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Lausitzer Wirtschaft
„Ich möchte mir ein Sommerkleid schneidern“

Die „Schnukidu“-Nähkursleiterin Susann Kilian (M.) gibt den Nadine Zeisberg (r.) und Nadine Kärst Tipps beim Nähen ihrer Halsschmeichler.
Die „Schnukidu“-Nähkursleiterin Susann Kilian (M.) gibt den Nadine Zeisberg (r.) und Nadine Kärst Tipps beim Nähen ihrer Halsschmeichler. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Herzberg. Mandy Berger hat mit ihren „Schnuckidu“-Nähkursen in Herzberg wieder den Nerv getroffen: „Der Bedarf ist riesig.“ Von Christian Taubert

Es ist kurz nach fünf. „Schnuckidu“, der Laden für Stoffe & Kurzwaren in der Herzberger Innenstadt, hat montags gar nicht geöffnet. Beim Blick durch die Schaufenster ist das Gewusel in den Geschäftsräumen aber nicht zu übersehen. Seit einem Monat bietet Chefin Mandy Berger hier Nähkurse an. Nach der Existenzgründung ihres Ladens mit Online-Shop Ende 2016 hat die 30-jährige Herzbergerin damit wieder einen Nerv der Kundinnen in der Region getroffen. „Es ist erstaunlich. Der Bedarf ist riesig“, verweist die gelernte Handelskauffrau auf die lange Liste von Bewerbern, von denen zunächst 30 für die Start-Kurse berücksichtigt werden konnten. „Wir müssen den Ansturm ja auch bewältigen.“

Die Nähmaschinen sind zwischen Verkaufs- und Lagerräumen im Quadrat positioniert. Am fünften von sechs Abenden zu zweieinhalb Stunden steht das Nähen von Jersey auf dem Plan. Halsschmeichler oder Dreieckstücher sollen entstehen. Doch bevor die erste Maschine surrt, nehmen die fünf Frauen unter Anleitung von Kursleiterin Susann Kilian Maß. Der Rollschneider wird am selbst ausgewählten Stoff angesetzt. Bei Susann Kilian, die seit 20 Jahren näht und freiberuflich unterwegs ist, zerteilt die Klinge mühelos die Stoffbahn. Nadine Zeisberg möchte dagegen lieber die Schere nehmen, quält sich letztlich aber mit dem  Rollschneider ans Ziel.

Die Erzieherin aus Herzberg-Mahdel ist ein Bastel-Fan und liebt das kreative Gestalten. „Beim Nähen fange ich ganz von vorn an. Aber auch dafür ist ja der Kurs bei Schnuckidu da“, räumt die 41-Jährige ein, dass es manchmal schon schwierig sei. „Vor allem, wenn die Maschine nicht das macht, was ich will.“ Vom Schneidetisch für die Dreieckstücher kommt ein tiefer Seufzer. „Ach, nein. Die Vögel stehen ja auf dem Kopf.“  Janina Uhlig ärgert sich, beim Zuschnitt ihres Stoffes nicht auf das Muster geachtet zu haben. Die erfahrene Kursleiterin eilt zu Hilfe: das Dreieck in zwei Hälften teilen, aneinandernähen und ein Band über dem Stoß anbringen. Der Vorschlag ist gut, „aber ich werde immer den Fehler sehen“, sagt Nadine Uhlig. Aber sie versucht es zunächst, um sich später doch noch ein neues Stück Stoff zuzuschneiden.

Als die fünf Frauen im Näh-Quadrat an den Maschinen sitzen, funkt aus der linken Ecke SOS. „Muss ich die Schlaufe mit festnähen?“, fragt Melanie Haake. Und warum komme sie nicht um das Loch herum? „Nicht festnähen und runter vom Gaspedal“, weiß Susann Kilian. Guter Tipp. Melanie Haake kommt mit ihrem Halsschmeichler voran und freut sich: „Mit dem Kurs habe ich wieder Feuer gefangen. Ich habe gemerkt, dass ich es noch immer kann.“ Die 52-jährige Herzbergerin habe einst für die Kinder und sich selbst genäht. Später sei das eingeschlafen.

Der gleichaltrigen Ines Bader ging es ähnlich. Sie hat in ihrer Jugend Hosen, Röcke, Jacken oder T-Shirts genäht. Dafür seien nicht selten Baumwollstoffe eingefärbt worden. „Die erste Nähmaschine habe ich mir vom Jugendweihegeld gekauft“, erinnert sich die Lehrerin an ihre damalige Zeit in Finsterwalde. Später habe sie das  Selbstgeschneiderte mit der Modegruppe „Schrägschnitt“ auf den Laufstegen der Region präsentiert. Mit dem Kurs bei „Schnuckidu“ hat Ines Bader jetzt verborgene Fertigkeiten wieder aufgefrischt, um für das Enkelkind und sich selbst zu nähen.

Mandy Berger hatte ihre Nähkurse bereits im Dezember des Vorjahres angekündigt. Damals war sie für ihre „Schnuckidu“-Geschäftsidee mit dem Lausitzer Existenzgründerpreis 2017 ausgezeichnet worden. Die Herzberger mit ihrem damaligen Bürgermeister Michael Oecknigk (CDU) hatten ihr noch am Abend herzlich gratuliert. Ihr Online-Handel war damals bereits durch die Decke gegangen. Als der Laden für Stoffe und Kurzwaren dann Anfang des Jahres doppelt so groß und neu eröffnet wurde, haben Kunden die Kasse mehrfach umrundet, um ihre Schnäppchen zu bezahlen.

Inzwischen hat die Herzberger Geschäftsfrau ihr Personal um zwei auf acht Mitarbeiterinnen aufgestockt. Das Sortiment an Stoffen und Nähzubehör umfasst jetzt 2600 Artikel. Mindestens 20 Pakete gehen täglich von Herzberg aus an die Kundschaft in ganz Deutschland. Und für den 20. April kündigt Mandy Berger an, dem Wusch vieler Kundinnen nachzukommen und Kleider zu nähen. Das ist übrigens auch der Traum von Melanie  Haake, die sich gerade wieder an der Nähmaschine fit macht: „Ich möchte mir ein Sommerkleid schneidern.“

Da ärgert sich Janina Uhlig (r.). „Die Vögel stehen ja auf dem Kopf“, stellt sie nach dem Zuschnitt ihres Dreiecktuches fest.
Da ärgert sich Janina Uhlig (r.). „Die Vögel stehen ja auf dem Kopf“, stellt sie nach dem Zuschnitt ihres Dreiecktuches fest. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Sortiment mit 2600 Stoffen und Nähuntensilien.
Sortiment mit 2600 Stoffen und Nähuntensilien. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Melanie Haake nimmt statt des Rollschneiders lieber die Schere.
Melanie Haake nimmt statt des Rollschneiders lieber die Schere. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Zum Schnittmuster gibt es bei in Herzberg auch den Stoff, der auf der Verpackung abgebildet ist. 
Zum Schnittmuster gibt es bei in Herzberg auch den Stoff, der auf der Verpackung abgebildet ist.  FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Jeder sieht jeden: Kursteilnehmer und Trainerin an ihren Nähmaschinen.
Jeder sieht jeden: Kursteilnehmer und Trainerin an ihren Nähmaschinen. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau