Wenn er auf Dorffesten im Elbe-Elster-Kreis alte Kumpels wieder trifft, wird er oft mit den Worten begrüßt: „Na, der Berliner wieder!“ Doch dann lässt sich Dirk Schoedon die Ausweise vorzeigen, legt seinen daneben und sagt stolz: „Der einzige richtige Finsterwalder bin ja wohl ich.“
Der heute 44-Jährige kam im Jahr 1964 im Kreiskrankenhaus der Sängerstadt zur Welt und lebte bis zu seinem sechsten Lebensjahr im Norden der Stadt. Dann zog er mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Berlin um. Doch an Finsterwalde und seiner Umgebung hing der kleine Junge weiterhin sehr. An vielen Wochenenden besuchte er seine Großeltern in Massen und Finsterwalde oder blieb gleich die ganzen Ferien. „Ich habe gemerkt, dass die Freundschaften in Berlin nicht so eng gewesen sind. Das war hier anders“ , erzählt Schoedon heute. „Wir haben im Wald mit den Hunden gespielt und die Ziegen vor den Wagen gespannt.“
Einfach mal die Seele baumeln lassen, das war in der Hauptstadt für Dirk Schoedon ohnehin kaum möglich. Fast täglich ging der Junge nach der Schule zum Schwimmtraining, das er auf Leistungssport-Niveau betrieb.
Ob er schon immer Schauspieler werden wollte? Auf diese Frage schüttelt Schoedon den Kopf. „Ich habe mir früher gar nicht vorstellen können, dass das ein richtiger Beruf ist.“ Seine Eltern setzten den ersten Stein seiner Karriere und haben ihn zu einer Freizeit-Schauspielgruppe in Berlin geschickt. „Wir wussten, dass er Talent hat. Schon mit fünf Jahren hat er auf dem 60. Geburtstag seines Opas einen Zahnarzt mit Pantomime nachgemacht“ , erzählt Mutter Gudrun Schoedon. Das Talent von Dirk erkannten nicht nur die Eltern, auch der Leiter seiner Schauspielgruppe sah in seinem Schützling schon früh einen guten Mimen und empfahl Dirk, auf die Schauspielschule „Hans Otto“ in Leipzig zu gehen, wo er von 1982 bis 1986 studierte.
Anders als in den meisten Familien, wo es oft heißt: „Kind, lern doch erstmal einen anständigen Beruf“ , standen die Eltern von Anfang an hinter ihrem Sohn.
Vater Jürgen Schoedon wollte selber früher einmal Schauspieler werden, spielte als Kind in einer Laientheatergruppe in Elsterwerda mit. Doch ihm blieb dieser Traum unerfüllt, den jetzt sein Sohn für ihn mit ausleben kann.
Zu seinen Kommilitonen, mit denen Dirk Schoedon bis heute einen intensiven Kontakt pflegt, zählt auch Jörg Schüttauf. Mit ihm stand der Finsterwalder zum ersten Mal im Jahr 1984 auf einer richtigen Bühne in Leipzig und spielte das Stück „Happy End“ von Bert Brecht. Schoedon war Bill Cracker und „Schütte“ Baby Kamikaze, beides Mitglieder einer Gangsterbande, die sich in Frauen der Heilsarmee verlieben. Gemeinsam planen sie dann, eine Bank zu gründen. Aus diesem Stück stammt das Zitat: „Was ist die Gründung einer Bank gegen den Einbruch in eine Bank.“

Die Eltern sind immer dabei
Bei der Premiere in Leipzig mit ganz vorn dabei – die Eltern von Dirk Schoedon, die am Anfang bei jeder Aufführung, egal ob in Magdeburg, Berlin, Dresden oder Rostock, mit im Publikum saßen und alle Theaterkritiken gesammelt haben und das noch bis heute tun.
