ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:10 Uhr

Herzberg
In Herzberg kann man seit 162 Jahren Bücher ausleihen

Der Leiter der Herzberger Mediathek André Keßler (r.) bedankt sich bei Gerhard Zwanzig für dessen Recherchen zur Herzberger Bibliotheksgeschichte.
Der Leiter der Herzberger Mediathek André Keßler (r.) bedankt sich bei Gerhard Zwanzig für dessen Recherchen zur Herzberger Bibliotheksgeschichte. FOTO: LR / Rudow
Herzberg. Gerhard Zwanzig hat zur Geschichte des Herzberger Bibliothekswesens recherchiert und die Ergebnisse jetzt vorgestellt. Von Birgit Rudow

Die Herzberger Bibliothek nennt sich jetzt Mediathek. Das Angebot besteht nicht nur aus Büchern, Zeitschriften und Spielen, sondern auch aus CD, Blu-ray, DVD, Computerspielen, Datenbanken oder der E-Book-Leihe. Doch auch wenn der Blick hauptsächlich nach vorn gerichtet ist, lohnt sich ein Ausflug in die Geschichte, meinte das Team um Einrichtungsleiter André Keßler. Der hat sich gefragt, wie weit die Bibliothekstradition in Herzberg überhaupt zurück geht. Diese Frage ließ sich  nicht ohne weiteres beantworten, und so bat André Keßler den Hobbyhistoriker Gerhard Zwanzig, sich des Themas anzunehmen. Der stürzte sich gleich in die Arbeit.

Doch auch Gerhard Zwanzig musste lange überlegen, wo er am besten ansetzen konnte. Er entschied sich für die „Herzberger historische Schulchronik“, die der Regionalhistoriker Horst Gutsche 2005 herausgebracht und darin die Schul- und Stadtgeschichte von 1873 bis 1944 dokumentiert hat. „Hier stieß ich zum ersten Mal im Zusammenhang mit Herzberg auf den Begriff der Leihbibliothek“ so Gerhard Zwanzig. In der Schulchronik wurde für das Jahr 1856 verzeichnet, dass ein Herr namens E. Röder die Buchhandlung in Herzberg übernommen und sie zu einer „Kunst- und Musikalienhandlung verbunden mit Zigarrenlager und Leihbibliothek“ erweitert hat. Das war sozusagen die Geburtsstunde der Bibliothek in Herzberg.

Im Schweinitzer Kreisblatt fand Gerhard Zwanzig beginnend mit dem Jahr 1856 regelmäßig Anzeigen für das Angebot der Buchhandlung. Im Oktober 1857 wurden in einer Anzeige auch die Leihgebühren bekannt gemacht. So waren zum Beispiel für ein Buch 8 Pfennige zu entrichten, für zwei Bücher 1 Silbergroschen (10 Pfennige) und 3 Pfennige. Ein monatliches Abonnement für ein Buch kam 15 Silbergroschen. Der Herr Röder bat um eine zahlreiche Beteiligung und versprach im Gegenzug „zahlreiche Anschaffungen der besten neuen Erscheinungen zu tätigen“.

Ob das funktioniert hat, ist nicht überliefert. Jedenfalls verkaufte Herr Röder das Geschäft nach zwei Jahren an einen A. Lüdecke, der ebenfalls im Kreisblatt unter anderem als „Musikalien-Leih-Institut“ warb.

„Den Anzeigen war allerdings nicht zu entnehmen, wo sich die Buchhandlung in Herzberg befand. Darüber gab erst die Berichterstattung über den Brand 1868 Aufschluss, bei dem 24 Wohngebäude in Herzberg zerstört wurden“, berichtet Gerhard Zwanzig. Über den Brand steht geschrieben, dass ihm beim Haus des Buchhändlers Lüdecke Einhalt geboten wurde. Zwanzigs weitere Recherchen ergaben, dass das Haus etwa um 1800 in der heutigen Schliebener Straße 89 – jetzt MVZ und lange Jahre Herzberger Stadtbibliothek – errichtet wurde. Was für eine Fügung.

Im April 1886 übernahm Fritz Opitz, ein Buchhändler aus Bonn, die Buchhandlung. 1894 wurde er von Otto Burkhardt abgelöst. Annoncen aus diesem Jahr belegen, dass die Leihbibliothek weiterhin Bestandteil der Buchhandlung war. 1906 wurde Oscar Neutzsch ihr Inhaber. Den hat Gerhard Zwanzig noch persönlich kennengelernt. Neutzsch leitete viele Jahre den Herzberger Männerchor. Am 17. März ist das Geschäft in die Schliebener Straße 88 umgezogen, in das Gebäude, in dem heute  Kirsten Jachalke ihre Buchhandlung hat.

Es gab aber noch weitere Büchereien in Herzberg. So hatte Bernhard Klottig (eine alteingesessene Herzberger Familie) in seinem Geschäft in der Torgauer Straße (heute Presse-Pieper) eine Leihbücherei eingerichtet. Sie wurde 1945 geschlossen. In der Schule begann 1914 der Aufbau einer Schulbibliothek, deren Bestand 1921 auf 319 Bände gewachsen war.

All diese Fakten hat Gerhard Zwanzig mühsam zusammengetragen, größtenteils im Kreisarchiv. „Die Mitarbeiterinnen dort haben mir sehr dabei geholfen“, sagt er. Hinweise aus dem Schweinitzer Kreisblatt und andere Dokumente hat er kopiert, mit Anmerkungen versehen und in einer Mappe zusammengefügt. Diese hat er der Herzberger Mediathek übergeben. Die Mitarbeiter waren Gerhard Zwanzig für dessen Recherchen zutiefst dankbar. André Keßler übergab ihm dafür eine Dankesurkunde und ein Buchpräsent. „Das ist für uns wirklich sehr wertvoll, was Gerhard Zwanzig herausgefunden hat. Jetzt wissen wir, dass es das Bibliothekswesen in Herzberg seit 162 Jahren gibt“, sagt André Keßler.

Das Bestehen einer Volksbücherei – als Vorgängerin der heutigen Bibliothek – ist seit 1948 überliefert. Die erste Kreisbibliothek im damaligen Land Sachsen-Anhalt wurde 1950 in der Marxschen Villa (Haus der Wissenschaften) gegründet. Die Volksbücherei (Romanabteilung) wurde am 15. Mai 1950 wieder eröffnet. Die Ausleihe erfolgte in der Torgauer Straße 8. 1953 kam eine Kinderbibliothek dazu. Kreis-, Stadt- und Kinderbibliothek wurden 1953 zur Stadt- und Kreisbibliothek. Die Freihandausgabe begann 1960. Seit 1977 war die Bibliothek in der Schliebener Straße 89. 1989 ging sie zum Kreis über. 1991 wurde sie wieder von der Stadt übernommen und hat ihr Domizil seit 2011 im Bürgerzentrum.