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| 18:23 Uhr

Interview mit Iris Schülzke, Kandidatin zur Landratswahl in Elbe-Elster
„Eingefahrene Gleise müssen verlassen werden“

Landratskandidatin Iris Schülzke in Schlieben. Dort hat sie ihr Büro als Landtagsabgeordnete, war Bürgermeisterin und dann Amtsdirektorin.
Landratskandidatin Iris Schülzke in Schlieben. Dort hat sie ihr Büro als Landtagsabgeordnete, war Bürgermeisterin und dann Amtsdirektorin. FOTO: Manfred Feller / LR
Jagsal. Vor der Landratswahl am 22. April bekennen die Kandidaten Farbe, was sie verändern und für den Landkreis Elbe-Elster erreichen wollen. Heute: Iris Schülzke aus Jagsal.

Vor der Landratswahl am 22. April bekennen die Kandidaten Farbe, was sie verändern und für den Landkreis Elbe-Elster erreichen wollen. Heute: Iris Schülzke aus Jagsal.

Frau Schülzke, Sie sind parteilos und nach Auflösung der Fraktion BVB/FREIE WÄHLER im Brandenburger Landtag im vorigen Jahr auch fraktionslos. Ist Ihnen der Sessel in Potsdam vor der Neuwahl im kommenden Jahr so unsicher geworden, dass Sie erneut Landrätin in Elbe- Elster werden möchten?

Schülzke Eine Fraktion zu bilden, wurde uns politisch verwehrt. So gesehen, war ich schon immer politisch unabhängig. Dass ich mich jetzt zur Wahl als Landrätin stelle, liegt daran, dass ich mich wieder vor Ort stärker einbringen möchte. In Elbe-Elster gibt es viel zu tun und dem will ich mich stellen - mit meinen Erfahrungen und mit Hilfe des Netzwerkes, das ich pflege. In den vergangenen Monaten sind viele Bürger, Unternehmer und Kreistagsabgeordnete an mich herangetreten und haben mir Mut zugesprochen, diese Aufgabe anzugehen.

Bei der Landratswahl 2010 hatten sie in der Stichwahl die meisten Stimmen, jedoch wurde das sogenannte Quorum nicht erreicht, wie wollen Sie es dieses Mal schaffen?

Schülzke Ich vertraue auf die Stimmen der Wähler. Niemand möchte weiter im Stillstand leben. Die Menschen wissen, dass besonders in Elbe-Elster viel aufzuholen ist. Andere Landkreise machen uns vor, wie es geht. In puncto Attraktivität wurde unser Landkreis weit überholt. Ich bin als ruhelose Chefin bekannt, fordere viel von meinen Mitarbeitern. Ich bin aber auch eine bekennende Optimistin und gute Motivatorin und als solche in der Lage, die Menschen mitzunehmen.

 Was machen Sie, wenn die Wahl erneut nicht gelingt?

Schülzke Mein Ziel ist es, die Wahl zu gewinnen. Bei den zahlreichen Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen werde und die ich besuche, aber auch bei den Gesprächen, die ich vielerorts führe, erfahre ich enorm viel Zuspruch. Ich gehe davon aus, dass ich Landrätin werde.

 In den vier Jahren als Landtagsabgeordnete haben Sie Kontakte in Ministerien und Landesbehörden geknüpft. Wie sehr könnte Ihnen dies als Landrätin helfen?

Schülzke Natürlich können mir diese Kontakte als Landrätin helfen, die Probleme, die es zu lösen gilt, zielgerichtet und schnell anzugehen. Wenn man weiß, hinter welchen Türen engagierte Landesbedienstete arbeiten, die einem den gesuchten Weg ebnen helfen, macht es die Arbeit leichter. Leider erlebe ich als Landtagsabgeordnete immer wieder, wie Hilferufe aus der Bevölkerung, den Gemeinden oder der Wirtschaft von Bürokraten zerredet oder ignoriert werden. Dabei gebietet die Landesverfassung: Gleiche Entwicklung für alle! Darum muss allerdings hart gekämpft werde, ganz besonders in den ländlichen, von Potsdam vernachlässigten Räumen.

