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| 18:10 Uhr

Herzberg
Herzberger Ortswehren vor Zerreißprobe

Herzberg. Wie weiter mit den Herzberger Ortswehren? Der Entwurf des Gefahrenabwehrbedarfsplans deckt viele Schwachpunkte auf. Von Birgit Rudow und Sven Gückel

Laut Brandenburgischem Katastrophenschutzgesetz ist jede kreisfreie Stadt und jedes Amt verpflichtet, eine Gefahren- und Risikoanalyse und einen Gefahrenabwehrbedarfsplan zu erstellen. Seit 2016 forderte die Kommunalaufsicht des Landkreises einen solchen Plan von Herzberg ein. Jetzt reagiert die Stadt. Als eine weniger Kommunen hat sie die Analyse nicht selbst erstellt, sondern an die Luelf & Rinke Sicherheitsberatung GmbH Viersen extern in Auftrag gegeben. Ende August hat Stefan Finke von der Beratungsfirma den Entwurf des Gefahrenabwehrbedarfsplans in der Stadtverordnetenversammlung (SVV) vorgestellt. In der nächsten SVV im September konnten sich alle Ortswehren dazu äußern. Die Einschätzungen fielen unterschiedlich aus.

 Was der Entwurf über den Zustand der Herzberger Wehren auflistet, ist ernüchternd. Allein die Zahl der sanierungsbedürftigen Gerätehäuser ist erheblich. Rahnisdorf, Osteroda, Arnsnesta, Züllsdorf, Buckau, Löhsten und Fermerswalde benennt Finke vorrangig. Darüber hinaus mahnt er die für das Stadtgebiet nicht ausreichende Zahl an Einsatzkräften an. 2018 lag diese bei 165 Männern und Frauen aus 13 Einheiten. Im Stadtgebiet gebe es aber viele Wehren mit nur einstelliger Anzahl an Einsatzkräften und in der Gesamtheit viel zu wenige Atemschutzgeräteträger. Auch die Zahl der Gruppenführer sei zu gering. Wochentags seien bisweilen nur 27 Kräfte einsatzbereit. Mit den Schichtarbeitern ließe sich die Zahl auf maximal 42 erhöhen, rechnete Stefan Finke vor. Weitere Fakten seien die schrittweise Überalterung der Wehren, zu wenig Nachwuchs und viel Nachholbedarf bei der Fahrzeugtechnik.

Angesichts der personellen Situation in den Ortsteilen, die deutlich problematischer ist als in Herzberg, mahnte Finke Stadtverwaltung und Stadtverordnetenversammlung zu schnellem Handeln an. Dazu zählt unter anderem die Straffung der Standorte der Ortswehren von derzeit 13 auf maximal sieben. Doch selbst das würde die Personalnot nur vorübergehend lindern, betonte Finke. Die vorgeschlagene Standortstraffung sieht ein Zusammengehen der Wehren aus Borken und Arnsnesta, aus Züllsdorf und Löhsten sowie aus Buckau, Rahnisdorf und Fermerswalde vor. Gräfendorf und Mahdel würden Herzberg zugeordnet.

In der SVV Ende vergangener Woche äußerten sich Ortswehrführer, Ortsbeiräte und der Stadtbrandmeister zu den Vorschlägen und stellten die Situation in ihren Wehren dar. Bemängelt wurde von mehreren Seiten, dass die Zahlen und Fakten in dem Entwurf zur personellen Stärke und zum Ausbildungsstand der Kameradinnen und Kameraden nicht immer stimmen würden.

Insgesamt geht zu den Vorschlägen ein Riss durch die Herzberger Ortswehren. Borken, Friedrichsluga, Fermerswalde und Züllsdorf können nach Aussage ihrer Vertreter damit leben. Bis auf Fermerswalde, wo laut Andreas Kessel vom Ortsbeirat wochentags nur noch ein Kamerad zur Verfügung steht, stehen die drei anderen Standorte aber nicht zur Disposition.

Der Ortswehrführer von Buckau sieht seine Wehr mit 16 Mitgliedern wieder im Aufwind. Er bemängelt aber den Zustand des Gerätehauses, in dem es nicht mal einen Wasseranschluss oder eine Toilette gibt. Das würde keinen Kameraden motivieren, sagte er.

Heftig gegen eine Zusammenlegung argumentierten vor allem Arnsnesta und Rahnisdorf. Marcel Czisch, Ortswehrführer in Arnsnesta, zeichnete ein intaktes Bild seiner Wehr mit 20 Kameraden. Der Neubau einer Feuerwehrgarage sei schon 2015 vorgestellt worden. Bisher sei aber nichts passiert. „Wir wollen und werden nicht nach Borken umziehen. Ein Umzug wird den gemeinschaftlichen Austritt der Kameraden zur Folge haben“, sagte er.

Ähnlich argumentierte die Ortsvorsteherin von Rahnisdorf Katharina Schwarz. Sie übergab dem Stadtverordnetenvorsteher Jens Ott eine Liste mit 106 Unterschriften für den Erhalt des Standortes und den Bau eines neuen Gerätehauses. Mahdels Ortswehrführer Gerald Blumberg plädierte dafür, alles so zu lassen, wie es ist. Die Daten im Entwurf müssten überarbeitet werden, forderte er. Einen Anschluss an Herzberg sieht er kritisch. „Wenn die Schranke zu ist, ist Herzberg weg“, sagt er. Auch Gräfendorf könne sich nicht vorstellen, keine Ortswehr mehr zu haben, so Ortsvorsteher Gerd Rothaug. Als Stadtverordneter und Sprecher der LWG-Fraktion forderte er einen intensiven Dialog mit allen Wehren. Der Löhstener Ortswehrführer zweifelte ebenfalls daran, dass das Zusammengehen mit Züllsdorf praktikabel ist. „Wir sind gut aufgestellt. Warum sollen wir zusammengelegt werden?“, fragte er.

Axel Kuche von der Ortswehr Frauenhorst hingegen forderte einen kritischeren Umgang der Wehren mit sich selbst. „Es ist nicht alles so toll, wie es geschildert wird“, sagte er. Die Zusammenlegung von Standorten werde aber zu Austritten aus der Feuerwehr führen, so Kuche. Er mahnte an, damit vorsichtig umzugehen.

Viele Ortsvertreter führten die unbestritten führende Rolle der Wehr für das Gemeinschaftsleben im Ort an. Bei allem Verständnis dafür betonte Stadtbrandmeister Ralf Becker, dass es nicht um Tradition gehe, sondern um die Sicherheit der Menschen. Fast täglich gebe es Probleme mit der Einsatzbereitschaft. „Es sollen keine Wehren geschlossen, sondern Kräfte gebündelt werden“, so Becker. In die gleiche Kerbe stieß auch Bürgermeister Karsten Eule-Prütz. Und drückte sich (mit Entschuldigung) drastisch aus: „Wir wollen niemanden verlieren, aber wir sind in einigen Ortswehren an der Kotzgrenze dessen angekommen, was möglich ist“, sagte er. Man müsse das Geld, das da ist, sinnvoll einsetzen.

Jetzt sollen Gespräche mit allen Ortswehren geführt und eine Projektgruppe gebildet werden, die sich weiter mit den Vorschlägen der Zusammenführungen beschäftigt.

  Vertreter fast aller Ortswehren waren zur SVV im Bürgerzentrum gekommen.
Vertreter fast aller Ortswehren waren zur SVV im Bürgerzentrum gekommen. FOTO: LR / Rudow