"Die Situation ist ernst und gibt Anlass zur Sorge, weil momentan noch kein Gesamtüberblick vorliegt. Viele Untersuchungen müssen durchgeführt werden", sagt Ilona Schrumpf, die Amtstierärztin des Elbe-Elster-Kreises. Von 612 Rinderstandorten mit 55 700 Rindern im Landkreis stehen 103 Standorte in 73 Agrarbetrieben momentan unter amtlicher Beobachtung. Sie hatten auf irgendeine Art und Weise Kontakt zu einer Milchviehanlage im Raum Sonnewalde, in der das Virus BHV 1 ausgebrochen ist. Das wurde dort am 22. Juli bei der Fehlgeburt einer Kuh festgestellt. Untersuchungen haben auch bei anderen Tieren im Blut Antikörper gegen das Virus nachgewiesen, so die Amtstierärztin. Am 28. Juli wurde deshalb die Rindermast dieses Betriebes sowie andere Betriebsteile gesperrt.

Da der Erreger durchaus auf andere Rinderbestände übertragen worden sein könnte, hat das Amt für Veterinärwesen, Lebensmittelüberwachung und Landwirtschaft sofort begonnen, die Betriebe zu ermitteln, die in Kontakt mit der Anlage bei Sonnewalde standen. "Das sind neben Elbe-Elster auch Rinder haltende Betriebe in Dahme-Spreewald, Teltow-Fläming, Potsdam-Mittelmark, Spree-Neiße, Cottbus und Oder-Spree sowie in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Sie alle stehen unter Beobachtung des zuständigen Veterinäramtes", so Ilona Schrumpf. Das Blut der Tiere müsse untersucht werden. "Das verlangt den Betrieben einen großen Organisations- und Arbeitsaufwand ab und kommt zu der ohnehin schon angespannten wirtschaftlichen Situation in der Landwirtschaft hinzu", sagt die Amtstierärztin. Unablässig sind auch spezielle seuchenhygienische Maßnahmen sowie Einschränkungen im Tier- und Personenverkehr.

Die Kontakte der Agrarbetriebe zu der Anlage bei Sonnewalde wurden zum Teil bis zum 1. Juni zurückverfolgt. Bei Betrieben, die Tiere zukaufen, liegt der Ansatz noch früher. Die Beobachtungen und Untersuchungen dauern noch an, weil die Zeit von einer möglichen Ansteckung bis zum Nachweis im Blut 30 Tage beträgt. Bisher sind keine weiteren Fälle einer BHV 1-Infektion festgestellt worden. Wie genau der Erreger in die Milchviehanlage bei Sonnewalde kam, ist bisher nicht bekannt. Der Erreger kann durch den Austausch von Tieren, aber auch durch Menschen wie Händler, Tierärzte, Besamer oder Klauenpfleger übertragen worden sein. Diese vielen Möglichkeiten machen das Umfeld einer möglichen Ausweitung der Seuche so groß.

Die Situation hat auch wirtschaftliche Auswirkungen. In den unter Beobachtung stehenden Betrieben ist der Tierhandel sehr stark eingeschränkt. Laut Ilona Schrumpf ist er nur mit Genehmigung und unter Einhaltung strengster Seuchenhygienevorkehrungen möglich. Unter strengen Biosicherheitsmaßnahmen dürften Kühe aber besamt und die Milch weiter geliefert werden. "Solange die Tiere nicht erkrankt sind, gibt es auch keine Auswirkungen auf Milchmenge und die Qualität", sagt sie.

Die Sperren müssten zügig aufgearbeitet werden, fordert der Chef des Kreisbauernverbandes Herzberg, Dorsten Höhne. "Ungewöhnlich ist eine solche Seuche nicht. Für unsere Betriebe ist das aber eine neue Situation. Damit müssen wir klarkommen", sagt er. Am Montag soll es in Bönitz eine Infoveranstaltung geben.

Zum Thema:
Das Bovines Herpesvirus Typ 1 (BHV1) kann bei Rindern eine akut verlaufende, hochansteckende Viruskrankheit verursachen. Es können Nasen- und Halsentzündungen auftreten. Eine weitere Form betrifft die Geschlechtsorgane der Tiere. Bei einer Infektion kann es zu Fehlgeburten kommen. Für Menschen ist der BHV 1-Virus nicht gefährlich. Er kann von ihnen aber leicht übertragen werden. Brandenburg ist 2015 für BHV-frei erklärt worden, der Landkreis Elbe-Elster schon einige Jahre früher.