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| 18:59 Uhr

Alwine wird versteigert
Medien-Lawine in einer 15-Seelen-Siedlung

Die Siedlung Alwine, OT Domsdorf, Stadt Uebigau-Wahrenbrück, wird heute versteigert. Foto: ??????
Die Siedlung Alwine, OT Domsdorf, Stadt Uebigau-Wahrenbrück, wird heute versteigert. Foto: ?????? FOTO: Auktionshaus Karhausen AG / LR
Domsdorf. Alwine, eine Siedlung im Elbe-Elster-Kreis, sorgt seit vier Wochen für Schlagzeilen. Sie wird heute versteigert. Das Anfangsgebot ist auf 125 000 Euro festgelegt. Von Frank Claus

Erika Kühne ist 79 Jahre alt und will am liebsten gar nichts mehr sagen. Sie verzieht das Gesicht, stöhnt, als sie mit Kittelschürze bekleidet, die Gardinen am Fenster ihrer Wohnung im Erdgeschoss zurückzieht und schimpft: „Jeden Tag sind jetzt Leute hier. Mit Kameras und solchen langen Stäben, an denen Licht hängt. Aber auch Leute mit Mikrofonen, Fotoapparaten und Schreibzeug.“

Es ist vorbei mit der Beschaulichkeit in der „Alwine“, einer von insgesamt sechs Siedlungen von Domsdorf, einem Ortsteil der Stadt Uebigau-Wahrenbrück (Elbe-Elster). Los ging das „Theater“, wie Erika Kühne sagt, als die Bild-Zeitung titelte: Ein Dorf wird versteigert. Die Frau vom Pflegedienst, die Erika Kühne gerade umsorgt hat, rollt mit den Augen und mosert: „Das ist ja auch übertrieben. Alwine ist doch kein Dorf.“

15 Einwohner wohnen noch dort. Versteigert werden heute vom Auktionshaus Karhausen in der Berliner Friedrichstraße fünf Doppelhaushälften, ein Ein- und zwei Mehrfamilienhäuser mit den Hausnummern 100 sowie 102 bis 106. Allesamt sind im „umfassend modernisierungs- und sanierungsbedürftigen Zustand“, heißt es im Katalog für die Winterauktion. Dazu kommen noch zwei große Nebengebäude sowie etwa zehn Schuppen und Garagen. Das Ganze steht auf knapp 17 000 Quadratmeter Fläche. Im Versteigerungs-Katalog, dort wird die „Alwine“ als „Siedlung mit Dorfcharakter“ bezeichnet, sind 125 000 Euro als Mindestgebot angegeben.

Der Zustand der „Alwine“ ist jämmerlich. Marode Altbausubstanz, die zumeist aus den Zeiten des Berg-baus stammt. Verwitterte Fenster und Türen, Kohlefeuerung. In leerstehenden Häusern flattern Gardinen aus offen stehenden Fenstern. 1847 ist um Domsdorf mit dem Kohleabbau begonnen worden – sowohl im Tief- als auch im Tagebauverfahren. 1882 ging in der Nachbarschaft die Brikettfabrik „Louise“ in Betrieb – inzwischen ist sie stillgelegt. Heute ist die „Louise“ als älteste erhaltene Brikettfabrik technisches Denkmal.

Peter Kroll, der Ortsvorsteher von Domsdorf, wird sauer, wenn er an die Entwicklung der „Alwine“ denkt. „Da hilft nur noch die Abrissbirne“, sagt er. Die Treuhand hatte die Siedlung nach der Wende nicht losbekommen und sie dann nach einer Karenzzeit von zehn Jahren für eine Mark an zwei Brüder verramscht. Einer sei inzwischen gestorben, der andere könne mit dem Besitz nichts anfangen.

Inzwischen gehen nach Angaben von Matthias Knacke vom Auktionshaus nur noch jährlich knapp 16 000 anstelle der vereinbarten 30 000 Euro Miete ein. Kein Wunder bei dem Zustand der Wohnungen. „Hier ist in all den Jahren nichts passiert“, sagt Peter Kroll, der den Medien-Hype so richtig nicht verstehen kann. „Das Internet ist voll mit Berichten über die Alwine“, sagt er. Peter Kroll ist von der geplanten Versteigerung ebenso überrascht worden wie die Bewohner.

„Wir haben davon aus der Zeitung erfahren und dann hat uns die Medienlawine überrollt.“ Alle renommierten Fernsehsender seien dagewesen, sogar welche aus Frankreich und Polen. Dazu alles, was im Radio-, Zeitungs- und Onlinegeschäft Rang und Namen hat.

Am Freitag um 14 Uhr hat das ZDF berichtet. RTL, Sat 1 – alle haben gedreht. Peter Kroll ist gerade wieder zurück von der „Alwine“. Diesmal hat er Arte begleitet. Am Sonntag, 19.10 Uhr, soll der Beitrag gezeigt werden. „Zum 20. Mal war ich jetzt mit Medienvertretern draußen“, erzählt er. Nicht immer habe er deren Arbeitsweise verstanden. „Da wird auch schon mal fotografiert, obwohl es ausdrücklich nicht gewünscht wird.“ Erika Kühne weiß das. „Für ein Fernsehteam sollten wir sogar nachstellen, wie wir Kohle und Holz ins Haus tragen und feuern.“

Andreas Claus, der Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück, hat sich inzwischen damit abgefunden, dass aus einer Siedlung gleich mal ein Dorf gemacht wurde. Er habe versucht, vom Medienansturm zu profitieren. „Ich habe Kontakte geknüpft, für die Stadt Uebigau-Wahrenbrück und die Kurstadtregion geworben und auf die älteste Brikettfabrik Europas aufmerksam gemacht.“ Einige Reporter seien mit ihm sogar dorthin gefahren.

Auch Peter Kroll hofft auf positive Effekte, wenngleich er nun wünscht, dass bald wieder Ruhe für die Bewohner der Siedlung einzieht. Eine Begegnung, so hofft er, werde auf jeden Fall nachhallen. „Im Zuge der medialen Berichterstattung sind Studenten der Universität Darmstadt auf uns aufmerksam geworden. Sie wollen eine Arbeit erstellen, eine Hommage an einen Ort mit einst bedeutender Entwicklung.“

Und noch eins wollen Andreas Claus und Peter Kroll: Gewissheit. Deshalb fahren sie am Sonnabend nach Berlin, um der Auktion beizuwohnen. „Wir wollen wissen, ob und zu welchem Preis die Alwine unter den Hammer kommt“, sagt der Ortsvorsteher.

Der Bürgermeister hofft, den- oder diejenigen kennenzulernen, die einen möglichen Zuschlag erhalten. „Nicht, dass dann wieder jahrelang nichts passiert.“

Marode Bausubstanz prägt die „Alwine“.
Marode Bausubstanz prägt die „Alwine“. FOTO: Patrick Pleul / dpa