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| 02:38 Uhr

Leben in der DDR – Zeitzeugen befragt

Zeitzeugin Angelika Cholewa.
Zeitzeugin Angelika Cholewa. FOTO: Rudow
Herzberg. Wie war das Leben in der DDR? Eine interessante und berechtigte Frage von Zehntklässlern, die erst zehn Jahre nach der Wende geboren wurden. DDR-Geschichte war eine Zeit lang aus den Geschichtsbüchern verschwunden, jetzt aber wieder ein Thema, sagt Claudia Franke, Geschichtslehrerin am Philipp-Melanchthon-Gymnasium in Herzberg. Birgit Rudow /

Sie und ihre Kollegin Kerstin Kiehl haben mit den Schülern der beiden 10. Klassen viel über die DDR-Geschichte geredet. Neben der "Theorie" im Unterricht haben die jungen Leute zu Hause mit Personen aus dem familiären Umfeld darüber gesprochen, wie sie die DDR erlebt haben. Die Jugendlichen konnten Vorträge erarbeiten und Essays schreiben, so Claudia Franke. Einige, so die Lehrerin, seien sehr erstaunt gewesen, dass Ältere die DDR zurückhaben wollten, wegen der sozialen Bindungen und der Kontakte zu den Mitmenschen.

Die Zehntklässler haben sich auch mit Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. Ihr Exkurs in das Leben in der DDR endete mit einem Projekttag zum Thema "Erinnerung ist Zukunft - Flucht und Ausreise aus der DDR". Dazu nutzten die Pädagogen die Unterstützung der Deutschen Gesellschaft - ein Verein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa. Die Gesellschaft bietet Gespräche mit Zeitzeugen für Jugendliche und junge Erwachsene an. So hatten die Herzberger Gymnasiasten Madeleine Petschke von der Deutschen Gesellschaft und die Zeitzeugin Angelika Cholewa in ihrer Schule zu Gast. Madeleine Petzschke hielt einen einführenden Vortrag zum Thema mit einigen Ausführungen zu Alltag und Widerstand in der DDR.

Angelika Cholewa konfrontierte die Schüler mit Erlebnissen, die den meisten bis dahin fremd waren. Die 1955 in Naumburg geborene Frau gelangte als 17-Jährige in die Fänge der Staatssicherheit, sie sollte ihre Mitschüler ausspionieren. Eindringlich schilderte sie ihre Gefühle, von einem Tag auf den anderen ausgeliefert zu sein, niemandem mehr vertrauen zu können. Sie sprach über die Enge des Lebens in der DDR, die sie nicht aushalten konnte und über einen gescheiterten Fluchtversuch, der sie als politische Gefangene in das Frauengefängnis Hoheneck mit seinen unvorstellbaren Zuständen brachte. Sie erzählte, wie sie 1983 für 64 000 D-Mark freigekauft wurde, und auch in der BRD lange nicht zurecht kam.

Vor fünf Jahren habe sie ihre Stasi-Akte gelesen und festgestellt, dass auch dort nicht die Wahrheit drin stand. Wieder sah sie sich ohnmächtig ausgeliefert, wieder ging ein großer Riss durch die Familie. Ihre Botschaft an die jungen Menschen in Herzberg: immer sie selbst zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen, zu reden über das, was sie erleben und zuzuhören.

Die Schüler, die sich gut auf die Begegnung vorbereitet hatten, fragten sie auch nach ihrer Meinung zur aktuellen Flüchtlingssituation. Sie habe sich noch nicht ausreichend genug damit auseinandergesetzt und auch keine Lösung parat, antwortete Angelika Cholewa. Aber sie halte es für sehr problematisch, Menschen, die aus einer ganz anderen Kultur kommen, in Deutschland zu integrieren. Man müsse die anderen Kulturen respektieren, sonst könne man sie nicht verstehen.

Die Schüler haben nach den gut zweieinhalb Stunden in der Aula ein interessantes Fazit gezogen. Sie hätte einen guten Einblick über die für sie unvorstellbare Zeit bekommen, sagte ein Mädchen. Frau Cholewa hätte ganz andere Eindrücke von der DDR vermittelt als ihre Eltern, meinte eine andere Schülerin. Sie habe sich vorgenommen, immer in den Spiegel schauen zu können, sagte eine weitere.

Sie sei dankbar, dass die Jugendlichen zugehört und Fragen gestellt haben, entgegnete Angelika Cholewa. Sie freue sich, wenn sie ihnen etwas mitgeben konnte.