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| 16:42 Uhr

Für eine würdige letzte Ruhestätte
Ein Gruppengrab in Krassig wird geöffnet

 Joachim Kozlowski, Umbetter im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Brandenburg, bei seiner Arbeit in Krassig.
Joachim Kozlowski, Umbetter im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Brandenburg, bei seiner Arbeit in Krassig. FOTO: LR / Sylvia Kunze
Schlieben/Krassig. Zwei Soldaten, die in Hillmersdorf bestattet waren, sind bereits nach Schlieben umgebettet worden. Nun sollen drei weitere folgen, die bisher in Krassig auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Von Sylvia Kunze

Erste Vorarbeiten sind erfolgt. Noch bis vor Kurzem machte sich eine riesige Konifere neben dem Grab breit, dem heute die Aufmerksamkeit von Joachim Kozlowski, Umbetter im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und Michaela Losse, beim Amt Schlieben für das Friedhofswesen zuständig, gilt. Während Kozlowski in den nunmehr mehr als zehn Jahren aufgehört hat, die Kriegstoten zu zählen, die er aus notdürftigen Gräbern herausgeholt und einer würdigen Bestattung zugeführt hat, ist es für die noch frisch im Amt tätige Michaela Losse die erste Umbettung, die sie miterlebt. Was wird man finden?

Soldaten zum Kriegsende erschossen im Wald aufgefunden

Bekannt ist nur aus den Erzählungen von Krassigern, dass zum Ende des Zweiten Weltkriegs drei deutsche Soldaten im Wald mit Genickschuss aufgefunden worden seien und hier auf dem Friedhof in das Gruppengrab kamen. Nun hätten die Dorfbewohner angeregt, ihnen eine würdige letzte Ruhestätte am Denkmal für die Opfer des Faschismus in Schlieben zu geben, berichtet Michaela Losse.

 Drei bestattete Soldaten. Drei Särge mit den Überresten der Toten. Am 15. Juni werden sie zum Tag der Bundeswehr nach Schlieben umgebettet.
Drei bestattete Soldaten. Drei Särge mit den Überresten der Toten. Am 15. Juni werden sie zum Tag der Bundeswehr nach Schlieben umgebettet. FOTO: LR / Sylvia Kunze

Nach Absprachen mit Landkreis und Land, vor allen auch hinsichtlich der Genehmigung und Finanzierung des Vorhabens, ist nun der Umbetter vor Ort. Die Arbeit beginnt. Jens Poser vom Schliebener Bauhof senkt vorsichtig die Schaufel vom Minibagger auf das Grab und beginnt Zentimeter um Zentimeter mit dem Abtragen der Erde. Viele Wurzeln haben sich breitgemacht. „Ein Alptraum. Koniferen auf Friedhöfen müssten verboten werden“, kommentiert der Spezialist. Nur mit einem Spaten wäre es für ihn eine sehr mühsame Arbeit geworden.

Erst Bagger, dann Spaten, dann Schaufel

 Zum Schluss werden die Schädel der drei Soldaten aus dem Erdreich geholt. Von einem lassen sich nur Einzelteile finden.
Zum Schluss werden die Schädel der drei Soldaten aus dem Erdreich geholt. Von einem lassen sich nur Einzelteile finden. FOTO: LR / Sylvia Kunze

Der Spaten kommt erst zum Einsatz, als sich die Baggerschaufel eine Schicht ins Erdreich gearbeitet hat und ein erster Knochen auftaucht. Von nun an wird noch vorsichtiger agiert. Kozlowski steht längst auch mit einem kleinen Schäufelchen bereit, um die Feinarbeit zu leisten. Die wird schon bald nötig.

Es zeichnet sich ab, dass die Überlieferung der Krassiger nicht ganz falsch sein kann. Nach dieser sind die drei Toten auf einer Tür liegend übereinander bestattet worden. Immer mehr Knochen treten zu Tage. Auch Beifunde bleiben nicht aus. So haben die Schuhe der Soldaten die vielen Jahre in der Erde noch relativ gut überstanden. Eine Pfanne kommt zum Vorschein. Ein altes Verbandspäckchen. Das Mundstück einer Pfeife. Essgeschirr. Und ganz in der Ecke ist noch was Glänzendes.

 Knochen, Feldgeschirr, eine Pfanne, eine Uhr, Schuhe und andere, kleinere Hinterlassenschaften — mehr ist von den Männern nicht mehr übrig.
Knochen, Feldgeschirr, eine Pfanne, eine Uhr, Schuhe und andere, kleinere Hinterlassenschaften — mehr ist von den Männern nicht mehr übrig. FOTO: LR / Sylvia Kunze

Auch persönliche Dinge der Soldaten im Grab zu finden

Es ist eine alte Uhr. Keine Armbanduhr, sondern eine, die vielleicht irgendwann mal in einem Zimmer gehangen hat. Der Umbetter ist darüber nicht erstaunt: „Man glaubt es kaum, was die Soldaten alles mit sich herumgeschleppt haben, um Erinnerungen an zu Hause zu haben“, sagt er und legt die Uhr zu den anderen Fundstücken. Dort liegen auch schon ein Glas, auf dem noch die Aufschrift Lauchstätter Brunnen zu erkennen ist, und eine Brieftasche. Aber ohne nennenswerten Inhalt. Ein paar Münzen. Mehr nicht. Keine Hinweise auf den Besitzer.

