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| 16:12 Uhr

Regionalgeschichte
Eine verschlossene Tür weit aufgestoßen

 Stephanie Kammer und Ulf Lehmann haben bei der Vorstellung von „Herzberg unterm Hakenkreuz“ sich und ihrem Publikum am Mittwochabend viel abverlangt.
Stephanie Kammer und Ulf Lehmann haben bei der Vorstellung von „Herzberg unterm Hakenkreuz“ sich und ihrem Publikum am Mittwochabend viel abverlangt. FOTO: LR / Rudow
Herzberg. „Herzberg unterm Hakenkreuz“ ist eine Dokumentation über das wohl dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte. Auf der Vorstellung muten die Autoren Stephanie Kammer und Ulf Lehmann den Zuhörern viel zu. Von Birgit Rudow

Wie soll man sie beschreiben, die Stimmung unter den mehr als 200 Zuhörern am Mittwochabend im Bürgerzentrum, als die letzten Takte  der von Ulf Lehmann gesungenen und von Sebastian Pöschl am Flügel begleiteten Reichstagsbrand-Moritat im Mackie-Messer-Gewand verklungen waren? Bedrückt, nachdenklich, erschüttert und zugleich beeindruckt? Es war wohl von jedem etwas.

Dunkelstes Kapitel von Herzbergs Stadtgeschichte

Stephanie Kammer und Ulf Lehmann, das Paar, das beruflich wie ehrenamtlich eng mit der Regionalgeschichte verbunden ist, hat etwas vollbracht, was längst fällig war. Es hat die Zeit des Nationalsozialismus, „das womöglich dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte“ in Herzberg, beleuchtet. Bis die Dokumentation „Herzberg unterm Hakenkreuz“ fertig auf dem Tisch lag, war es ein langer Weg. In Herzberg lag Jahrzehnte der Mantel des Schweigens über dieser Zeit.

 Das Interesse der Herzberger an der Dokumentation „Herzberg unterm Hakenkreuz“ war groß und der Saal voll. Neben vielen Älteren war auch die junge Generation gekommen.
Das Interesse der Herzberger an der Dokumentation „Herzberg unterm Hakenkreuz“ war groß und der Saal voll. Neben vielen Älteren war auch die junge Generation gekommen. FOTO: LR / Rudow

Der endgültige Auslöser, sich ihr intensiv zu widmen, sei der aktuelle Rechtsruck in der Gesellschaft gewesen, erklärte Stephanie Kammer. Hätte ihr früher jemand gesagt, „dass dieses Buch in einer Zeit erscheint, in der Populisten und ziemlich fragwürdige Menschen ein Wahlamt nach dem anderen gewinnen, dann hätte ich gesagt: unmöglich“, so die Autorin am Mittwochabend.

Bis zur Wende sei die Erinnerungskultur der vorgefertigten sozialistischen Geschichtsarchitektur gefolgt. Nach Wende und Wiedervereinigung seien dann die Fragen gekommen.

Materialsammlung „Herzberg unterm Hakenkreuz“

Kammer erzählt von den Anfängen der Aufarbeitung in jüngerer Zeit, auf denen sie aufbauen konnte. Auf den  Lehrer Frank Träger, der sich mit Schülern mit Schicksal der Herzberger Kaufmannsfamilie Schlesinger befasste, die im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Auf das Sender-Buch von Horst Knuppe, auf  das Gespräch mit der kürzlich verstorbenen Irmgard Straach, die eher beiläufig von der Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters in Neunaundorf erzählte.

Kammer und Lehmann kauften Nachlässe auf, durchforsteten  Archivmaterialien und erstellten durch Leihgaben von Geschichtsfreunden eine Materialsammlung, die in dem Buch „Herzberg unterm Hakenkreuz“ mündete.

Die Autoren haben nach einer Form gesucht, wie sie Buch und Zeit vorstellen sollten. Sie haben sich für eine szenisch-künstlerische Lösung entschieden und diese so hervorragend umgesetzt, dass es dem Publikum Tränen in die Augen und Klöße in die Hälse trieb.

Nationalsozialismus in Herzberg in allen Facetten

Eingebettet in drei Teile der Reichstags-Moritat (Wer hatte Ulf Lehmann dieses musikalische Talent zugemutet?) widmete sich Stephanie Kammer der Geschichte des Nationalsozialismus und ihren „Geschichten“ in Herzberg, von der des feingeistig konservativen Bürgermeisters Walter Sourell, vom Kopf des NSDAP-Kreisverbandes Reinhold Fritsche, vom hin- und hergerissenen Heimatkalender-Schreiber Fritz  Stoy, von den Pfarrern der Bekennenden Kirche, vom Widerstand eines Gerd von Tresckow bis zur Ermordung von Zwangsarbeitern. Über allem steht die Wahrheit, dass der Nationalsozialismus trotz tapferen Widerstandes in Herzberg in all seinen Facetten zu Hause war.

 Ulf Lehmann schlüpfte im Monolog in die Rolle einiger Akteure des Dritten Reiches in Herzberg. Künstlerisch war dies eine Glanzleistung.
Ulf Lehmann schlüpfte im Monolog in die Rolle einiger Akteure des Dritten Reiches in Herzberg. Künstlerisch war dies eine Glanzleistung. FOTO: LR / Rudow

Untersetzt wurden diese bedrückenden und von Sebastian Pöschl musikalisch noch bekräftigten Darlegungen durch Ulf Lehmann, der in die Rolle von Akteuren des Dritten Reiches in Herzberg schlüpfte. Und er brachte das Publikum in den Zwiespalt, der künstlerischen Leistung Beifall zu zollen, wo ihn die inhaltliche Realität gar nicht zuließ.

Herzberger Stadtgeschichte bewahrt

Stephanie Kammer und Ulf Lehmann haben ihren Zuhörern viel zugemutet. Aber der Punkt dafür war längst gekommen. Die meisten derer, die noch weiter zur Aufarbeitung dieser Zeit beitragen könnten, leben nicht mehr.

Kammer und Lehmann gehört der Verdienst, einen unfassbaren Teil der Stadtgeschichte zumindest in großen Teilen bewahrt zu haben. Sie sind durch eine lange verschlossene Tür gegangen. Vor allem die Herzberger Jugend muss es ihnen gleich tun. Gerade jetzt.