 Sie waren und sind gegen die Kreisgebietsreform. Ist der nach wie vor schrumpfende, ländlich stark geprägte und vor allem berlinferne Landkreis in seiner jetzigen Struktur zukunftsfähig aufgestellt?

Schülzke Forschungen haben ergeben, dass, wenn sich der Staat aus der Fläche zurückzieht, das Ehrenamt überfordert wird und die Wähler aus Unzufriedenheit rechts wählen. Im Übrigen liegen auch wissenschaftliche Arbeiten vor, dass Gemeinde- und Kreiszusammenschlüsse keine finanziellen Einsparungen nach sich ziehen. Im Gegenteil: Für die Bürger wird es teurer, Wege werden weiter, das kostet auch Zeit. Folglich müssen Verwaltungen anders organisiert werden, mit Hilfe der Digitalisierung, kooperativer Zusammenarbeit und durch unabhängige Fachleute. Es gibt im Landkreis auch gute Verbindungen nach Dresden und Leipzig. Wir haben einen bedeutenden aufwachsenden Bundeswehrstandort, viele Unternehmen suchen Fachkräfte. Wenn dafür richtig geworben und diese Tendenz mit Sachkompetenz unterstützt wird, sollte das Wort „schrumpfende“ schnell der Vergangenheit angehören.

Mal angenommen, Sie werden Landrätin in Elbe-Elster. Was würden Sie zuerst auf den Weg bringen oder verändern?

Schülzke Digitalisierung und Mobilfunksicherheit wären sehr wichtige Aufgabenfelder, ebenso die Verbesserung des Straßennetzes. Zudem gibt es in der Berufsausbildung Hemmnisse mit dem ÖPNV. Berufsschüler in Handwerksbereichen haben große Probleme, die Schule oder den Ausbildungsbetrieb zu erreichen, da ist viel zu optimieren. Viele Kosten, auch für die Verwaltung oder den Abgabenbereich sind sehr hoch, das gehört zügig auf den Prüfstand. Darüber hinaus wird die derzeit gute Konjunktur nicht in unendliches Wachstum übergehen, darauf sollten wir vorbereitet sein.

Das A und O ist ein dynamisches Wirtschaftsleben. Die jüngste Focus-Studie, eine Art Ranking der Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland, hat Elbe-Elster in den einzelnen Kategorien sehr unterschiedlich bewertet. Zweimal belegt der Landkreis sogar den letzten Platz (siehe Hintergrund). Wie bewerten Sie diese Analyse?

Schülzke Elbe-Elster muss sich nicht verstecken. Wir haben im Landkreis starke Unternehmen, die sich stetig weiterentwickeln und Netzwerke mit anderen Firmen unterhalten. Jedoch muss die Attraktivität der Region schnell verbessert werden, wenn wir vorankommen wollen. Doch man muss auch wissen, dass der vom Infrastrukturministerium des Landes vorgelegte Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion fast alle Entwicklungsmöglichkeiten im Süden behindert und uns mit Bürokratie erstickt. Deshalb muss sich Elbe-Elster gegen diese starren Landesvorgaben vehement wehren, Unternehmen und innovative Menschen brauchen Freiräume, um ihre Visionen und Vorhaben umsetzen zu können, eingefahrene Gleise müssen verlassen werden.

Sie gelten als Kämpferin für den ländlichen Raum, mit dem Sie auch persönlich verwurzelt sind. Doch diesem werden generell wenig gute Zukunftsaussichten angedichtet. Überalterung, ärztliche Versorgung und Nahverkehr sind drei Problemfelder, die kaum lösbar scheinen.

