Von Sylvia Kunze

Für Martin und Rosalie ist es schon ein komisches Gefühl, in Schlieben-Berga am Gedenkstein zu stehen. Die beiden französischen Jugendlichen kennen die Pein, die Menschen während des Zweiten Weltkriegs hier und in anderen Konzentrationslagern   erleben mussten, nur aus Erzählungen. Ihre Oma, Anne Savignieux, hält die Erinnerungen daran wach. Sie hat ihre beiden Enkel mit auf die Reise zu jenen Stätten genommen, an denen deren ihre Mutter und ihre zwei Schwestern unermessliches Leid erfuhren und „durch die Hölle gegangen sind“, wie sie nach der Befreiung berichteten. Gemeinsam legen die drei Familienangehörigen am Gedenkstein einen Kranz nieder, der an den Besuch der Reisegruppe der Amicale de Ravensbrück erinnern soll.

Freundeskreis nicht zum ersten Mal vor Ort

Der französische Freundeskreis hält die Erinnerung an jene französische Frauen wach, die während des Zweiten Weltkriegs in Ravensbrück inhaftiert waren. Auch der diesjährigen Tour haben sich wieder Nachkommen und befreundete Familien jener einst inhaftierten Frauen angeschlossen. Es ist übrigens nicht der erste Besuch des Freundeskreises in Berga. 2011 war beispielsweise Anne Savignieux schon einmal hier, kurz bevor die Gedenkstätte eröffnet wurde.

Drei Jahre später trafen in Berga 100 Rosenpflanzen ein. Sie kamen von der Vereinigung der französischen Häftlingsfrauen von Ravensbrück und wurden in Ravensbrück und in ehemaligen KZ-Außenlagern gepflanzt, in denen Französinnen inhaftiert waren. Anlass war der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers im folgenden Jahr.

Natürlich wollen die Gäste wissen, wie es den Rosen geht. Uwe Dannhauer, Vorsitzender des Gedenkstättenvereins, muss betrübliche Nachrichten überbringen. Rehe und starke Winter haben den Bestand arg dezimiert. Lediglich noch acht Pflanzen sind übrig — und inzwischen eingezäunt. So hofft man, sie besser über die nächsten Jahre retten zu können.

Ehrenmedaille der Frauen von Ravensbrück überreicht

Die Erinnerung an die inhaftierten französischen Frauen halten Dannhauer und die anderen Mitglieder des Vereins dennoch wach —  mit viel Fleiß und Engagement.  Davon kann sich die Reisegruppe um Marie-France Cabeza-Marnet, Präsidentin Amicale de Ravensbrück, bei den erläuternden Worten und Führungen durch die Gedenkstätte und das Außengelände überzeugen. Auch wenn sie es sehr bedauert, dass nur noch so wenige Rosen übrig sind, zollt sie der Arbeit vor Ort großen Respekt. Als Ausdruck der Anerkennung hat die Präsidentin des Freundeskreises eine besondere Ehrung im Reisegepäck. Sie überreicht Uwe Dannhauer die Ehrenmedaille der Frauen von Ravensbrück, weil sie sieht und weiß, dass er und sein Team genau wie sie gegen das Vergessen ankämpfen.

Vorbereitungen für den Tag der offenen Tür

Davon werden sich auch die Besucher des anstehenden Tages der offenen Tür überzeugen können. Bei dieser Gelegenheit sollen zwei neue Schautafeln enthüllt werden. Eine informiert über den Lebens- und Leidensweg des jüdischen polnischen Häftlings Sam Herling, die andere liefert Fakten zum Arbeiten und Sterben im Krankenrevier. Das Thema wird außerdem im diesjährigen Vortrag zum Tag der offenen Tür aufgegriffen und soll in den folgenden Monaten weiter in der Forschungsarbeit vertieft werden, kündigt Vorstandsmitglied Dr. Jürgen Wolf an.

Er macht zudem schon auf Schüler- und Studentenarbeiten neugierig, die sich mit der KZ-Gedenkstätte beschäftigen. Während Schüler des Herzberger Gymnasiums, nun sogar per unterschriebener vertraglicher Vereinbarung, mehr und mehr bei der Forschungsarbeit helfen, haben sich Studenten der BTU Cottbus unlängst Gedanken darüber gemacht, wie der historische Ort mit den Ruinen als Gedenkort erschlossen werden könnte. Ihre Vorschläge und die Schülerarbeiten sind Bestandteil der Ausstellung zum Tag der offenen Tür.