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| 02:42 Uhr

Herzberg und Melanchthon

Die Melanchthonbüste am Herzberger Gymnasium.
Die Melanchthonbüste am Herzberger Gymnasium. FOTO: ru
Herzberg. Die Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen in Brandenburg hat das Reformationsjubiläum 2017 fest im Blick. Herzberg liebäugelt sogar mit der Beantragung des Zusatzes "Melanchthonstadt" im Ortsnamen. Wie das Wirken Philipp Melanchthons in Herzberg aussah, untersucht der Potsdamer Historiker Mario Huth in einem Vortrag "Reformation in Herzberg am Rande des Schlachtfeldes". Birgit Rudow /

Der Titel des Vortrags von Mario Huth sagt es schon: ". . .am Rande des Schlachtfestes". Herzberg war mit Sicherheit kein Zentrum der Reformation. Woraus sich aber nicht zwangsläufig schließen lässt, dass der Stadt eine unbedeutende Rolle in dieser für die Weltentwicklung so bedeutsamen Zeit im 16. und 17. Jahrhundert zukommt. Im Gegenteil. Mario Huth hat herausgearbeitet, dass es durchaus enge Verbindungen verschiedener Reformatoren aus dem Umkreis Luthers zu Herzberg gab und dass diese Verbindungen heute noch Fragen aufwerfen. Luther und Melanchthon, so fasst es Huths Vortrag zusammen, waren mindestens je einmal persönlich in Herzberg gewesen - Luther am 25. April 1522 und Melanchthon nachweislich vom 17. bis 23. Dezember 1533. Auch der Reformator Justus Jonas, der Luther zum Reichstag nach Worms begleitet hatte, war am 3. April 1529 in Herzberg.

Viel Briefkorrespondenz

Überliefert ist ebenfalls ein reger Briefverkehr. Allein zwölf Briefe Melanchthons, so Mario Huth, befassten sich mit der Stadt Herzberg. Auch die Schulordnung wurde thematisiert. Es gebe Beweise für die Existenz der Herzberger Schulordnung (1538), allerdings sei ihr Original noch nicht gefunden, so der Historiker. Auf Empfehlung Melanchthons wurde der in Herzberg geborene Gelehrte Johannes Clajus (der 1578 die "Grammatica Germanicae Linguae" herausgab) 1559 in Herzberg in den Schuldienst aufgenommen.

Die Kontakte des Kreises der Reformatoren ist aber nur ein Teil der Widerspiegelung der Reformation in und um Herzberg. Huth nennt als weitere Indizien den Fundus historischer Bausubstanz und die Rezeptionsgeschichte. Das heißt, wie mit der Reformation in der Stadt, in der Bevölkerung umgegangen wird.

Mittelalterliche Bausubstanz, so Huth, ist in Herzberg wegen der zahlreichen Brände im Laufe der Jahrhunderte kaum noch zu finden. Da gebe es die Stadtkirche St. Marien, die Katharinenkapelle, Reste des Klosters und Reste der Stadtmauer. Indizien für die Bedeutung der Reformation in den Augen der Bürgerschaft seien bis in die heutige Zeit Straßennamen, das Gymnasium oder der Wunderstein. Auch die Lutherfestspiele in der Stadt 1892 und 1933 blieben nicht unerwähnt.

Erst auf halbem Weg

Trotz seiner intensiven Beschäftigung mit Herzberg und der Reformation weist Mario Huth darauf hin, dass in dem Thema noch sehr viel Potenzial steckt. Höhere Archive wie Merseburg, Magdeburg oder Weimar seien noch gar nicht in die Forschung einbezogen worden. "Wir sind bisher nur den halben Weg gegangen", so der Historiker. Unklar sei zum Beispiel noch, warum sich Luther, Melanchthon oder auch Jonas so sehr für die Belange Herzbergs interessierten, und was der Grund dafür war, die Auslagerung der Wittenberger Universität nach Herzberg mehrmals ins Auge zu fassen.

