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| 02:37 Uhr

Noch immer Hunger auf die große weite Welt

Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel hat Vanessa ihre Familie in Schlieben besucht.
Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel hat Vanessa ihre Familie in Schlieben besucht. FOTO: Rudow
Schlieben. Leute aus dem kleinen Elbe-Elster in der großen weiten Welt. Das ist nicht selten. Zu ihnen zählt Vanessa Lehmann aus Schlieben, die schon viele Länder gesehen hat und zurzeit in Ägyptens Hauptstadt Kairo lebt. Mehrmals im Jahr aber zieht es sie nach Hause. Birgit Rudow

Warum lebt eine junge Frau aus Schlieben in Kairo? In erster Linie, weil die weite Welt und die Menschen sie interessieren. Das war jedenfalls für Vanessa Lehmann der Ausgangspunkt, nachdem sie als Schülerin für ein Jahr in Frankreich in einem kleinen Ort bei Lyon bei einer Gastfamilie gelebt hat. "Da habe ich Blut geleckt", sagt sie.

Ihr Weg hat sie bis in die ägyptische Hauptstadt geführt, die ihr ans Herz gewachsen ist und die sie fasziniert. Zurzeit lernt die 28-Jährige, die fließend Englisch und Französisch spricht, an einem französischen Institut Arabisch. "Ich möchte noch etwas in Kairo bleiben und im Bereich der internationalen Zusammenarbeit oder Entwicklungshilfe arbeiten. Dafür fehlen mir aber die Arabischkenntnisse. Ich finde, es ist auch eine Wertschätzung, sich in der Sprache des Landes, in dem man lebt, verständigen zu können. Deshalb lerne ich jetzt erst einmal Arabisch", sagt Vanessa.

Viele Erfahrungen gesammelt

Nach dem Abitur 2007 am Herzberger Gymnasium hat sie ein deutsch-französisches Doppelstudium an der Bauhaus-Universität Weimar und der Université Lumière Lyon II absolviert und mit einem Beachelor in Europäischer Medienkultur abgeschlossen. In der Studiengruppe waren zwölf Franzosen und zwölf Deutsche. Danach wollte sie im internationalen Metier weitermachen, möglichst mit kulturellem Bezug. So arbeitete sie als wissenschaftliche Hilfskraft am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie der Bauhaus-Universität Weimar und machte ihren Master in International Studies (Internationale Beziehungen) am Goldsmiths College der University of London.

Dem Studium folgte ein Praktikum im Europäischen Parlament in Brüssel. "Hier habe ich für einen Grünen-Abgeordneten eine Ausstellung organisiert. Das war mein erster Kontakt zur politischen Seite der internationalen Zusammenarbeit und hat mir gut gefallen", sagt sie. Sie hängte noch Praktika im Europäischen Kulturinstitut "Pierre Werner" in Luxemburg und bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der Entwicklungsagentur des Entwicklungsministeriums, in Bonn ran.

Starker Zusammenhalt

Von 2014 bis 2015 war Vanessa Lehmann Mitarbeiterin im Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO in Kopenhagen und hat bis zum Sommer dieses Jahres in einem Regionalprojekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kairo gearbeitet. "Dabei ging es um die Stärkung von jungen Frauen in Nordafrika und im Nahen Osten und darum, gut und weniger gut ausgebildeten Frauen aus Marokko, Tunesien, Ägypten oder Jordanien den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Den meisten fehlten einfach die Vorbilder. Anhand eines Medienprojektes haben wir ihnen gezeigt, was möglich ist", erzählt die 28-Jährige. Vor einigen Monaten ist das Projekt ausgelaufen, aber Vanessa wollte in Kairo bleiben.

Die Stadt gefällt ihr. "In Kairo gibt es extrem viele junge Leute. Der größte Teil der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Das ist ein großes Potenzial. Wenn diese jungen Leute gut ausgebildet werden, können sie das Land aufbauen. Ägypten befindet sich im wirtschaftlichen Aufschwung und es ist zu hoffen, dass das auf die Nachbarländer überschwappt", sagt sie. Vanessa hat eine kleine Wohnung im internationalen Viertel und sie hat in vielen Freunden eine Ersatzfamilie gefunden. "Das Faszinierende ist für mich die Gemeinschaft. Die Leute sind vernetzt, man hilft sich und achtet aufeinander. Es besteht ein starker Zusammenhalt. Der ist für die Menschen überlebenswichtig. In Deutschland gibt es für alles eine staatliche Institution oder Einrichtung. In Ägypten nicht. Hier ist man aufeinander angewiesen", sagt sie. Ein wenig erinnert sie das an Erzählungen über das Zusammengehörigkeitsgefühl in der DDR. "Vielleicht ist ja gerade das, was mir in Deutschland fehlt", meint die junge Frau.

Familie gibt Sicherheit

Die Erfahrungen in verschiedenen Ländern und das Leben in Ägypten hat auch ihre Sicht auf die Heimat stark verändert. "Ich bin gern zu Hause und genieße meine Familie oder den Spaziergang im Wald. Hier kennt man den Bäcker oder die Frau in der Apotheke. Aber das Reisen ist mir sehr viel wert. Ich möchte viele Menschen und Kulturen kennenlernen", sagt sie. Für immer nach Schlieben zurückzukommen, kann sie sich derzeit nicht vorstellen. Auch wenn sie weiß, dass sie das jederzeit könnte und die Familie sie auffangen würde. Das gibt ihr auch Sicherheit.

Vier- bis fünfmal im Jahr kommt Vanessa Lehmann nach Hause, wie zu Weihnachten und zum Jahreswechsel. Im Januar geht es wieder nach Kairo. Wenn sie die arabische Sprache besser beherrscht, möchte Vanessa sich weiter für die Entwicklung des Landes einsetzen, um die Lebensbedingungen der Leute vor Ort zu verbessern. Ihr Heißhunger auf die große weite Welt ist noch lange nicht gestillt.

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