Nach der Wende konnten sie ihren Sohn dann öfters im Fernsehen bewundern. Die Liste seiner Auftritte ist lang: Rüdiger Wolf in „Unser Charly“ , Herr Dankwart in „Adelheid und ihre Mörder“ oder Arno Dilthey im „Alpha Team“ sind nur einige seiner Rollen. Zu seinen bekanntesten Filmrollen zählt allerdings der Kommissar Jens Hoffmann im Polizeiruf 110. Sechs Mal stand er an der Seite mit Katrin Saß als Hauptkommissarin Tanja Voigt vor der Kamera. Es sei eine tolle Zeit gewesen, er habe viel Erfahrung sammeln können und viel von Katrin Saß lernen.
Doch seine wahre Liebe gehört der Bühne und dem Musical. Und das sei eine sehr harte Arbeit. Im vergangenen Jahr hat Schoedon mit Andrea-Kathrin Loewig Auszüge aus dem Musical „Der Blaue Engel“ und Kabarett im Leipziger Varieté gespielt.
Für die Proben hieß es jeden Morgen sehr früh aufstehen und lange konzentriert arbeiten. Feiern, bis spät in die Nacht mit Sekt und Rotwein – so sieht das Schauspielerleben von Dirk Schoedon nicht aus. Um dem Stress gewachsen zu sein, hält sich der 44-Jährige in seiner wenigen Freizeit mit Schwimmen fit.
Seine schwierigste Rolle sei bisher Peer Gynt gewesen, erzählt er. 3,5 Stunden stand der Schauspieler allein auf der Bühne, seine insgesamt 28 Partner wechselten. 45 vollgeschriebene Seiten galt es, davor auswendig zu lernen. Ob ein Schauspieler da eine besondere Strategie hat? „Nein, das ist erstmal stures Auswendiglernen wie bei einem Gedicht. Man muss es immer wieder wiederholen. Danach kommt das szenische Erarbeiten.“
Im Moment arbeitet Dirk Schoedon an einem ähnlich umfangreichen Stück. Er spielt den „Ganz gewöhnlichen Juden“ von Charles Lewinsky, ein Einpersonenstück, das am 18. September im Kraftwerk Chemnitz Premiere hat. Es geht um Fragen der Identität eines deutschen Juden, der darum gebeten wird, vor Schülern die Besonderheit des Judentums und dessen Geschichte zu erklären, obwohl er sich gar nicht als etwas Besonderes fühlt.
Welturaufführung in Chemnitz
In anderthalb Stunden schimpft, philosophiert, gestikuliert Dirk Schoedon auf der Bühne, allein in einem Zimmer. Es soll eine Welturaufführung für das Theater werden. Nur als Spielfilm habe es das Stück mit Ben Becker schon einmal gegeben. „Den Film sehe ich mir in der Entwicklungsphase aber nicht an, erst danach. Das kann einen Schauspieler beeinflussen“ , sagt Schoedon, der gerade die 35 Seiten Text auswendig lernt, auf dem Hof seiner Eltern im Norden Finsterwaldes, wo er mit seinen beiden Töchtern Myrna und Melina etwas ausspannt und bei der schweren Gartenarbeit mithilft. Er brauche diese Ruhephasen draußen in der Natur. Irgendwann könne er sich auch vorstellen, in die Lausitz zurück zu ziehen und von hier aus zu arbeiten.
Das nächste Mal ist Dirk Schoedon am Montag im Fernsehen zu sehen. Beim Großstadtrevier in der ARD taucht er als Herr Potowsky auf. In diesem Jahr startet außerdem die neue ARD-Serie „Die Stein“ , die von Schülern eines Internats erzählt. Der gebürtige Finsterwalder spielt den Sportlehrer Lutz Pellworm. Und in den nächsten Jahren will Schoedon auch einmal in der Lausitz auftreten. Die von ihm entwickelte musikalische Lesung zu Robert Schneiders Buch „Schlafes Bruder“ mit Orgel und Saxophon könnte er sich in einer der Kirchen der Region vorstellen.