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Philipp Melanchthon — klein von Gestalt aber ein Riese im Geist

Dr. Stefan Rhein am Donnerstagabend in Herzberg.
Dr. Stefan Rhein am Donnerstagabend in Herzberg. FOTO: ru
Herzberg. Es war für die etwa 100 Zuhörer eine sehr kurzweilige gute Stunde, in der der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt Dr. Stefan Rhein am Donnerstagabend im Herzberger Bürgerzentrum aus dem Leben von Philipp Melanchthon plauderte. Birgit Rudow

Über den Mann, von dem Martin Luther einmal gesagt hat, dass er viele Luthers übertreffe. Auch in Herzberg hat Melanchthon gewirkt, vor allem im Rahmen seiner Visitationsreisen. Hier habe er auch Johannes Clajus kennengelernt. Etwa 20 Mal sei Herzberg in Briefwechseln erwähnt, so Dr. Rhein.

Der ausgesprochene Melanchthon-Kenner erzählte in lockerer Weise aus dem Alltagsleben des Reformators, über dessen Charakter und seine schier unbändigen Fähigkeiten und Interessen, über die Beziehung zu seinen Kindern und natürlich über das Verhältnis zu Martin Luther.

Melanchthon, der als Griechischlehrer am 25. August 1518 in Wittenberg angekommen ist, habe sich schnell zu Luther und zur Theologie hingezogen gefühlt. Der nur etwa 1,50 Meter große Mann sei keine beeindruckende Gestalt gewesen, so Rhein, aber ein Riese von Geist. Er habe sich mit so ziemlich jeder Materie beschäftigt, von der Astrologie über die Botanik, Geografie, Medizin Physik bis zu den Sternen. Melanchthon habe mehr als 3000 Bücher geschrieben, die auch in Paris oder Basel veröffentlich wurden. Etwa 10 000 Briefe von ihm seien erhalten. Nach Europa sei die Reformation nicht durch die deutschen Schriften Luthers gelangt, sondern durch die lateinischen Schriften Melanchthons, so Stefan Rhein. Melanchthons Schriften wurden in viele Sprachen übersetzt und haben eine Millionen-Auflage erreicht. Luther sei der Theologe gewesen, Melanchthon der Theologe und noch viel, viel mehr. Die Lehre von der Reformation war ein Gemeinschaftswerk, so Rhein.

Freunde seien beide deshalb aber nicht gewesen, eher Kollegen mit sehr viel Respekt voreinander. Luther war der Grobe und Aggressive, Melanchthon der Feinere und Intellektuelle, der alles in sich "hineingefressen" habe. Cholerisch waren sie bei de auf ihre Art. Melanchthon könnte man als der "Typ Giftzwerg" bezeichnen, so Rhein, der bei seinen Studenten aber trotz seiner Strenge sehr beliebt war.

Er habe sich auch oft über Luther geärgert und über dessen Frau Katharina von Bora. "Wenn sie noch als Fackel dazu kommt, wird es unerträglich", soll er einmal geäußert haben. Dennoch hat Luther sich um Melanchthon gekümmert und ihn mit Katharina Krapp verkuppelt, mehr oder weniger, um Melanchthons Lotterleben in hygienisch unakzeptablen Zuständen mit einer Frau im Haus ein Ende zu bereiten. Melanchthon selbst bezeichnete den Tag seiner Hochzeit als "Tag meiner Trübsal", so Rhein. Von Katharina gebe es auch kein Bild und keinen Brief. Nur einmal soll Melanchthon geschrieben haben "Sie stört nicht", erzählt Stefan Rhein.

Ein leidenschaftlicher Ehemann sei Melanchthon nicht gewesen, aber ein leidenschaftlicher Vater, der vor allem in seine Tochter Anna vernarrt gewesen ist, die er mit 14 Jahren verheiratet hat. Diese Ehe war alles andere als glücklich. Anna starb 24-jährig im Kindbett des fünften Kindes. Darunter habe Melanchthon sehr gelitten. Sein Sohn Philipp der Jüngere habe es ebenfalls nicht leicht gehabt als Spross eines Professors, den es nicht so sehr zur Wissenschaft zog. Auch dessen Liebe zu einem Mädchen aus Leipzig entsprach nicht den Vorstellungen des Vaters. So heiratete er schließlich eine ältere Witwe und der männliche Strang der Familie Melanchthon starb aus, berichtet Stefan Rhein.

Sein Vortrag über so manche weniger bekannte Seite der beiden Reformatoren hat die Zuhörer in den Bann gezogen. Zu ihnen gehörten auch die ehemalige Herzberger Pfarrerin Renate Timm und ihr Mann Kantor Christian Timm, die eigens für den Vortrag aus Berlin angereist waren.