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| 10:37 Uhr

An die Geschichte erinnern
Der Vergessenheit entrissen

Am Ortsrand von Uebigau wird ein einstiger jüdischer Friedhof wieder sichtbar gemacht.
Am Ortsrand von Uebigau wird ein einstiger jüdischer Friedhof wieder sichtbar gemacht. FOTO: LR / Sylvia Kunze
Uebigau. Dr. Rainer Pohl erläutert, was es mit dem jüdischen Friedhof in Uebigau auf sich hat.

Am Montag, 12. November, wird um 15 Uhr in Uebigau in der Wahrenbrücker Straße in der Nähe des Bahnübergangs ein jüdischer Friedhof eingeweiht. Es ist keine neue Beerdigungsstätte, sondern dort wurden vor Jahren schon Juden beerdigt. Dann geriet der Friedhof lange Zeit in Vergessenheit. Jetzt soll wieder an ihn erinnert werden. Der Falkenberger Heimatfreund Dr. Rainer Pohl hat sich mit dessen Geschichte befasst und fasst in Kurzform zusammen:

„Wahrenbrücker Juden, meist Händler, haben im Jahre 1839 ein 130 Quadratmeter großes Gelände gekauft. Es wurde am ,Dreibaum’ genannt, später auch am ,Bürgerholz’. Drei jüdische Bürger wurden als Besitzer im Grundbuch der Stadt Uebigau eingetragen.

In den Kirchenbüchern von Wahrenbrück und Uebigau sind die Namen der insgesamt elf dort beigesetzten jüdischen Menschen zu finden. Sie stammten aus Wahrenbrück, Uebigau, Torgau, Schönewalde und Annaburg.

Das unter Schwierigkeiten erworbene Stückchen Land war nicht sehr wertvoll, die heutige Eisenbahntrasse war damals schon in Planung. Insgesamt war die Stimmung der Bevölkerung des Kreises Liebenwerda, das geht aus Zeitungsberichten hervor, gegen die Ansiedlung jüdischer Bürger, besonders gegen Händler und auch gegen den Friedhof.

Das mag auch dazu geführt haben, dass er schon bald nicht mehr beachtet wurde. Im Jahre 1870 fand die letzte Beerdigung statt. Vor 1900 soll der Zaun repariert worden und das Gelände in Stand gesetzt worden sein, wofür aber kein schriftlicher Nachweis vorhanden ist. Im Heimatkalender von Bad Liebenwerda von 1913 findet man eine Beschreibung mit einer Zeichnung, auf der der Dreibaum zu sehen ist und umgestürzte Steine.

Unter Bürgern von Uebigau und Wahrenbrück ist der Friedhof bald nicht mehr bekannt. Manche vermuten ihn auf der anderen Straßenseite.Im Heimatkalender von 1963 wurde über den nun verwaisten Standort berichtet und die Zeichnung von 1913 erneut gezeigt.

Beim Kreisheimatkundetag im Jahre 2007, der im Schloss Uebigau stattfand, hat Klaus Wackernagel anhand von Kartenmaterial den richtigen Standort beschrieben. Er berichtete außerdem, dass er ,Anfang der fünfziger Jahre’ noch umgestürzte Grabsteine besichtigen konnte. Später sind wohl die letzten Steine als Baumaterial abgefahren worden.

Im Zuge der ,Arisierung’ jüdischen Eigentums durch das nationalsozialistische Regime war das Grundstück unrechtmäßig in den Besitz der Stadt Uebigau gekommen. Es wurde nach der politischen Wende von der Brandenburgischen Bodenverwertungsgesellschaft übernommen.

Nach jüdischem Glaubensverständnis werden die Gräber nicht aufgehoben oder neu belegt. Es ist daher ein Werk der späten Wiedergutmachung, diesen Ort wieder zu markieren, ihn zu befestigen und die Wahrung der Totenruhe zu sichern.“

Als Dr. Rainer Pohl vor vier Jahren anfing sich dafür zu interessieren, fand er eine verwilderte Wiese vor. Es verboten sich Grabungen. Anhand des Grundbuchs der Stadt Uebigau und der Flurstückverwaltung Achikart wurde aber das Flurstück Nr. 51 als ehemaliger Judenfriedhof eindeutig nachgewiesen.

Dem Wunsch der zuständigen jüdischen Gemeinde entsprechend ging es wieder in den Besitz der Stadt Uebigau-Wahrenbrück über. Im Staatsvertrag des Landes Brandenburg mit den jüdischen Gemeinden übernimmt das Land eine Mitverantwortung für die Unterhaltung und Pflege verwaister jüdischer Friedhöfe, die keiner jüdischen Gemeinde angehören.

„Mit der Übernahme des Friedhofs kommt die Stadt Uebigau-Wahrenbrück in vorbildlicher Weise dieser Verpflichtung nach“, schätzt Dr. Pohl ein und schickt noch erklärend hinterher: „Auf dem Gedenkstein jüdischer Gräber findet man die Buchstaben T.N.Z.W.H. als Abkürzung für den traditionellen Segensspruch: ,Mögen ihre Seelen gebündelt sein im Bunde des ewigen Lebens!’ Das soll auch für die auf dem Friedhof beerdigten elf jüdischen Mitbürger gelten.“