Vor einigen Wochen ist im Verlag BücherKammer in Herzberg das Buch „Herzberg unterm Hakenkreuz – Fotos, Fakten, Dokumente“ erschienen. Autoren sind die Verlegerin Stephanie Kammer und der Regionalhistoriker Ulf Lehmann. Das Buch ist eine bisher einmalige Veröffentlichung mit Übersichtscharakter über die Zeit des Nationalsozialismus in der Herzberger Region. Vor kurzem haben es Kammer und Lehmann in Form einer szenisch/musikalischen Lesung in Herzberg vorgestellt. Das fand so großes Interesse, dass die Veranstaltung am 19. November im Herzberger Bürgerzentrum wiederholt wird. Die Rundschau hat mit Stephanie Kammer über die Entstehung des Buches, die Resonanz und Aufgaben für die Zukunft gesprochen.

Frau Kammer, Sie wiederholen die szenische Lesung noch einmal. Warum?

Stephanie Kammer Eigentlich wollten wir das nicht. Vor allem Ulf nicht. Das spult man nicht ab wie ein Theaterstück. Der Nationalsozialismus war mit all seinen Facetten hier zu Hause. Die Ereignisse und die Personen sind authentisch. Sie stammen aus unserer Region. Das darzustellen, nimmt emotional sehr mit. Aber wir wurden vielfach gebeten, dieses gewagte Veranstaltungsformat noch einmal vorzutragen.

Das klingt nach einer großen Resonanz für Ihre Veröffentlichung.

Stephanie Kammer Wir haben von dem Buch 500 Exemplare drucken lassen. 400 waren sechs Wochen nach Erscheinen bereits verkauft. Wovon wir besonders positiv überrascht sind, ist das Echo und das Interesse von Leuten so um die 30. Sie fragen uns heute, wie so etwas damals in Herzberg möglich war. Wir haben es zum ersten Mal geschafft, auch die jüngere Generation mit einem heimatgeschichtlichen Thema anzusprechen.

Was sicher auch an der Anlage des Buches liegt. Sie haben die Kapitel zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus in Herzberg, zu Machtergreifung, Propaganda, Bauwerken, Lebensalltag Widerstand und Kriegsende mit vielen Unterbeiträge belegt.

Stephanie Kammer Genau. Wir wollten das Thema kleinteilig bearbeiten mit vielen Schlaglichtern sowie Foto- und Dokumentenmaterial. Wir haben die Zeit des Dritten Reiches in Herzberg sozusagen in ihre Bestandteile zerlegt. Das spricht mehr an, als eine zusammenhängende 150-seitige Abhandlung.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Stephanie Kammer Seit mindestens 20 Jahren. Die Quellenlage war nicht schlecht. Erst haben Ulf und ich alles gesammelt, was unser Interessengebiet betroffen hat. Wir haben Bücher erworben, Zeitzeugnisse und Aufsätze. Alte Heimatkalender haben uns geholfen. In den letzten Jahren haben wir viele Fotos aus Sammlungen von verstorbenen Leuten bekommen oder erworben. Wir haben alles in die Schublade gepackt. Als 2017 dann ein Rechtsruck in unserer Gesellschaft spürbar wurde, haben wir alles hervorgeholt. Das war für uns der Anlass, das Buch ernsthaft in Angriff zu nehmen. Es gab schon Vorarbeiten, zum Beispiel von Helmut Knuppe über den Herzberger Sender oder von Frank Träger zu der jüdischen Kaufmannsfamilie Schlesinger, mit der der Holocaust in Herzberg begann. Eine umfassende Übersicht zu dieser Zeit gab es nicht.

Haben Ihnen Zeitzeugen, die noch leben, bei Ihrer Arbeit geholfen?

Stephanie Kammer Nein bzw. nur sehr wenig. Das Buch basiert nicht maßgeblich auf Zeitzeugengesprächen, sondern vielmehr auf intensivem Quellenstudium. Wir haben zwei Zeitzeugen gefunden, die mit uns geredet, aber auch geleugnet haben. Über Verbrechen direkt vor der Haustür spricht man nicht gern. Die meisten schweigen heute noch. Ich denke, um ihre Familien zu schützen. Es hat Hinrichtungen von Zwangsarbeitern gegeben, bei denen viele zugesehen haben. Ich persönlich finde es unerträglich, dass Menschen hier vor Ort das jahrzehntelang mit sich herumgetragen und nicht darüber gesprochen haben.

Sie haben ein Kapitel auch dem Lebensalltag unter dem Hakenkreuz gewidmet.

Stephanie Kammer Es gab ja auch „normales“ Leben in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber es war natürlich geprägt. Wir haben im Buch vor allem Bilder dafür sprechen lassen. Jeder kann genau hinsehen, auf Details achten und die Fotos für sich interpretieren.

Mit ihrer Veröffentlichung über Herzberg im Dritten Reich stehen Sie in der Literatur zur Regionalgeschichte bisher weit und breit allein.

Stephanie Kammer Das stimmt. Es gibt kaum Vergleichbares. Verschiedene Regionalhistoriker haben sich vereinzelt mit dem Thema beschäftigt. Neben Helmut Knuppe zum Beispiel auch Rainer Ernst in Finsterwalde. Wir sind natürlich froh über jede Analyse, denken aber, dass es an der Zeit ist, die Dinge mit einer gewissen Couragiertheit anzufassen. Es geht ja nicht nur um die Anpassung und um die Verbrechen, sondern auch um den Widerstand, den es überall gab. Die Generation vor uns hat das nicht aufgearbeitet. Das ist bedauerlich. Ein wichtiger Teil der Regionalforschung für den gesamten Altkreis Herzberg ist noch nicht geleistet.