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| 16:39 Uhr

Stadtpolitik
„Ich bin für alles offen“

Michael Oecknigk geht am Dienstag in seine letzte Woche als Herzberger Bürgermeister.
Michael Oecknigk geht am Dienstag in seine letzte Woche als Herzberger Bürgermeister. FOTO: Rudow / LR
Herzberg. Herzbergs scheidender Bürgermeister spricht über seine Amtszeit mit Höhen und Tiefen.

Am 2.Januar beginnt für Michael Oecknigk (CDU) die letzte Arbeitswoche als Herzberger Bürgermeister. Zur Wahl im September ist er nicht mehr angetreten. Ab dem 8. Januar wird Karsten Eule-Prütz das Amt übernehmen. Die RUNDSCHAU hat sich ausführlich mit Michael Oecknigk über seine Amtszeit, über die Höhen und Tiefen, die Erfolge und Niederlagen, unterhalten.

Herr Oecknigk, wie lange waren Sie Herzbergs Bürgermeister?

M. Oecknigk: Seit dem 7. Januar 1994. Am 1. Juli 1990 bin ich Beigeordneter des damaligen Bürgermeisters Bernhard Willner geworden. Am 6. Januar 1992 ist Bernhard Willner aus dem Amt ausgeschieden und ich habe bis zum 30. November 1990 als Bürgermeister amtiert. Dann kam Gerhard Todte, allerdings krankheitsbedingt nur für eine kurze Zeit. Bei der Direktwahl am 5. Dezember 1993 wurde ich zum Bürgermeister gewählt und habe das Amt am 7. Januar 1994 angetreten.

Sie haben stets so gern davon gesprochen, dass sie von Beruf Bäcker sind. Wie kommt man aus einer Backstube ins Rathaus? Wollten Sie schon immer in die Politik?

M.Oecknigk: 1985 war ich Betriebsteilleiter in der Konsumbäckerei, aber ich wollte mehr. Mein damaliger Direktor war in der CDU, so bin ich zur CDU gekommen und habe 1986 in Weimar angefangen, Staat und Recht zu studieren. Das Studium habe ich 1990 abgeschlossen. Das war eine aufregende Zeit. Ich war in Herzberg bei den Demos dabei und war Protokollant am runden Tisch. Bei einem CDU-Politfrühschoppen in Fermerswalde im März 1990 wurde auch die Frage diskutiert, wer denn in Herzberg Bürgermeister werden soll. Und da hat der Büdinger Bürgermeister gemeint: Der Michael kann es doch machen. Und so nahm die Sache ihren Lauf. Ich bin eigentlich ins Rathaus gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Für mich war die Wende ein Glücksfall und ich war gern bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Sie haben die Geschicke der Stadt in der spannenden Zeit des Umbruchs geführt. Wenn Sie zurückblicken, was waren für Sie die größten Herausforderungen?

M. Oecknigk: Herzberg war zu Beginn der 1990er Jahre eine graue Maus. Ich war aber damals erstaunt darüber, welche Substanz wir dennoch hatten. Doch es gab in der Stadt natürlich jede Menge zu tun. Ich sehe noch heute, wie im alten Krankenhaus die frisch Operierten über den Hof von einem Haus zum anderen gefahren wurden. Und ich bin Regine Hildebrandt, Dr. Erhard Wolf, Paul Sellmann und dem damaligen Landrat  Wilfried Schrey noch immer dankbar dafür, dass sie es gepackt haben, den Krankenhausneubau auf den Weg zu bringen. Wir konnten ihn schon 1997 einweihen. Oder das Klärwerk. Wir waren der erste Altkreis, der ein Klärwerk gebaut hat, mit 50-prozentiger Förderung. Am 27. November 1993 war Einweihung. Das war Wahnsinn. Das Gewerbegebiet und die Vermarktung der Grundstücke war hingegen eine ganz schwierige Kiste. Dafür haben wir extra eine GmbH gegründet. Der erste Spatenstich am 1. März 1993 war wie eine Erlösung.

Auch die Sanierung der denkmalgeschützten Innenstadt war eine Mammutaufgabe.

M. Oecknigk. Selbstverständlich. Für die Erschließung mussten wir die gesamte Stadt aufreißen. Da hat’s so manches mal auch richtig gescheppert. Wir haben dann ein Sanierungsprogramm aufgestellt und einen Sanierungsausschuss gebildet, in dem alle Interessen vertreten waren. Als die ersten Straßenzüge und der Markt fertig waren, haben die Leute begriffen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Und man darf nicht vergessen, wir haben von Bund und Land sehr viel Unterstützung bei der Innenstadtsanierung erhalten. Beim Wohnungsbau sind wir mit der Wohnungsbaugesellschaft gut gefahren. Nord war ja erst 1988 fertiggestellt worden, das hat erst mal gereicht. Wir haben uns von KfW-Krediten nicht beeindrucken lassen, und das war richtig so.