Reformation - städtischer Alltag

Die spannende Frage, auf die sich die Zuhörer im gut gefüllten Bürgersaal von dem Historiker eine Antwort erhofften, war die, wie eng die Verbindungen von Philipp Melanchthon zu der Stadt waren und ob sein Wirken in Herzberg den Zusatznamen "Melanchthonstadt" im Städtenamen rechtfertigt.

Da wollte der Historiker sich nicht festlegen. An seiner Wortwahl aber war erkennbar, dass er zumindest nicht ohne Zweifel ist. Der Briefwechsel allein sei kein Alleinstellungsmerkmal. Melanchthon habe mit mehr als 100 Städten korrespondiert, sagt er. Die Schulordnung von 1538 sei bedeutend für die Schulentwicklung in Herzberg gewesen, darüber hinaus aber nicht.

Dieser These setzte die Herzberger Gymnasiallehrerin Dr. Heike Drobner-Dechering, die ihre Doktorarbeit zu Johannes Clajus geschrieben hat, eine andere Meinung entgegen. Sie meint, dass die Schulordnung von Melanchthon aus dem Jahr 1538 durchaus für ganz Deutschland von Bedeutung war, weil die Herzberger Schule eine Lateinschule war. Huth erwiderte, dass die Melanchthon-Schulordnung von 1538 zwar eine Weiterentwicklung der sächsischen Ordnung von 1528 war, dies aber vor allem für Herzberg. Die Grundstruktur des Drei-Klassen-Aufbaus, eines Schulleiters, eines Schuldieners und Latein tauche in allen Schulordnungen auf. Besonderheiten der Herzberger Schulordnung tauchten hauptsächlich in Sekundärliteratur auf. Hier müsse man gezielt nachhaken, so der Historiker.

Herzbergs Bürgermeister Michel Oecknigk (CDU) wollte mit der Veranstaltung die Diskussion in Herzberg zum Beinamen "Melanchthonstadt" eröffnet wissen. Was Philipp Melanchthon betrifft, so gebe es viele in der Stadt, die wissenschaftliche Erfahrungen, Neugier und Enthusiasmus beisteuern könnten, sagte er. "Wir möchten die Menschen animieren, die Reformation allgemein und nicht nur als ein Thema der Kirche zu verstehen. Sie zieht sich durch den städtischen Alltag", so Oecknigk.

Arbeit im Städteverbund

Wie Herzberg hat ein großer Teil der AG "Historische Stadtkerne" das Reformationsjubiläum 2017 im Blick. Zu Beginn des Jahres 2012 schlossen sich Jüterbog, Mühlberg, Herzberg, Treuenbrietzen, Uebigau-Wahrenbrück und Doberlug-Kirchhain, als Mitgliedsstädte der AG "Historische Stadtkerne", sowie Bad Liebenwerda und Brück zu dem "Städteverbund Reformationsjubiläum 2017" zusammen. "Zentrale Ziele des Städteverbundes sind die wissenschaftliche Aufbereitung historischer Grundlagen der Stätten der Reformation in und um diese Städte, die museale und touristische Aufarbeitung zur Vermittlung der Ergebnisse dieser Forschungen sowie die Vermarktung dieses neu geschaffenen kulturellen und touristischen Angebots", heißt es auf der Internetseite der AG. Damit will der Städteverbund über Brandenburg hinaus strahlen.

Wie der Geschäftsstellenleiter der AG "Historische Stadtkerne" Hathumar Drost auf der Veranstaltung in Herzberg erläuterte, sollen 2015 in den Städten touristische Ziele aus der Reformationszeit gekennzeichnet werden. Auf jeden Fall, so Hathumar Dorst, soll es um eine dauerhafte Gestaltung gehen. Ob dann auch der Name "Melanchthonstadt Herzberg" von den Reformationsaktivitäten kündet, wird sich zeigen.