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Herzberger Apotheken ermöglichen Praktikum

Die syrische Apothekerin Fareeda Abdou (l.) ist mit ihrer Familie seit September 2015 in Deutschland und macht jetzt Praktika in Herzberger Apotheken, wie hier bei Ilka Kube in der Phoenix-Apotheke.
Die syrische Apothekerin Fareeda Abdou (l.) ist mit ihrer Familie seit September 2015 in Deutschland und macht jetzt Praktika in Herzberger Apotheken, wie hier bei Ilka Kube in der Phoenix-Apotheke. FOTO: Kammer
Herzberg. Derzeit beginnt für viele Flüchtlinge der berufliche Neueinstieg. Herzbergs Geschäftsinhaber, wie Apothekerin Ilka Kube, unterstützen das Vorankommen der Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt. Fareeda Abdou absolvierte ein Praktikum in ihrer Apotheke. Stephanie Kammer

Drei Monate lang absolvierte die aus Syrien stammende Fareeda Abdou ein Praktikum in der Phoenix-Apotheke in der Leipziger Straße in Herzberg. Fortgesetzt wird es nun in der Adler-Apotheke im Stadtzentrum. Diese ersten Berufserfahrungen fern der alten Heimat sind ein wichtiger Schritt, um eine Berufsanerkennung in Deutschland zu erhalten.

Heile Welt zerstört

Fareeda Abdou besaß bis vor gut zwei Jahren noch eine eigene Apotheke mit vier Mitarbeiterinnen im Umland von Aleppo, erzählt sie. Als 2012 der Krieg in Syrien begann, schien die Welt der heute 36-Jährigen Syrerin mit kurdischen Wurzeln noch heil. Ihr drittes Kind war gerade geboren. Doch auf dem Weg von der Klinik nach Hause hatte die Familie ein schreckliches Erlebnis. Ihr Familienauto wurde an einer Straßenkontrolle des Militärs gestoppt. Nur wenige Meter entfernt wurde ein weiterer Pkw angehalten. Die Insassen weigerten sich auszusteigen. Wie Fareeda Abdou berichtet, erhielt ein Panzer ein Handzeichen von einem Sicherheitsmann und fuhr über den voll besetzten Wagen. Für Fareeda Abdou und ihre Familie, die Augenzeugen dieser Hinrichtung waren, war die einst heile Welt unwiderruflich zerstört.

Es fehlte an allem

2014 geriet ihr Mann, Zahnmediziner und Mitarbeiter im Gesundheitsamt des Aleppo-Distriktes, ins Visier von IS-Milizen, die Kurden gezielt verfolgen. Er wurde zusammengeschlagen, erpresst und zur Flucht aufgefordert. Ein befreundeter Arabischlehrer war wenige Tage zuvor vor laufender Handykamera ermordet worden. Der Weg quer über das Mittelmeer nach Europa erschien weniger lebensbedrohlich, als zu bleiben.

Fareeda Abdou musste ihre zwei Töchter und den kleinen Sohn anderthalb Jahre lang selbst durchbringen. Sie arbeitete und kümmerte sich um die Versorgung. Als ihr Heimatort von IS-Truppen belagert worden war, fehlte es an allem: Brot, Benzin, Strom, Telefonnetz. An Schulbetrieb war nicht zu denken. Dafür wurde die von den Kurden abgelehnte Verschleierung erzwungene Normalität, berichtet sie.

Schnellstmöglich arbeiten

Nachdem der Familiennachzug ins Rollen kam, ließ die beherzte Kurdin ihr Zuhause und die Apotheke zurück. Vier Monate harrte sie mit den Kindern im bombardierten Damaskus aus, um über Beirut im September 2015 nach Deutschland kommen zu können. Bereits einen Monat nach der Ankunft saß Fareeda Abdou im Integrationskurs der Volkshochschule Herzberg. Die Kinder gingen zur Schule und in die Kita. Doch der Krieg Zuhause geht weiter. Russische Flieger bombardieren den Norden des Landes, auch die Apotheke von Fareeda wird getroffen, viele Verwandte leiden unter Kriegseinwirkungen.

Dennoch geht die studierte Apothekerin nicht mutlos durch die Welt. "Wir wünschen uns, schnellstmöglich arbeiten zu können. Wir gehen positiv durchs Leben und hören nicht auf zu lernen", zeigt die junge Frau unerschütterlichen Optimismus.