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Großes Theater in Herzberg

Arm gegen reich. Hoffnung in die Reformation mit Anna (hier Chiara Dechering), ihrem Mann Götz (Marco Hammer, Mitte) gegen die Bewahrung des Alten mit Kaufmann Fuchs (Ulf Lehmann r.). Im Hintergrund der Kaufmannssohn (Levi Schmidt).
Arm gegen reich. Hoffnung in die Reformation mit Anna (hier Chiara Dechering), ihrem Mann Götz (Marco Hammer, Mitte) gegen die Bewahrung des Alten mit Kaufmann Fuchs (Ulf Lehmann r.). Im Hintergrund der Kaufmannssohn (Levi Schmidt). FOTO: Sven Gückel/svg1
Herzberg. Zweimal haben die Herzberger Theaterlaien am Wochenende ihr Reformationsspiel "Mein Licht - Der Aufbruch der Anna zu Herzberg" aufgeführt. Die Resonanz war überwältigend. Birgit Rudow

Das war einfach grandios. Zweieinhalb Stunden Theater im Herzen der Stadt, und auf der Bühne standen ausschließlich Herzberger. Leute, denen man täglich begegnen kann. Als Chef des Seniorenzentrums, als Lehrerin, als Gärtner, Schüler am Gymnasium, Sänger im Chor, Zweiradhändler, Elektromeister oder Fußballtrainer. Nicht einer der Akteure hat professionell etwas mit dem Theater zu tun. Es darf aber schon verraten werden: So mancher hat Blut geleckt. Doch dazu später.

Das Elbe-Ester-Land hat sich in den vergangenen drei, vier Jahren regelrecht in das Reformationsjubiläum "reingearbeitet". Die intensive Beschäftigung mit der eigenen Geschichte hat (nicht nur in Herzberg) so einiges zutage befördert, was den Blick auf die Reformation vor der eigenen Haustür geschärft hat. Doch was damit anfangen?

Die Herzberger hatten, inspiriert vom Mittelaltertheater zur Soester Fehde in der Partnerstadt, eine zündende Idee. Sie wurde vor etwa vier Jahren, wie so oft bei solchen Dingen, bei einem guten Glas Wein geboren. Kulturamtsleiterin Karin Jage, die damalige Pfarrerin Jutta Noetzel (sie war am Freitag zur Premiere gekommen) und Fehde-Regisseur Kai Schubert haben das Theaterprojekt ausgetüftelt. Schubert brachte das Stück dann zu Papier. "Die Frage war, was wir erzählen wollen. Es sollte nicht einfach nur die Reformationsgeschichte in Herzberg sein. Da kam mir die Idee mit der Anna", sagt er. Schubert erfand eine ganz persönliche Story um die Herzbergerin Anna im 16.Jahrhundert und stellte sie mitten hinein in die große Reformationsgeschichte um Luther, Melanchthon, Kurfürst Friedrich und Co.

Drei Jahre lang hat der Regisseur mit den Herzberger Laienakteuren an dem Stück gearbeitet. Das Ergebnis hat selbst die größten Optimisten verblüfft.

Heike Drobner-Dechering hatte man im Vorfeld die Hauptrolle der erwachsenen Anna sicher zugetraut. Als Musiklehrerin und Orchesterleiterin am Gymnasium ist sie in der Kunst zu Hause. Die Inbrunst und Glaubwürdigkeit, mit der sie die Anna verkörperte, forderten den Szenenapplaus geradezu heraus.

Mit theatralischem Talent nicht erwarteten Ausmaßes glänzten auch Ulf Lehmann als fieser reicher Kaufmann Fuchs, Jens Ott als Luther, Volkmar Tietze (!!!) als Melanchthon, Chiara Dechering (toll) als junge Anna, Marco Hammer als ewig betrunkener und stotternder Gastwirt, Holger Strieg als Lehrer oder Thorsten Jachalke als Pfarrer Wagner. Alle Nichtgenannten seien um Verzeihung gebeten. Aber fast noch mehr als über die Erwachsenen staunte die Menge über die Kinder auf der Bühne. Einfach verblüffend, wie selbstbewusst die erst siebenjährige Sonja Dechering das Findelkind Anna spielte.