Schülzke Stimmt - das wird den ländlichen Räumen angedichtet. Die sozialen Probleme sind aber in Ballungsräumen weitaus größer. Dort sind auch die Kosten für Hilfen im sozialen Bereich höher. Das Leben ist dort generell viel teurer als auf dem Land, inzwischen wird von Stadtflucht berichtet. Gleichwohl wird es eine anspruchsvolle Aufgabe, dafür zu sorgen, jungen Menschen die Tore in die Region zu öffnen, ihnen hier eine Zukunft mit Perspektive zu bieten. Bis heute scheitern junge Ärzte oder Lehrer an zentralistischen, bürokratischen Verweigerungen, wenn sie auf dem Land arbeiten wollen. Aber wo ein Wille, da ein Weg. Die jungen Menschen brauchen optimale, moderne Rahmenbedingungen, zum Beispiel schnelles Internet, gute Bildungsmöglichkeiten. Die starren Vorgaben der Bauplanung müssen überwunden werden, Menschen, die ihre Wohnungen selbst bauen, müssen ihre Ideen umsetzen dürfen. Der Nahverkehr kann als Kooperationsaufgabe mit den Nachbarkreisen  verbessert werden.

Als Landrätin sind Sie auch auf anderen Feldern gefragt, wie Hochwasserschutz, Rekultivierung nach dem Kiesabbau, Straßeninfrastruktur, Breitbandausbau, Bildung bis hin zum Wolf und die Schweinepest (ASP). Wo sind schnell Antworten und Lösungen notwendig?

Schülzke Für die Rekultivierung beim Kiesabbau habe ich im Landtag einiges auf den Weg gebracht. Mit den Mühlbergern werde ich dranbleiben, die Umsetzung zu realisieren. Beim Thema Überflutungsflächen gehen Landesbehörden zum Teil rigoros über das Eigentum der Einwohner hinweg, viele Bauarbeiten im Hochwasserschutz an Elbe oder Elster sind auf „später“ verschoben. Gleiches gilt für Straßen, diese wurden damals für den Trabbi und W 50 gebaut, nun reichen sie längst nicht mehr. Lehrermangel und Stundenausfälle, zu wenig Unterricht in Naturwissenschaften oder Informatik, sind bei steigenden Schülerzahlen in gute Bildung für die Jugend zu verwandeln. Schnelle Lösungen können erreicht werden, wenn etwa das Schulamt wieder im Landkreis ansässig ist und die Schulräte handeln können, anstatt ihre Zeit im Auto nach Cottbus zu verbringen. Für den Wolf oder die ASP wird es keine schnellen Lösungen geben. Im Moment ist beides dem Selbstlauf überlassen. Ich hoffe, dass alle, die die Warnungen und Hinweise der erfahrenen Fachleute ignorieren, dann die Verantwortung übernehmen.

Wo sehen Sie den Landkreis vielleicht in zehn Jahren?

Schülzke Noch viel mehr Kinder schauen erwartungsvoll, dass ihre Eltern von der Arbeit kommen, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Im Landkreis gibt es attraktive Arbeitsplätze, die Arbeitslosigkeit ist stark gesunken. Senioren können hier gut leben, haben kurze Wege zum Einkaufen oder zum Arzt. Aus Start-ups sind die verschiedensten neuen Unternehmen entstanden. Ich würde mir wünschen, dass Elbe-Elster ein Zentrum für Innovation wird. Schnelles Internet, wird es ermöglichen, Formulare und Anträge oder andere Daten zwischen Bürgern und Behörden oder Unternehmen so zu versenden, um diese kurzfristig zu bearbeiten, wie es in anderen Ländern längst üblich ist. Wenn wir jetzt die Weichen stellen, werden Dienstleistung und Lebensmittelproduktion, Produktion überhaupt große Wertschätzung erfahren. Junge Menschen werden dann ein noch größeres Interesse haben, die beste Bildung zu bekommen, um anderen nicht nachzustehen. Entscheidungen in Verwaltungen und der Politik werden so getroffen, dass die Probleme der Bürger und Steuerzahler aufgegriffen und im Interesse der örtlichen Gemeinschaft gelöst werden.

Die Fragen an Iris Schülzke
stellte Manfred Feller

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