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Tourismus
Mehr Touristen in Herzberg

Kulturamtsleiterin und Stadtführerin Karin Jage (r.) erläutert den Gästen, wie hier diese Woche einer Frauengruppe aus Berlin, die Herzberger Sehenswürdigkeiten. Wie lange so eine Stadtführung dauert, hängt ganz von den Wünschen der Touristen ab.
Kulturamtsleiterin und Stadtführerin Karin Jage (r.) erläutert den Gästen, wie hier diese Woche einer Frauengruppe aus Berlin, die Herzberger Sehenswürdigkeiten. Wie lange so eine Stadtführung dauert, hängt ganz von den Wünschen der Touristen ab. FOTO: ru
Herzberg. Herzberg empfängt in diesem Sommer mehr Touristen als in den vergangenen Jahren. Und so mancher kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Birgit Rudow

Kulturamtsleiterin und Stadtführerin Karin Jage steht im Mittelalterkostüm mit vier Frauen am Germania-Denkmal am Markt. Sie erklärt ihnen, warum zu DDR-Zeiten ein Teil der Inschrift entfernt wurde. Die Frauen hören gespannt zu. Sie sind aus Berlin ganz gezielt für diesen Tag in das Städtchen Herzberg gekommen, von dem sie in der letzten Zeit öfter gehört haben. Für Karin Jage ist es die erste von drei angemeldeten Stadtführungen in dieser Woche. "Kamen in den vergangenen Jahren vor allem die Radtouristen auf ihren Routen durch Herzberg, so ist es in diesem Jahr mehr ein gezielter Tourismus im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum", sagt sie.

Barbara Gloel nebenan im Tourismuspunkt in der Kirche kann diese Aussage nur bestätigen. Sie führt eine kleine Statistik über ihre Gäste. "Durchschnittlich kamen in den letzten Jahren im Sommer an die 400 Touristen im Monat zu mir in den Tourismuspunkt. In diesem Jahr sind es zwischen 500 und 600", sagt sie. Die meisten hätten den Lutherpass dabei oder ein kleines Faltblatt mit vielen Informationen über die Stadt, das einer Berliner Tageszeitung beigelegen hat. "Viele Touristen sagen, dass sie schon öfter durch Herzberg gefahren sind. Aber erst mit dem Lutherpass hätten sie gemerkt, was sie bisher eigentlich verpasst haben", so Barbara Gloel.

So hat es auch Karin Jage registriert. "Der Lutherpass läuft einfach super. Aber auch das Tagesspiegel-Faltblatt mit dem Titel ‚Durch Luthers Brandenburg' beschert uns viele Berliner", sagt sie. Überhaupt kämen viel mehr Touristen aus Richtung Hauptstadt, als aus der Leipziger Region. Das, so schätzt Karin Jage, habe mit der besseren Zugverbindung aus Berlin zu tun. Denn zumeist seien es ältere Herrschaften, die mit der Bahn kämen. So wie die vier Frauen aus Berlin. Karin Jage hat sie erst einmal ins kleine Lutherstübchen zum Kaffeetrinken geführt, so wie sie das immer mit kleineren Touristengruppen macht. "Das kommt gut an und macht gleich einen gemütlichen Eindruck", sagt sie. Überhaupt schätzten die Hauptstädter die Ruhe und Gelassenheit in der Stadt, so die Stadtführerin. "Fast allen fällt auf, dass ich von vielen Leuten gegrüßt werde und selbst oft grüße. Das ist eben bei uns so. In Herzberg ist die Stimmung anders als in der Großstadt. Hier verpasst man keine U-Bahn", sagt sie.

Die meisten Gäste, die gezielt nach Herzberg kommen, haben sich im Vorfeld schon etwas schlau gemacht. Sie wissen von Luther und Melanchthon und fragen gezielt, zum Beispiel nach der Schulordnung. Am meisten freut sich Karin Jage bei ihren Führungen auf den Moment, wenn ihre Besucher den Innenraum der Kirche betreten. "Da höre ich oft den Satz 'Das gibt es doch gar nicht'. Die Leute sind ehrlich erstaunt über das, was sie sehen. Diese Ganzheitlichkeit von Licht, Größe, Raum und Malerei. Menschen, die sich nur halbwegs mit Kirchen beschäftigen, sehen sofort, dass sie gerade etwas Besonderes entdecken. Sie sind ergriffen, wenn ich ihnen sage, dass sie gerade die gleichen Malereien sehen, die Luther vor 500 Jahren auch gesehen hat", sagt die Stadtführerin. Ähnliche Aha-Effekte begegnen ihr bei den Touristen im Botanischen Garten oder am Wunderstein. "Viele versichern uns, dass sie so einen schönen Tag in Herzberg nicht erwartet hätten", sagt Karin Jage.

Wie lange ihre Stadtführungen dauern, das hängt ganz davon ab, wie lange die Besucher Lust dazu haben. Bei besagten Damen aus Berlin waren es drei Stunden. "Wir hetzen nicht, ich nehme mir die Zeit", so die Kulturamtsleiterin. Sie wälzt auch ständig Bücher, um den Besuchern noch mehr interessante Dinge über Herzberg oder die Akteure der Reformation erzählen zu können. Bezahlen brauchen die Touristen für die Stadtführungen nichts. In der Kirche bittet sie um eine kleine Spende. Nicht für sich oder die Stadt, sondern für St. Marien. Es ist unschwer zu erraten: Lange muss sie nicht bitten.