Kai Schubert hat auch die Theatergruppe der Elsterwerkstätten und den Chor pro musica in das Stück integriert. Sieben Herzbergerinnen übernahmen die Rolle als Bäuerinnen und Bürgerinnen. 25 Gymnasiasten waren in das Geschehen mit "eingebaut", ebenso zahlreiche Darsteller in kleineren Nebenrollen. Sie alle haben in 16 Szenen das Leben der Anna von 1506 als Kind bis 1579 als greise Frau (Annerose Weigel) erzählt.

Dabei ging es um handfeste historische Fakten, angedockt an das Leben der von allen Seiten verstoßenen Anna, die als junge Frau gern lesen und verstehen lernen wollte. Anna hat viel Hoffnung in die Herren Luther und Melanchthon und ihre Reformation gesetzt. Doch das Neue dauerte der ungeduldigen und resoluten wie meist unglücklichen Frau viel zu lange. Erst als ihr im hohen Alter ihre Urenkelin etwas vorlesen konnte, erkannte sie, dass die neue Zeit doch etwas gebracht hatte.

Kai Schubert hat sich bei seinen Texten nicht an eine strenge Linie gehalten. Mal waren es eng an das historische Geschehen angelegte Gespräche wie der Streit zwischen Luther, Melanchthon und dem Kurfürsten zum Schmalkaldener Krieg. Es gab aber auch deftig-flappsige Biertischreden. Köstlich wurde es, wenn Seitenhiebe in die Gegenwart zielten, wie zum Schliebener Wein, der beim reichen Kaufmann nicht gut wegkam, oder zu den Münzfreunden, "die ihr Geld selber machen". Ob der Satz "Egal, ob die Welt aus den Fugen gerät, in Herzberg ändert sich nichts." nur für das Mittelalter gedacht war, konnten die Zuschauer irgendwann für sich selbst entscheiden.

Ihr Urteil über das Reformationsspiel aber haben sie sehr schnell und einmütig gefällt. Die Theatercrew durfte in minutenlangen stehenden Ovationen baden. "Wir sind sehr zufrieden und glücklich, dass so viele Leute gekommen sind und ihnen das Stück gefallen hat", sagte Kai Schubert nach der ersten Aufführung. Zu den Zuschauern gehörte am Freitag bei einem gemütlichen Bier auch Landrat Christian Heinrich-Jaschinski. (Bürgermeister Michael Oecknigk war am Samstag da.) Auf die Frage, ob das Herzberger Theaterstück nicht eine der herausragendsten Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum in Elbe-Elster gewesen sei, meinte der Landrat: Es sei das Tollste, was er bisher gesehen habe. Und das Projekt sei auch super für den Zusammenhalt.

Damit hat er den Nagel wohl zumindest getroffen. In das Reformationsspiel waren viele Akteure einer neuen Generation in Herzberg integriert, die die Geschicke der Stadt zunehmend in die Hand nehmen will. Somit war der Aufbruch der Anna vielleicht auch ein Aufbruch für die Stadt. In puncto Theater jedenfalls sieht das so aus. "Hier ist eine tolle Truppe zusammengewachsen. Einige haben schon gefragt, was wir nächstes Jahr machen", sagt Kai Schubert.

In einigen Wochen gibt es ein erneutes Treffen aller Akteure. Und dabei wird man auch darüber reden, ob das Feuer, das die "Anna" entfacht hat, in Herzberg weiterglüht.

Beide Vorstellungen zum Reformationsspiel waren mit je 500 Besuchern bis auf den letzten Platz ausverkauft.
Beide Vorstellungen zum Reformationsspiel waren mit je 500 Besuchern bis auf den letzten Platz ausverkauft. FOTO: ru