(dr) Ein Fall von „sexueller Belästigung unter Ausnutzung eines Überraschungsmoments“ wurde am Mittwoch vor dem Amtsgericht in Bad Liebenwerda verhandelt. Der 56 Jahre alte Angeklagte wurde zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Darüber hinaus muss er 100 Arbeitsstunden leisten oder eine Buße von 500 Euro an den Opfer-Hilfe-Verein Weißer Ring zahlen.

Dem Mann aus Falkenberg wurde vorgeworfen, im Mai 2018 eine 66 Jahre alte Frau bedrängt zu haben, die mit ihrem Fahrrad auf der Landstraße zwischen Falkenberg und Beyern unterwegs war. Dort habe sich der Beschuldigte ihr ebenfalls auf einem Rad von hinten genähert und sie unsittlich angesprochen.

Nachdem die Frau die ungewollten Avancen zurückgewiesen habe, sei der Mann näher an sie herangefahren und habe sie gegen ihren Willen an Gesäß und Brust berührt. Als ein Auto die Szene passierte, habe der Mann zwischenzeitlich von ihr abgelassen.

Handgemenge und sexuelle Belästigung in Falkenberg

Er sei mit seinem Rad Richtung Falkenberg gefahren, so die Aussage des Opfers. Kurz darauf, einige hundert Meter vor dem Ort Beyern, habe er sich ihr jedoch erneut genähert. Nun sei es auch zu einem Handgemenge gekommen, bei dem beide, ebenso wie das Fahrrad der Frau, im Straßengraben landeten.

Ein Versuch der Rentnerin, sich den Mann körperlich vom Leib zu halten, sei gescheitert. Erst ein weiteres vorbei kommendes Auto habe ihr Gelegenheit gegeben, sich von ihm zu lösen und auf sich aufmerksam zu machen.

Nun habe der Mann sich vom Tatort entfernt. Der Fahrer dieses Wagens, der auch die Polizei alarmiert hatte, bestätigte vor Gericht, die 66-Jährige wie von ihr beschrieben angetroffen zu haben. Sie sei „zittrig“ und aufgelöst gewesen.

Opfer erkennt Täter auf Bauernmarkt wieder

Dass ein Phantombild „eine gewisse Ähnlichkeit zu dem Angeklagten aufweist“, wie Richter Egon Schaeuble in der Verhandlung sagte, wurde von keiner Seite bestritten. Zur Identifizierung des Tatverdächtigen trug auch eine Begegnung mit dem Opfer bei einem Bauernmarkt etwa eine Woche nach dem Vorfall bei.

Dort habe die Frau ihn gesehen und eine Bekannte und ehemalige Arbeitskollegin auf ihn aufmerksam gemacht. Dieser Freundin, der das Opfer auch von den Geschehnissen berichtet hatte, sei der Mann flüchtig bekannt gewesen.

Die Aussage dieser Zeugin wirkte sich auch auf das Strafmaß aus, das über das Minimum von sechs Monaten hinausgeht. Das Opfer habe unter dem Erlebten deutlich gelitten, sich seitdem nicht mehr allein auf Radfahrten oder Spaziergänge getraut.

Der Angeklagte bestritt in der Verhandlung alle Vorwürfe. Zwar habe er am Tag der Tat mit seinem Rad eine Tour unternommen, allerdings habe ihn diese nicht in Richtung Beyern geführt.  Sein Verteidiger verwies darauf, dass dem Mann vor vier Jahren ein Stahlträger in die Kniekehle gefallen ist, und er deshalb immer noch Beschwerden hat. Diese machten es dem Berufsinvaliden schwer möglich, die Tat wie beschrieben durchzuführen. Die Verteidigung meldete daher  „erhebliche Zweifel an der Täterschaft“ ihres Mandanten an.

Beziehungsende könnte zu „sexuellen Notstand“ beigetragen haben

Dieser Sicht folgte das Gericht nicht. Es schenkte stattdessen den Aussagen des Opfers und einer Zeugin Glauben. Die angegriffene Frau selbst sagte in der Verhandlung aus, den 56-Jährigen „100-prozentig als den Mann wieder zu erkennen“.

Auch dass dem Angeklagten zufolge eine Beziehung, die er seit fünf Jahren geführt habe, zum Zeitpunkt der Tat zu Ende gegangen sei, spielte in der Meinungsfindung des Gerichts eine Rolle. Dieser Umstand könne, so die Urteilsbegründung, zu „einem sexuellen Notstand“ beigetragen haben, der eine Täterschaft des Angeklagten plausibler mache. Dessen fehlende Vorstrafen minderten das Strafmaß.

Rechtskräftig wird das Ergebnis der Verhandlung, falls der Verurteilte nicht binnen einer Woche dagegen in Berufung geht.  In diesem Fall wird die Sache vor dem Landgericht Cottbus erneut verhandelt.