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Jeßnigk hat Fastnachtswoche durchgehalten

In der "Neuzeit" ist das Zempern bedeutend abwechslungsreicher. Ein Foto aus dem Jahr 2004.
In der "Neuzeit" ist das Zempern bedeutend abwechslungsreicher. Ein Foto aus dem Jahr 2004. FOTO: sni1
Jeßnigk. Fastnacht – die Zeit der Ausgelassenheit und Lebensfreude bis hin zum Aschermittwoch. Auch in unserer Region lebte und lebt dieser Brauch. Der Ort feierte einst eine ganze Woche, wie es Rosamunde Kühne und andere Jeßnigker nie vergessen werden. Serena Nittmann / sni1

"Wer im Frühjahr mit 15 Jahren konfirmiert wurde, durfte im Herbst mit einem neuen Kleid zum Kirmestanz gehen und demzufolge auch an den Fastnachten im folgenden Februar teilnehmen. Und die dauerten eine ganze Woche", erzählt die 1940 in Jeßnigk geborene Rosamunde Kühne. Sie erinnert sich, dass am Fastnachtssonntag die Verwandten mit der Kutsche nach Jeßnigk zum Kaffee gefahren kamen. Es gab frische Pfannkuchen und Hefekuchen. Abends stellte der Gastgeber einen Schweine-, einen Rinder- oder einen Schafbraten auf den Tisch und es gab frisches Brot dazu. "Die Dubroer kamen mit dem Fahrrad zur Fastnacht und brachten ein Hucketuch mit. Darin wurde vom übrig gebliebenen Hefekuchen etwas eingepackt. Alle vier Zipfel wurden zusammengebunden und das Tuch bei der Heimfahrt an den Drahtesel gehangen", berichtet Erhard Ritter. Abends vergnügte man sich erstmals zum Tanz in der Jeßnigker Gastwirtschaft.

Auf den Montag freuten sich die Jugendlichen. Denn ganz nach alter Tradition gingen sie zempern. Die Jeßnigker tischten (wie auch heute noch) Speisen und Getränke auf. Es wurden aber auch Wurst, Eier und Speck gesammelt. Wenn die Runde durch das Dorf geschafft war, klang der Abend mit einem Tanz aus. Damals spielten die "Lehmänner" aus Schönewalde auf. "Meine Mutter Elsa, sie war die Wirtin, erzählte viel aus dieser Zeit. Auch, dass sie die Musiker im Vereinsraum der Gastwirtschaft oftmals die gesamte Woche über einquartiert hat", so Ingrid Golm (75). Zu deren liebstem Tag in der Woche zählte der Dienstag, der "Männerabend". Sie erzählt und macht die Sache ganz spannend: "Nur verheiratete Paare bekamen Einlass. Denjenigen, die zum ersten Mal dabei waren, steckten wir nicht nur ein buntes Schleifchen an, sondern ihnen galt auch die Ehrenrunde zum Eintanzen." Die Debütanten mussten sich den Einstand mit einer Flasche Schnaps erkaufen und sie im Saal an die Gäste verteilen. "Zu später Stunde waren drei Tanztouren der Jugend gewidmet. Auch die Zuschauer und die Kriegswitwen mischten sich dann mit unter", erinnerte sich Elschen Kaule (74). Erhard Ritter gab zu, dass der Abend für die Männer meist recht schweißtreibend war. "Es galt als Ehre, mit jeder Frau im Saal zu tanzen. Oft waren über 50 Paare gekommen. Deshalb spielten die Musiker meist kurze Touren", erzählt der Jeßnigker. Seine Frau Johanna (77) schildert, dass schon zu Hause große Teller mit Wurststullen, Gurken und Knoblauchzehen vorbereitet wurde, die dann am Tisch bei den Gästen sehr willkommen waren.

Am Mittwoch stand nicht nur das Zempern für die Verheirateten auf dem Programm. Viele ältere Männer trafen sich am Nachmittag zum Skat oder Doppelkopf in der Schenkstube der Gastwirtschaft. Und den Jugendlichen servierte Wirtin Elsa Golm zum "Fressabend" deren eingesammelten Naturalien vom Zempern als leckeren Eierschmaus.

Der Donnerstag war als "Mädchenabend" für die Jugendlichen bekannt. "Wenn die Musik aufspielte, holten sich die jungen Frauen ihre Tänzer von der Theke ab und hatten Spaß auf dem Parkett", gibt Rosamunde Kühne schmunzelnd zu und denkt dabei wohl an den einen oder anderen flotten Tänzer. Sie wusste noch, dass die jungen Herren als Dank meist von den Eltern Zigaretten geschenkt bekamen.

Ein Tanzabend besonderer Art war dem Freitag zugedacht. Unter dem Titel "Kopplappenball" können sich heute nur noch wenige etwas vorstellen. Noch bis in die 90er-Jahre praktiziert, zogen sich die Frauen an diesem Abend ihre Flämingtracht an, denn nur so bekamen sie Einlass. Die bunte Hülle, auch Kopftuch oder Kopplappen genannt, gab den Namen dazu. "Anna Knuppe war weit und breit die Einzige, die noch die Hülle falten konnte", sagte Ingrid Golm. Meist verzichtete man eh auf das Kopftuch. Denn in den roten Wollröcken, den grünen Schürzen und der weißen Bluse kamen die Jeßnigker Frauen recht schnell beim Fox, Walzer oder der Polka ins Schwitzen. "Doch auf die weißen Spitzenschlüpfer haben wir nie verzichtet", verrät Elschen Kaule. Sie habe sogar selbst welche genäht, so wie auch mal ein Matrosenkostüm für den "Bunten Abend", der immer samstags stattfand. Zum "Bunten Abend" wurde das Zempergeld in Schnaps umgesetzt und an die einheimischen Gäste verteilt.

Zu guter Letzt standen die Jüngsten des Dorfes im Mittelpunkt. Sonntagnachmittag spielte die Kapelle zum Kindertanz auf. Es regnete Konfetti und Papierschlangen. Oft kamen so viele Gäste, dass kaum noch ein Platz im großen Saal frei blieb. Auch ein Fotograf war stets zugegen. Viele Bilder sind heute in den Alben zu finden.

"Wir Jeßnigker haben eine Woche durchgehalten. Wenn wir erst morgens um drei Uhr vom Tanzen nach Hause kamen, wurden die Kühe gleich gemolken. Denn der Milchwagen kam um 6 Uhr ins Dorf", erzählt Erhard Ritter. Er findet es schade, dass im Laufe der Jahrzehnte viele Traditionen in Vergessenheit geraten sind. Früher baute die Jugend zum Zempern bunte Wagen. "Bei Hirschfelders wurden beispielsweise Mitte der 50er-Jahre aus Langstroh Zöpfe geflochten und daraus wurden ein Elefant und zwei Bären gebaut. Die Figuren kamen nicht nur in Jeßnigk zum Einsatz. Ich fuhr sie mit dem Pferdewagen selbst nach Dubro", plauderte der 79-Jährige aus dem Nähkästchen. "Bis vor wenigen Jahren hat unsere alte Garde sich beim Zempern beteiligt. Jetzt sollen die jungen Leute Kostüme nähen und Verkleidungen bauen. Wir bewirten sie gern", sagte er, trinkt seinen Kaffe und lässt sich den Hefekuchen munden.

Heute machen nur das Zempern und der "Bunte Abend" die Jeßnigker Fastnachten aus.