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| 18:30 Uhr

Schulentwicklung
Sind die Förderschulen noch zu retten?

Elbe-Elster. Die Förderschulen „Lernen“ in Herzberg und Finsterwalde sind mittelfristig gesichert. Anders sieht es in Elsterwerda aus. Von Birgit Rudow

Die Förderschulen erhalten oder den Schwerpunkt auf das gemeinsame Lernen an Regelschulen legen? Oder am besten beides? Wie soll das gehen? Seit der Einführung der Inklusion durch die Landesregierung vor einigen Jahren beschäftigt dieses Thema Lehrer, Eltern, Schulverwaltungen und Lokalpolitiker gleichermaßen. In die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen werden keine Kinder mehr in die 1. Klasse eingeschult. Dennoch wird aller Orten um den Erhalt der Förderschulen gerungen. Auch in Elbe-Elster.

Wie ist der Stand im Landkreis Ende 2017? Dazu wollten die Abgeordneten des Bildungsausschusses des Kreistages vom Amt für Familie, Jugend und Sport in dieser Woche genau informiert werden. Bezeichnend und treffend der Satz von Amtsleiterin Marlis Eilitz zum Ende der Diskussion: „Wir setzen uns für unsere Förderschulen ein, aber wir machen sie tot“.

Das sind die Fakten: In Elbe-Elster gibt es drei Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen (L) und drei mit dem Schwerpunkt geistige Behinderung (GB) jeweils in Herzberg, Elsterwerda und Finsterwalde. Sie sind an allen drei Standorten in gemeinsamen Gebäuden untergebracht.

Die GB-Förderschulen sind von dem Thema Inklusion kaum betroffen. Bei den Förderschulen Lernen ist die aktuelle Situation unterschiedlich. In Herzberg gibt es eine Klasse der Stufe 3/4 mit 18 Schülern, zwei Klassen der Stufe 5/6 mit insgesamt 28 Schülern und fünf Klassen der Stufe 7 bis 10 mit insgesamt 56 Schülern. In Finsterwalde bestehen eine Klasse in der Stufe 5/6 mit elf Kindern und fünf Klassen der Stufe 7 bis 10 mit 61 Schülern. Beide Schulen sind nach Auffassung des Fachamtes mittelfristig gesichert. In der Förderschule Lernen in Elsterwerda gibt es keine Primarstufe mehr. Hier lernen noch 49 Schüler in vier Klassen der Stufe 7 bis 10.

Warum ist das so? Schulleiterin Carola Zschiesche hat dafür eine Erklärung: „Es gibt Schulleiter, die brennen für Integrationskinder. In der Bevölkerung entsteht der Eindruck, dass es uns sowieso nicht mehr lange gibt“, sagt sie. Das heißt nichts anderes, als dass sich Schulen wie das Grundschulzentrum Bad Liebenwerda oder das Schulzentrum Elsterwerda intensiv mit dem Thema Inklusion befassen und dieses in ihren Einrichtungen auch durchsetzen. Die lernbehinderten Kinder werden in die Regelschulen integriert und fehlen so an der Förderschule in Elsterwerda. Das ist auch der Grund, warum es in dieser Schule keinen Primarbereich mehr gibt.

Der Landkreis als Schulträger hat diese Schule deshalb besonders im Blick. Denn zum Erhalt der Einrichtung müssen drei aufsteigende Klassen vorhanden sein. Marlis Eilitz geht davon aus, dass es gelingt, auch im Schuljahr 2017/18 eine 7. Klasse in Elsterwerda zu bilden. „Wir haben kein Problem“, sagt sie kämpferisch. Aber der Kreis müsse vorbereitet sein. Denn wenn keine 7. Klasse mehr gebildet werden kann, muss die Auflösung der Förderschule vorbereitet werden. Aber erst dann, so Marlis Eilitz.

Ein grobes Konzept hat der Kreis für diesen Fall bereits. Das benachbarte Schulzentrum ist schon auf Integration ausgerichtet und verfügt über dementsprechend mehr Personal. Die Förderschule könnte dem Zentrum angeschlossen und es könnten Lerngruppen mit Förderschwerpunkten gebildet werden. Die Klassen der Förderschule würden bis zum Abschluss der 10. Klasse erhalten und in ihrem Gebäude bleiben, so die Amtsleiterin.

Schulrat Uwe Mader erläutert noch eine weitere Möglichkeit, nämlich die, das gesamte Schulzentrum Elsterwerda auf das Konzept „Gemeinsames Lernen“ auszurichten. Dieses Konzept wird vom Land besonders gefördert. In den Grundschulen Falkenberg und Rückersdorf wird es bereits angewendet und auch von der Elsterlandgrundschule Herzberg anstrebt. Dabei ist die Stundenzahl für die sonderpädagogische Förderung und die Ausrüstung mit pädagogischen Unterrichtshilfen noch deutlich höher, so Mader. Er verweist auch auf die Möglichkeit der Förderschüler, an der Oberschule den Hauptschulabschluss zu erwerben.

Die Reaktion der Mitglieder des Bildungsausschusses auf diese Faktenlage war durchwachsen. Daniel Mende (LUN/BVB/BfF/Hz) zweifelt daran, dass für das Konzept „Gemeinsames Lernen“ genügend Fachpersonal zur Verfügung stehen wird. „Hier soll wieder etwas durchgedrückt werden, was nicht durchdacht ist“, sagt er. Anja Heinrich (CDU) hält die Entwicklung bei den Förderschulen für einen großen Fehler, den man teuer bezahlen müsse. Der Förderschulbereich würde in der öffentlichen Wahrnehmung stiefmütterlich behandelt, sagt sie. Als künftige Bürgermeisterin der Stadt Elsterwerda fordert sie regelmäßige Absprachen zu diesem Thema. Alexander Piske (SPD), selbst Lehrer, bricht eine Lanze für das gemeinsame Lernen, fordert jedoch mehr sonderpädagogisches Personal. Man müsse von dem institutionellen Denken weg, sagt er.

Die aktuelle Situation an den Förderschulen in Elbe-Elster reicht also von mittelfristig gesichert bis zu gefährdet. Wie sie sich weiter entwickelt, wird davon abhängen, wie das gemeinsame Lernen an den Schulen untersetzt wird und wie Eltern sich entscheiden. Der Elternwunsch werde in Elbe-Elster groß geschrieben, so Marlis Eilitz. Doch wenn es keine Förderschulen in Wohnortnähe gibt, ist auch der Elternwunsch eingeschränkt. Ob die Diskussion um die Schulen deren Ansehen in der Öffentlichkeit nutzt, oder ob sie sie „tot redet“, wird sich zeigen. Notwendig ist sie allemal.