Es hat in ihrer Amtszeit aber auch Tiefschläge gegeben.

M. Oecknigk: Sicherlich. Ein ganz bitterer Schlag war auch für mich unser Vorzeigebetrieb Grohe. Binnen weniger Wochen wurde er runtergewirtschaftet. Bei einer Sicherheitstagung später in Bonn habe ich einen Holländer kennengelernt und ihm davon erzählt. Der war mit einem Verantwortungsträger der Muttergesellschaft der Firma Siedle befreundet, die später die Galvanik übernommen hat. So ist der Kontakt damals zustande gekommen.

Ein weiterer Punkt, der mich grämt, ist der Hochwasserschutz. Da ist bisher nichts passiert außer Papier. Warum geht es in Sachsen-Anhalt? Warum haben wir so viel Bürokratie? An den Deichen ist nichts zu sehen. Dafür legt man den Leuten Karten zu Überschwemmungsgebieten hin. Das nächste wäre die Verkehrsinfrastruktur. Da ist eigentlich gar nichts gelaufen, weder bei den Straßen noch bei der Schiene. Die Argumente zur A 16, die wir 2000 angebracht haben, waren eigentlich die gleichen, wie sie jetzt von den Landräten in der Torgauer Erklärung vorgetragen werden. Ich frage mich, warum wir nicht vorangekommen sind. Warum ist es uns nicht gelungen, das Interesse in den Ministerien zu wecken, denn dort spielt die Musik. Haben wir nicht genug gekämpft? Das beschäftigt mich.

Herr Oecknigk, ist es etwas anderes, heute Bürgermeister zu sein als noch vor 20 oder 25 Jahren?

M. Oecknigk: Ja. Die Institution Bürgermeister hat sich verändert. Das jüngste Messerattentat gegen einen Bürgermeisterkollegen in NRW bestätigt mir das. Man ist nicht mehr die angesehene Amtsperson. Als Bürgermeister ist man heute Blitzableiter. Respekt und Rücksicht gibt es nicht mehr. Es ist sehr leicht zu sagen: Die da oben. Freiheit heißt aber auch, Verantwortung zu übernehmen. Ich frage mich, was ich getan habe, dass über Facebook so eine Kampagne gegen mich gefahren wurde. Mit mir kann man streiten. Es geht doch um die Stadt. Ich werde das für mich analysieren und chronologisch aufarbeiten. Seit dem runden Tisch habe ich mir kontinuierlich Notizen gemacht.

Es ist aufgefallen, dass es vor allem in den letzten beiden Jahren nicht mehr so harmonisch in den Gremien der Stadt zugegangen ist.

M. Oecknigk: Politische Arbeit ist eine Sache von Protagonisten. Es gibt bei uns aber Leute, die Probleme mit der Wahrheit und der gegebenen Situation haben und die sich dazu nicht mehr bekennen. Früher gab es ein Wort, einen Handschlag, Beschlüsse, Vereinbarungen oder Versprechen. Wenn das gebrochen wird, ist das Vertrauen weg. Warum sagt ein Unternehmer aus Gräfendorf: Der Oecknigk muss weg. Obwohl wir im gleichen Boot sitzen. Nur weil ich meinen Unmut über den Wechsel des Gymnasiumsstandortes geäußert habe? Dabei haben Vertreter des Landkreises versprochen, dass der Kreis uns mit dem Gymnasium entgegenkommt, wenn die Stadt ein Gebäude für die Asylbewerberunterkunft zur Verfügung stellt.

In Herzberg geht es nur noch um einen Generationswechsel im Rathaus. Die Vorsitzende der SPD-Fraktion in der SVV Sandra Nauck hat mich vor längerer Zeit gefragt, ob ich nochmal zur Wahl antrete. Ich habe ihr damals gesagt, dass ich das gern tun würde, schon, um jemanden an die Hand zu nehmen und auf das Amt vorzubereiten. Anfang vergangenen Jahres habe ich mich aber anders entschieden. Es gibt kein Miteinander mehr. Ich blicke manchmal etwas neidisch nach Schlieben oder Uebigau-Wahrenbrück, wenn sie ihre historischen Ratssitzungen machen. Dort gibt es keine Aversionen gegeneinander oder Machtkalkül.

