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| 13:01 Uhr

Haus mit Tradition
Goldene Hochzeit „auf de Gabe“

Gertraud und Klaus Schuster feierten am vergangenen Freitag ihre Goldene Hochzeit. Die "Gottesgabe" ist seit 1860 im Familienbesitz.
Gertraud und Klaus Schuster feierten am vergangenen Freitag ihre Goldene Hochzeit. Die "Gottesgabe" ist seit 1860 im Familienbesitz. FOTO: Dieter Müller
Friedrichlsluga. Seit 1860 ist das ehemalige Gasthaus an der B 101 in Familienbesitz. Jüngst wurde es denkmalgerecht saniert. Von Birgit Rudow

Eigentlich sollte am vergangenen Freitag vor „Gottesgabe“ zur Goldenen Hochzeit von Gertraud und Klaus Schuster eine Pferdekutsche vorfahren. Aber es war einfach zu kalt, um das „Goldene Paar“ zur Segnung in die Friedrichslugaer Kirche zu bringen. Dabei hätten Pferde so gut gepasst. Denn das Leben von Gertraud und Klaus Schuster ist eng mit dem ehemaligen Gasthof „Gottesgabe“ direkt an der B 101 zwischen Herzberg und Wiederau verbunden, an dem Gäste einst die Pferde versorgt oder gewechselt haben. Es ist das Elternhaus von Gertraud Schuster und befindet sich seit 1860 im Familienbesitz.

„Gottesgabe“ – das kennt in der Herzberger Region fast jeder und vor allem für die Älteren verbinden sich mit dem Gasthof viele schöne Jugenderinnerungen. Den Namen soll dem Haus im Übrigen der Alte Fritz gegeben haben. Er habe hier mal Rast gemacht und nach einem Glas Wasser verlangt. Man reichte ihm ein Glas Milch und er bezeichnete es als „Gottesgabe“, berichtet Gertraud Schuster und verweist auf den Spruch vom Preußenkönig, der noch heute einen Ehrenplatz im Flur des Hauses hat.

So, wie es jetzt steht, hat es das Haus zu Zeiten des Alten Fritz noch nicht gegeben. Der Gasthof wurde 1835 errichtet, als die Chaussee zwischen Berlin und Dresden ausgebaut wurde, die damals wohl eher ein Sandweg war. Hier wurde Rast gemacht, übernachtet oder die Pferde wurden gewechselt. „Erst gehörte es dem Friseur Neubauer aus Herzberg. 1860 hat es Max Berger erworben“, sagt Klaus Schuster. Berger und seine Frau Lene sind die Großeltern von Gertraude Schuster. Max Schurig und seine Frau Klara, geborene Berger, ihre Eltern. „Gottesgabe war immer ein Gasthaus. Und bei uns war immer Leben in der Bude“, erinnert sich die heute 69-Jährige. Obwohl sie in der Landwirtschaft gearbeitet hat, hat sie den Eltern in der Gastwirtschaft immer unter die Arme gegriffen. Ob zu Himmelfahrt, zum Motocross in Bahnsdorf oder einfach nur als Dorfkneipe – in „Gottesgabe“ hat sich die ganze Umgebung zum Tanz, zum Preisskat oder einfach nur so getroffen. „Wir gehen ‚auf de Gabe’ hieß es früher. Ich sehe noch heute die junge Garde aus Bahnsdorf mit den Akkordeon den Berg runter zum Frühschoppen kommen“, erinnert sich Gertraud Schuster. „Damals waren die Leute genügsamer und der Zusammenhalt war ein anderer als heute“, sagt sie.

In „Gottesgabe“ haben sich auch viele Pärchen kennengelernt. Klaus und Gertraud allerdings nicht. Klaus Schuster war in den 60er-Jahren bei der GHG (in der DDR Großhandelsgesellschaft) beschäftigt und musste Brot und Brötchen auch nach Friedrichsluga ausliefern. Dort stand Gertraud in der Pause oft mit den Kolleginnen unter der großen Kastanie. „Irgendwann haben wir uns zugezwinkert und dann nahm alles seinen Lauf“, sagt sie. Am 2. März 1968 haben die beiden geheiratet und lebten gemeinsam in Gottesgabe. Vier Kinder wurden geboren. „Wir hatten eine sehr schöne Kindheit. Überall herum war Wald“, erzählt die jüngste Tochter Simone.

Während Klaus Schuster bis zu seiner Invalidisierung 1996 in verschiedenen Baubereichen gearbeitet hat, war Gertraud ab 1992 zu Hause. Zum Jahresende 1991 wurde den Mitarbeitern der LPG gekündigt. Danach hat sie die Mutter gepflegt. 1994 haben die Schusters ein Gewerbe angemeldet, um den Gasthof weiter zu führen. Doch daraus wurde nichts. „Wir haben bei den Banken um einen Kredit gebettelt, ihn aber nicht bekommen. Später waren wir eigentlich froh darüber. Denn als Familienbetrieb hätten wir es wahrscheinlich sehr schwer gehabt. Personal hätten wir uns nicht leisten können“, sagt Gertraud Schuster. Und so endete Mitte der 90er-Jahre die Gasthausgeschichte von Gottesgabe. Die Geschichte des Einzeldenkmals an der B 101 allerdings nicht.

2003 haben die Eltern das Haus ihrer Tochter Simone Oehler überschrieben, die jetzt mit ihrem Mann, den beiden Töchtern, Hund, Katze und Pferd in Gottesgabe lebt. Mit Hilfe von Denkmalschützern wurde das Haus denkmalgerecht saniert. Fassade, Fenster, Türen, Dach – alles neu. Die Entscheidung der Eltern, den Gasthof nicht weiter zu führen, hält Simone Oehler für richtig. Und sie freut sich, dass zur goldenen Hochzeit in dem Haus am Freitag ordentlich mit der gesamten Familie und vielen Freunden gefeiert wurde.

„Meinen Eltern und Großeltern war es nicht vergönnt, die goldene Hochzeit zu erleben. Wir waren die ersten in Gottesgabe und hatten einen sehr schönen Tag“, ist Gertraud Schuster dankbar.

Dieser Spruch vom Alten Fritz soll "Gottes Gabe" den Namen gegeben haben. Er hängt bei Familie Schuster im Hausflur.
Dieser Spruch vom Alten Fritz soll "Gottes Gabe" den Namen gegeben haben. Er hängt bei Familie Schuster im Hausflur. FOTO: Rudow / LR