Wenn auch mit leicht rückläufiger Tendenz, so stellt die Bahn doch bis heute eines der wichtigsten Verkehrsmittel dar. Mitunter werden Hochgeschwindigkeitszüge dabei noch durch Anlagen dirigiert, deren Baujahr fast museal erscheint.
Kein Radio, kein Fernseher, kein Buch, keine Zeitung. Die Dienstvorschriften der Deutschen Bahn AG regeln das Arbeitsumfeld von Siegmund Platz in Uebigau detailliert genau. Lange Weile verspürt der Stellwerkswärter dennoch nicht. Mehr als 30 Reisezüge und fast ebenso viel Gütertransporte passieren sein Dienstgebäude täglich, erfordern seine volle Aufmerksamkeit. Die Technik die er dabei zu bedienen hat, ist unterdessen älter als er selbst. 1948 wurde das Stellwerk umgebaut und auf sein gegenwärtiges Niveau gebracht. Nach Platz' Worten muss das in heutiger Zeit jedoch keineswegs ein Nachteil sein. „Die Relaistechnik funktioniert reibungslos und hat uns noch nie hängen lassen“ , bekundet er stolz. Seine Arbeitsaufträge erhält der Stellwerker vom Fahrdienstleiter in Falkenberg. Mittels Knopfdruck oder Kurbel setzt er sie anschließend in die Tat um. Zwei Halbschranken gilt es dabei zu schließen sowie den Fahrweg der Strecke Cottbus - Leipzig - Cottbus zu prüfen und letztlich freizugeben. Ebenso wichtig ist für Siegmund Platz und dessen Kollegen die Sichtkontrolle nach Unregelmäßigkeiten an den vorbeifahrenden Zügen. Denn dem Lokführer im Führerstand der 7000 PS starken Zugmaschine ist es unmöglich zu erkennen, ob sein Tross durch eine heißgelaufene Bremse oder beschädigte Achse am freien Lauf gehindert wird. Dem Stellwerker teilen zudem die roten Schlussscheiben mit, ob der Zug vollständig ist. Derartiges an jedem Stellwerk zu kontrollieren, tragen die Männer und Frauen in ihren Stationen eine enorm hohe Verantwortung.
Auch wenn die Stellwerkstechnik also nicht dem neuesten Stand der Moderne entspricht - sie ist zuverlässig und preiswert zugleich. Reparaturen halten sich in überschaubaren Grenzen. Mechanische Stellwerke umzurüsten würde sich nur lohnen, wenn man komplette Streckenabschnitte erfasst. „Ein Termin für eine Modernisierung in unserem Bereich kann noch nicht genannt werden“ , dämpft Dietmar Hagen, Betriebsbezirksleiter und Leiter des Bahnhof Falkenberg, zu hohe Erwartungen. Modernisierung bedeutet sicher, dass weniger Arbeitsplätze benötigt werden. Als modernes Verkehrsunternehmen will und kann sich die Bahn dem aber nicht entziehen. Fortschritt dient leider nicht immer dem Wohle des Einzelnen.
Für Siegmund Platz, nach eigenem Bekunden ein Eisenbahner mit Leib und Seele, heißt es also auch zukünftig, im Schichtsystem mit drei weiteren Kollegen im Stellwerk Uebigau Posten zu beziehen. Sein Dienstposten dürfte allerdings zu den aussterbenden Berufen in Deutschland gehören. Doch ehe Computer das komplette Fahrwesen navigieren, vergeht noch reichlich Zeit. Gut für Siegmund Platz. Denn der gibt zu, sich im Moment gar keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen zu können als das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Stellwerk - übrigens Baujahr 1872.

Hintergrund Aus der regionalen Eisenbahn-Historie
 Die von Cottbus nach Leipzig und zurück führende Strecke wurde am 1. Mai 1872 eingleisig in Betrieb genommen und führte einst von Halle über Guben nach Solau (heute Zary in Polen). Damals verkehrte auf ihr pro Stunde ein Zug. Bis 1930 war das deutsche Streckennetz fast komplett zweigleisig ausgebaut, wovon vieles aber nach 1945 aufgrund von Reparationsleistungen wieder demontiert wurde.
Ab 1986 begannen die Arbeiten zur Elektrifizierung dieser Strecke.