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Gräfendorfer mit Faible für die Schwarzbunten

Marco Hartmann bei "seinen" Schwarzbunten in Gräfendorf.
Marco Hartmann bei "seinen" Schwarzbunten in Gräfendorf. FOTO: Rudow
Gräfendorf. Marco Hartmann heißt der diesjährige Tierzuchtpreisträger des Landes Brandenburg. Der Preis wird vom Ministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft vergeben. Der 35-jährige Landwirtschaftsmeister der Agrargenossenschaft Gräfendorf ist stolz darauf, denn er züchtet eine vom Aussterben bedrohte Rasse – das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind. Birgit Rudow

Einmal im Jahr wird der Tierzuchtpreis in Brandenburg vergeben. Dass er ihn diesmal bekommen hat, ist für Marco Hartmann eine große Anerkennung. Meist seien solche Preise ja eher älteren Züchtern vorbehalten, meint er. Doch das Gremium im Ministerium ist dem Vorschlag des RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg gefolgt und hat den 35-Jährigen aus Gräfendorf zum Preisträger ernannt.

Beim Landwirtschaftsmeister aus Langennaundorf wurde die Zuchtleidenschaft schon in jungen Jahren geweckt. Der Großvater hat zu Hause privat gezüchtet, und der Enkel war immer mit im Stall. Somit war eine Berufsausbildung in der Landwirtschaft vorprogrammiert. Der damalige Leiter der Gräfendorfer Agrargenossenschaft, Hansgeorg Löwe, hat das Interesse des jungen Landwirtes erkannt und ihn 1998 nach Gräfendorf geholt. Seitdem widmet sich Marco Hartmann der Zucht der Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind. Der Gräfendorfer Agrarbetrieb ist weltweit der Betrieb mit dem größten Bestand an diesen reinrassigen Tieren. Hier stehen 800 Milchkühe, dazu Bullen und die Nachzucht. Insgesamt sind es etwa 2000 Rinder.

Einst war das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind die bedeutendste Rinderrasse Nord- und Mitteleuropas. In den 1960er-Jahren wurden sie in Westdeutschland mit Holsteinern aus den USA und Kanada gekreuzt. Hier dominierten bald die Holstein Friesian, die mehr Milch brachten als die Schwarzbunten. Auch im Osten wurde Ende der 60er-Jahre das Milchrind der DDR gezüchtet und das reinrassige Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind mehr und mehr vertrieben. "Auf dem Gebiet des Elbe-Elster-Kreises haben sich damals viele Betriebe dagegen gewehrt. Deshalb wurde schon zu DDR-Zeiten hier eine Genreserve gehalten", sagt Marco Hartmann. So ist der Süden Brandenburgs noch heute die Hochburg dieser Rasse. "Bei uns ist das Verständnis dafür da. 1500 der etwa 2000 Milchkühe dieser Rasse stehen in Südbrandenburg."

Marco Hartmann versucht mit seiner Zuchtarbeit, Merkmale wie Typ, Breite, Vitalität, Fruchtbarkeit und Euterqualität zu verbessern. "Wir züchten nicht auf Leistung", sagt er. Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind gehört weder bei der Milch- noch bei der Fleischproduktion zu den Leistungsträgern. "Es ist von beidem ein bisschen. Wir wollen auch einen hohen Fleischanteil vorweisen, den andere Milchrassen nicht haben", erläutert er. Die EU und das Land Brandenburg unterstützen die Zucht, weil sie vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen fördern, um eine Rassenvielfalt zu sichern. "Ohne diese Unterstützung könnten wir das nicht machen. Aber es ist wichtig, denn Neuzüchtungen sind sehr anfällig. Wenn dabei mal etwas schiefgeht, steht unsere Genreserve zur Verfügung", so Marco Hartmann.

In Südbrandenburg, vor allem im Elbe-Elster-Kreis, widmen sich einige Landwirtschaftsbetriebe dem Erhalt der Rasse. Sie arbeiten gemeinsam im Verein "Genreserve Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind". "Wir entscheiden im Verein gemeinsam, welche Bullen nachgezogen werden. Aus Gräfendorf sind derzeit drei Bullen in der Besamungsstation. Auch der Zuchtverband RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg steht voll hinter uns", so Marco Hartmann.

Einige Bestände dieser Rasse gibt es noch in Irland, in Holland und in kleineren Betrieben in den Altbundesländern. Die Südbrandenburger stehen mit ihnen im engen Kontakt. Erst im März waren Marco Hartmann und einige Kollegen in Irland. Dorthin haben sie schon Bullen, Sperma und Embryonen verkauft. Auch in den deutschen Betrieben sehen sich die Vereinsmitglieder um. "Manchmal brauchen wir eine neue Blutlinie, um den Inzuchtfaktor nicht zur Gefahr werden zu lassen. Wir schauen genau, welche Merkmale die Tiere haben. Wir wollen uns mit der Zucht ja nicht verschlechtern", so Hartmann. Was die Zuchtmerkmale angeht, ist er gnadenlos.

Wohl auch deshalb finden sich in seinem Büro in Gräfendorf so viele Urkunden und Preise, die "seine Kühe" bei Wettbewerben und Ausstellungen errungen haben. Den Erfolg will er aber nicht für sich allein verbuchen. Der Abteilungsleiter Tierzucht Rind der Agrargenossenschaft Gräfendorf arbeitet gemeinsam mit 16 Kollegen in der Rinderproduktion. "Um bei der Zucht Erfolg zu haben, muss das gesamte Team mitspielen", sagt er. Marco Hartmann hat sich beruflich dem Erhalt der Kulturrasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind verschrieben. Er erlebt es, dass er auf Ausstellungen von jüngeren Kollegen dafür belächelt wird. "Ich begegne aber auch älteren Züchtern, die in den 50er- und 60er-Jahren selbst mit Schwarzbunten gearbeitet haben. Manchen stehen Tränen in den Augen vor Freude, dass es diese Rasse noch gibt", sagt er. Auch das ist sicher ein Grund für den Tierzuchtpreis.