 Die Münzen geben leider keinen Aufschluss auf die Herkunft der Beigesetzten. Auch ein Ehering, wie manchmal bei solchen Funden, ist nicht dabei.
Die Münzen geben leider keinen Aufschluss auf die Herkunft der Beigesetzten. Auch ein Ehering, wie manchmal bei solchen Funden, ist nicht dabei. FOTO: LR / Sylvia Kunze

Die Knochen werden sorgsam in Umbettungswannen gesammelt. Ein Oberarmknochen weist beispielsweise eine Fraktur auf. Die wird später dokumentiert. Selbst die kleinen Zehen, die noch in den Schuhen stecken, pult Kozlowski heraus und legt sie dazu. Er arbeitet alles sauber ab, wie er sagt. Schimpft zwischendurch mal über die undankbare harte Erde und macht besonnen weiter.

Zum Schluss werden die drei Schädel herausgeholt

„Manchmal finde ich die Toten zusammengehockt oder mit dem Kopf voran auf“, berichtet der Mann. Hier in Krassig haben sie eindeutig gelegen, allerdings „kreuz und quer. Ich werde sie wohl nicht voneinander trennen können“, vermutet er und schiebt nach: „Sie sind übereinander im Grab abgelegt worden.“

Joachim Kozlowski hat sich nach und nach vorgearbeitet. Längst weiß Michaela Losse, dass rostbraune Stellen im Erdreich für ihn besonders interessant sind. Dort werden weitere Knochenfunde erwartet. Und genau so ist es auch hier in Krassig. Zum Schluss hebt der Umbetter die drei Schädel aus dem Grab. Einer davon ist völlig zertrümmert. Die anderen beiden nicht.

Keine Details, die auf die Identität der Toten deuten, gefunden

Zum Schluss wird das Erdreich noch einmal genau kontrolliert, ob nicht etwa was übersehen wurde. Aber alles Suchen ist vergebens. Weder Erkennungsmarken noch andere Dinge, die über die Herkunft der drei Kriegstoten Aufschluss geben könnten, lassen sich finden.

Das ist ein Stück weit unbefriedigend. Kozlowski, übrigens der einzige Umbetter, der für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Deutschland tätig ist, weiß, dass viele Familien noch heute unwissend über das Schicksal ihrer Familienangehörigen sind, die womöglich auf den Schlachtfeldern des Krieges ihr Leben ließen oder in den Wirren des Infernos irgendwo in der Fremde starben. Den Toten ein würdiges Grab und Angehörigen Gewissheit zu geben, treibt ihn an.

Er nähert sich den Toten mit Respekt

Als Sanitäter bei der Bundeswehr hatte er vor vielen Jahren den ersten Kontakt zum Volksbund. Seitdem habe ihn die Geschichte nicht mehr losgelassen. Zuerst arbeitete er erst einmal ehrenamtlich mit. Vor zehn Jahren wurde daraus eine hauptamtliche Beschäftigung.

 „Kozlowski nähert sich den Toten mit Respekt. Das unterscheidet ihn von vielen anderen, die da nur ein paar Knochen sehen“, sagt Oliver Breithaupt, Geschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Brandenburg, über ihn. Er schätzt an seinem Mitarbeiter dessen Ruhe, Sachlichkeit und Kompetenz.

Der Umbetter hat in Krassig erst einmal seine Arbeit beendet. Bei ihm zu Hause geht es dann ans Dokumentieren, Untersuchen, Recherchieren. „Alter und Größe lassen sich anhand der aufgefundenen Knochen noch ermitteln“, sagt Kozlowski. Die Todesursache, sofern sie knöcherner Art ist, wird er vermutlich in diesem speziellen Fall nicht herausfinden. „Es wäre toll, wenn sich im Kirchenarchiv noch Hinweise auf die drei Männer finden ließen.“ Michaela Losse hat sich schon mit dem Schliebener Pfarrer dazu in Verbindung gesetzt. Vor Ort wird inzwischen die Grabfläche wieder eingeebnet. Bald wächst nicht nur sprichwörtlich das Gras darüber.

Umbettung am 15. Juni in Schlieben

Aber in Vergessenheit geraten die drei Krassiger Soldaten dennoch nicht. Am 15. Juni, zur Eröffnung des Tages der Bundeswehr in Schlieben, sollen sie am Denkmal für die Opfer des Faschismus auf dem Schliebener Friedhof eine neue, würdige letzte Ruhestätte finden. Und die Hoffnung bleibt: Vielleicht hat Joachim Kozlowski bis dahin doch noch etwas mehr über die drei Männer herausfinden und ihnen ein Gesicht, einen Namen und damit ihren Angehörigen Gewissheit verschaffen können.

Umbettung von Kriegssoldaten in Krassig FOTO: LR / Sylvia Kunze