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Mit 22 vom Schicksal hart getroffen

Nicole Ilgen (l.) will alles tun, damit ihre Schwester Melanie, die seit fast einem Jahr im Wachkoma liegt, bestmöglich umsorgt werden kann.
Nicole Ilgen (l.) will alles tun, damit ihre Schwester Melanie, die seit fast einem Jahr im Wachkoma liegt, bestmöglich umsorgt werden kann. FOTO: privat
Tröbitz/Falkenberg. Diesen Tag werden Nicole Ilgen aus Tröbitz und ihre Eltern Annegret und Frank nie vergessen. Es war der sonnige 7. Mai 2013, als sich für die Schwester beziehungsweise Tochter Melanie (23) das Leben radikal änderte. Gabi Böttcher

Für die ganze Familie ist seit jenem Schicksalstag nichts mehr, wie es war. Melanie wollte auf dem Weg zur Arbeit ihr Auto in die Werkstatt bringen, hatte den Auftrag bereits unterschrieben und die Schlüssel abgegeben. Noch im Büro brach sie zusammen, wurde bewusstlos. Alles ging schnell - Notarzt, Rettungshubschrauber, Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. Die schreckliche Diagnose: geplatztes Aneurysma - Hirnblutung. "Seit diesem Tag war sie nicht mehr zu Hause", erzählt Schwester Nicole. "Melanie stand mit beiden Beinen im Leben, plante den Auszug in eine eigene Wohnung, alles schien nach ihren Vorstellungen zu verlaufen." Seither folgten acht Operationen am Kopf. "Bis heute ist sie nicht erwacht, sie befindet sich im Wachkoma", so Nicole. Wann sich diese Situation ändern könnte, sei ungewiss.

Ende Juni 2013 habe es einen Lichtblick gegeben. Melanie konnte das Klinikum verlassen und in eine Reha-Klinik verlegt werden. Doch in der vorigen Woche musste sie sich im Thiem-Klinikum einer erneuten Operation unterziehen.

Die Familie hat unterdessen eine wichtige Entscheidung getroffen: Sobald es möglich ist, soll Melanie im Kreise ihrer Liebsten Geborgenheit finden. Die bisherige Mietwohnung in Tröbitz bot dafür nicht die notwendigen Voraussetzungen. Deshalb fassten Ilgens den Entschluss, ein Häuschen zu kaufen. In Falkenberg fanden sie ein geeignetes Objekt. Nun steckt die Familie mittendrin in den Umbauarbeiten. "Unser großes Ziel ist es, Melanie trotz des schrecklichen Schicksalsschlages ein schönes und würdevolles Leben zu bereiten", erzählt die Schwester. Denn wo könne sie sich wohler fühlen, sich stabilisieren und hoffentlich auch aufwachen als daheim, bei der eigenen Familie - sind sich die drei sicher.

Therapien bestimmen Melanies Tagesablauf. So wird es wieder sein, wenn sie die Klinik und eine weitere Reha-Einrichtung nach der neuerlichen Operation verlassen kann. "Das Schöne für Melanie ist, dass Mama immer an ihrer Seite ist, sie unterstützt, ihr Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, viele Stunden am Tag einfach für sie da ist", lässt Nicole über die Plattform der Hilfsorganisation betterplace.org wissen und berührt mit Melanies Schicksal. Größter Wunsch der Familie ist es, dass Melanie in das behindertengerecht umgebaute Heim einziehen und ihr jede erdenkliche Erleichterung zuteil werden kann. Doch die Familie stößt an finanzielle Grenzen. Ein Auto, in dem ein Rollstuhl Platz hat, und Therapien, die nicht von der Krankenkasse getragen werden, sprengen das Familienbudget und lassen die Schwester auf die Hilfe von Mitmenschen bauen. Einen Hilferuf hat sie via betterplace.org formuliert.

Selbst hat die 29-jährige Krankenschwester jetzt ihren Job im Leipziger Herzzentrum aufgegeben, um sich voll und ganz um ihre Schwester kümmern zu können. Denn eines ist der Familie klar: Melanie wird nie mehr ein eigenständiges Leben führen können, sie wird immer auf Hilfe angewiesen sein.

Dankbar sind Ilgens für jene Zeichen der Zuwendung und Unterstützung, die sie in ihrem Umfeld erleben. Da sind die Arbeitgeber der Eltern, die Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH und die TTS GmbH in Tröbitz, sowie Nicoles bisheriger Arbeitgeber, das Herzzentrum in Leipzig, die stets Verständnis für die sich so radikal geänderten Lebensumstände der Familie gezeigt hatten. Auch Melanies Arbeitgeber, die Rechtsanwaltskanzlei König & Dey, habe ihre Fachangestellte nicht vergessen.

Und da sind Melanies Freunde - wie die Fans von Hertha BSC, die gemeinsam fast jedes Heimspiel des Vereins erlebt hatten, gemeinsam Partys feierten. "Die Freunde haben beim Zampern im Dorf Geld für Melanie gesammelt", freut sich Nicole. Und sie ist entschlossen, für ihre Schwester zu kämpfen, so viel Geld zusammenzubringen, dass ihrer Melanie bestmögliche Fürsorge und Therapie zuteil werden kann. "Schon eine einfache Rampe als Einstiegshilfe ins Auto kostet um die 3500 Euro, ein speziell vorgerichtetes Fahrzeug etwa 20 000 Euro", rechnet Nicole vor. Sie ist sich sicher, dass es um sie herum viele Menschen mit Herz gibt, die das Schicksal der Familie berührt und sie zu einer Spende veranlasst. "Sprechen Sie uns einfach an", lädt die beherzte Schwester ein.

Zum Thema:
Unter einer Hirnblutung sind Einblutungen in das Gehirn selbst oder seine Hüllstrukturen zu verstehen, die zu erhöhtem Hirndruck und neurologischen Ausfällen mit oftmals tödlichem Ausgang führen können.Kontakt für Menschen, die helfen möchten: nici-84@t-online.de; www.betterplace.org/p16159