singen gegen das Vergessen

Susanne Malenky spielt auf einer Tischharfe und singt mit Bewohnern des Rosa-Thälmann-Heimes Volkslieder.
Susanne Malenky spielt auf einer Tischharfe und singt mit Bewohnern des Rosa-Thälmann-Heimes Volkslieder. FOTO: S. Halpick
Guben. "Ich spiele Ihnen jetzt ein Lied vor und Sie erraten, welches es ist", sagt Susanne Malenky. Die ausgebildete Musikgeragogin sitzt am Bett von Winfried Passeck im Gubener Rosa-Thälmann-Heim. Silke Halpick

Der 75-Jährige ist "vollkommen blind, aber klar im Kopf", wie er selbst von sich sagt. Bereits nach einigen wenigen Tönen hat er "Schneeflöckchen, Weißröckchen" erkannt. Gemeinsam singen die beiden das Winterlied. "Die erste Strophe fällt den meisten ein", erzählt Malenky. Sich an die darauffolgenden Textzeilen zu erinnern, sei hingegen oft schon schwieriger.

Musikgeragogik ist eine Teildisziplin der Geragogik, der Altenpädagogik. "Ältere Menschen haben andere Voraussetzungen als junge", erklärt Hans Hermann Wickel von der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik mit Sitz in Münster (Nordrhein-Westfalen). So müssen beispielsweise die individuellen Lebenserfahrungen, aber auch altersbedingte Einschränkungen beachtet werden. Rund 500 ausgebildete und zertifizierte Musikgeragogen gibt es bundesweit, wie Wickel betont. Vor allem Pflegekräfte und Beschäftigte in sozialen Bereichen nutzen diese zusätzliche Weiterbildung. "Der Bereich ist relativ neu, aber im Kommen", betont er.

Als "Alleinstellungsmerkmal" bezeichnet auch Martin Reiher, Geschäftsführer der Gubener Sozialwerke, das Musikgeragogik-Projekt am Rosa-Thälmann-Heim in Guben. Zumindest auf diesem "professionellen Niveau" sei es einmalig in der Region, betont er. Die Ausbildung der Musikgeragogin sowie die benötigten Instrumente wurden über Fördermittel der Johann-Gottlieb-Zierold-Stiftung finanziert. Die Stiftung wird von der Stadt Guben verwaltet. Mit den jährlichen Zinserträgen sollen vor allem Kriegsopfer sowie mittellose alte Frauen und Kinder unterstützt werden.

"Wir haben einen sehr hohen Anteil von Demenzerkrankten im Heim", erklärt Reiher. Vor allem dieser Personenkreis könne von der Musikgeragogik profitieren. Denn auch Menschen, mit denen aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums der Krankheit nicht mehr herkömmlich kommuniziert werden könne, seien über Gesang und Musik häufig noch erreichbar. "Das ist an der Mimik zu erkennen", sagt Reiher.

Neben dem Besuch einzelner Senioren musiziert Susanne Malenky auch mit interessierten Heimbewohnern regelmäßig im Saal sowie auf den einzelnen Etagen. Dann verteilt sie einfache Instrumente wie Holzblocktrommeln, Klanghölzer, Schellenkranz oder Tischharfen an die Senioren. Damit wird der Gesang begleitet. Sogenannte Sitztänze, bei denen Arme und Beine einbezogen werden, sollen die Bewohner zusätzlich "in Bewegung bringen".

"Die musikgeragogischen Stunden sollen gemeinsame Erlebnisse schaffen, die Kommunikation anregen und für neuen Gesprächsstoff sorgen", sagt Malenky. Auch privat hat sich die 46-Jährige der Musik verschrieben. Im Gubener Stadtchor singt sie als Sopranistin.

Zum Thema:
An der Fachhochschule Münster gibt es seit dem Jahr 2004 einen Weiterbildungsstudiengang "Musikgeragogik". Neu angeboten werden soll jetzt auch der überhaupt erste Masterstudiengang "Kulturgeragogik". Auch an der Landesmusikakademie in Berlin gibt es einen Musikgeragogik-Lehrgang in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Münster.An der BTU Cottbus-Senftenberg gibt es zwar den Studiengang Instrumental- und Gesangspädagogik, der ist allerdings auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fokussiert. Trotz des demografischen Wandels in der Region gibt es derzeit keine konkreten Pläne für einen Studiengang, der alte Menschen in den Mittelpunkt stellt.