Das klingt etwas verbittert. Schauen Sie dennoch mit Wehmut auf Ihre lange Amtszeit zurück?

M. Oecknigk: Aber selbstverständlich. Es gab so viele schöne Momente und menschliche Begegnungen. Als Standesbeamter zum Beispiel. Am Mittwoch vollziehe ich noch einmal eine Trauung. Das Paar möchte unbedingt von mir getraut werden. Ich freue mich auch, dass die Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen am Donnerstag in Herzberg noch einmal in meiner Amtszeit ein Denkmal des Monats auszeichnet. Auf der anderen Seite bin ich aber auch betrübt über das, was wir nicht geschafft haben. Es standen so viele Träume in meinen Wahlprogrammen. Dazu gehören der Botanische Garten und die Marxsche Villa. Das Thema Sportplatz und Kegelbahn tut mir sehr weh. Problematisch ist auch der Punkt Mittelzentrum. Die Entscheidung von Falkenberg und Uebigau-Wahrenbrück, sich der Kurstadtregion anzuschließen, respektiere ich. Ich weiß, dass den Städten unsererseits zu wenig Offenheit entgegengebracht wurde. Aber wir können nicht nur mit dem Geldbeutel rumlaufen.

Wo sehen Sie Herzberg in 20 Jahren?

M. Oecknigk: Das ist abhängig  von zentralistischen Prioritäten. So werden zum Beispiel ausgeglichene Haushalte gefordert, wofür die Chance in Herzberg für den Haushalt 2013 nach der Prüfung groß ist. Und dafür werden wir dann bestraft und dürfen anteilig Millionen an das Land zurückzahlen, die der HWAZ bekommen hat.

Für Herzberg hoffe ich, dass alles so aufgeht, wie wir es uns vorstellen. Dass der Frieden in der Stadt erhalten bleibt, dass es spürbare Verbesserungen in der Infrastruktur gibt, dass der Prozess der Inklusion vorangetrieben wird, Investitionen an öffentlichen Gebäuden möglich sind und dass die Bürger keine Angst mehr vor Hochwasser haben müssen. Gespannt bin ich, wie und worauf sich Schliebens Amtsdirektor Andreas Polz,   Schönewaldes Bürgermeister Michael Stawski und Karsten Eule-Prütz verständigen werden. Wenn ein Mittler gebraucht wird, stehe ich gern zur Verfügung.

Apropos Karsten Eule-Prütz. Wie stehen Sie zu Ihrem Nachfolger?

M. Oecknigk: Wir haben zusammengesessen und ich habe ihn umfassend informiert. Er ist erfahren genug. Ich muss ihm keinen Unterricht erteilen. Ich habe versprochen, dass ich da bin, wenn er anruft. Herr Eule-Prütz hat eine andere Herangehensweise, das ist in Ordnung. Aber Geld drucken kann auch er nicht.

Sie haben öfter davon gesprochen, dass sie nicht vorhaben, von der Bildfläche zu verschwinden.

M. Oecknigk: Ich gehe, wohin der Wind sich dreht und bin für alles offen. In einer Demokratie gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen. In der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU werde ich auf Bundesebene weiter arbeiten. Auch meine ehrenamtliche Arbeit in der Lutherwegsgesellschaft werde ich vorantreiben. Da ist viel liegen geblieben und ich danke meinem Kollegen Herold Quick für seine Arbeit. Ich werde keine Langeweile haben.

Aber auf jeden Fall mehr Zeit für private Aktivitäten.

M. Oecknigk: Meine Mutter sagt scherzhaft, ich werde vom Bürgermeister zum Hausmeister. In gewisser Weise stimmt das auch. Zu Hause ist viel liegen geblieben. Die Kinder warten auf dem Grundstück in Baden Würtemberg auf Hilfe. Ich will mit der Familie verreisen. Außerdem möchte ich wieder Fahrrad fahren und die Tour de France nicht nur vom Straßenrand erleben, wie letztes Jahr. Ich möchte mal den Alpe d‘Huez hoch mit dem Rad. Runter kann ja jeder.

Mit Michael Oecknigk sprach
Birgit Rudow.

Diese Aufgabe hat Michael Oecknigk in seiner Amtszeit oft und gern erledigt: Straßen, Gebäude oder Denkmäler feierlich einweihen, wie im vergangenen Jahr den sanierten Glockenturm in Borken.
Diese Aufgabe hat Michael Oecknigk in seiner Amtszeit oft und gern erledigt: Straßen, Gebäude oder Denkmäler feierlich einweihen, wie im vergangenen Jahr den sanierten Glockenturm in Borken. FOTO: Dieter Müller / Müller Dieter