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| 08:07 Uhr

Im Gespräch mit Hans-Peter Klie
„Mit fotografischen Mitteln über Fotografie nachdenken“

Kolochau. Vor dem Start seiner neuen Ausstellung spricht der in Kolochau ansässige Künstler über die Idee, die dahintersteht.

(red/sk) Am Samstag eröffnet Hans-Peter Klie im alten Pfarrhaus in Kolochau, in dem er sich ein Atelier eingerichtet hat, seine neue Ausstellung mit dem Titel „Philosophische Perspektiven“. Vorab macht er darauf im Gespräch neugierig und erklärt, was ihn zu dieser Präsentation bewogen hat.

Zur aktuellen Ausstellung „Philosopische Perspektiven“ im Kunstarchiv in Kolochau schreiben Sie: „Sich mit Fotografie philosophisch auseinanderzusetzen heißt, immer auch eine Art ,Gedankenfotografie’ zu betreiben. Es gilt, die den Fotografien zugrunde liegenden Gedanken in den Blick zu nehmen – aber nicht so, wie das der Fotografierende mit den Bildern tut, die ihm die Welt bietet.“ Aus welchen Perspektiven betrachten Sie die Fotografie? Und was ist an diesen Perspektiven philosophisch?

Klie: Zunächst – heutzutage fotografieren ja fast alle Menschen, mit welchem Anspruch auch immer. Sie blicken aus ihrer vermeintlich individuellen Perspektive auf das, was sie umgibt. Genau genommen ist es die Perspektive ihrer Kamera und ihrer Gesellschaft. Gemeinhin sagt man: „Der Fotografierende sieht die Welt mit seinen Augen“, und man meint damit, dass wir in den Fotos eine subjektive Sicht auf die Dinge zu sehen bekämen, möglicherweise sogar eine ästhetische und künstlerische.

Wenn man diesen Sachverhalt philosophisch betrachtet, stellt sich heraus, dass es mit der Subjektivität oft nicht weit her ist. Vielmehr bilden die meisten nicht das ab, was sie zu sehen glauben, sondern die Bilder, die sie im Kopf haben. Bilder, die sie gelernt haben und zu denen der Fotoapparat oder das Smartphone sie animiert. Viele sehen die Dinge so, wie sie meinen, sie sehen zu müssen. Auch, weil der Fotoapparat meint, dass sie die Welt so sehen sollen. Das sind programmierte Maschinen. All das ist vielen Fotografierenden meist nicht bewusst.

Meinen Sie damit, dass uns nicht bewusst ist, wie und warum wir fotografieren?

Klie: Manchem ist noch nicht einmal bewusst, was er fotografiert. So paradox das klingt – er kennt oder erkennt nicht den Gegenstand, den er vor sich hat. In der Tat sagen uns die Fotografien oft mehr über das Denken, die Weltsicht der Fotografen und die Gesellschaft, in der sie leben, als über die Dinge oder die Menschen, die auf den Fotos zu erkennen sind. Und selbst wenn dem Fotografierenden dies Dilemma bewusst ist, kann er sich dieser Tatsache schwer entziehen. Heute kann man sich zum Glück – oder Unglück – meist schon auf den Fotoapparat verlassen. Man sagt ja auch „Der Apparat macht gute Fotos!“. Das ist vergleichbar mit dem Reisenden, der abends oft beim Sonnenuntergang auf der Terrasse seines Bungalows saß und sich wunderte, dass das romantische Gezirpe der Zikaden stets exakt um 20.30 Uhr einsetzte. Auf seine Nachfrage erklärte die Rezeption: „Unsere Gäste lieben das Gezirpe der Zikaden, aber nicht die Insekten – deshalb benutzten wir Insektenschutzmittel und haben überall kleine Lautsprecher installiert!“

Was erwartet den Besucher in der Ausstellung?

Klie: Neben Objekten natürlich auch Fotografien, aber meist solche, die die Gedanken hinter den Fotos bewusst machen – also in gewisser Weise „Gedankenfotografien“. Schon vor gut einhundert Jahren gab es Versuche, mit dem Mittel der Fotografie nicht nur die sichtbare Welt, sondern auch die unsichtbare Welt, also die geistige Welt, also die Gedanken, festhalten zu können. 1895/96 hatte ja die Entdeckung der Röntgenfotografie bewiesen, dass eine photographische Platte Unsichtbares, also z.B. unser Knochengerüst, abbilden konnte. Von da aus war es nur ein Schritt zu dem Versuch, Gedanken und „geistige Energien“ mittels der Fotografie abbilden zu wollen.

Diese Arbeiten sind der Ausgangspunkt der Ausstellung, die sich zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Schein, Wirklichkeit und Simulation bewegt. Es werden dreizehn Arbeiten zur Fotografie gezeigt – alles Arbeiten, die mit fotografischen Mitteln über Fotografie nachdenken.

(sk)